1. Lokales
  2. Jülich

Was „Big Data“ für uns bedeutet: Die Chancen und Risiken der Digitalisierung fundiert vorgestellt

Was „Big Data“ für uns bedeutet : Die Chancen und Risiken der Digitalisierung fundiert vorgestellt

Stellen Sie sich vor, Sie wollen Schuhe kaufen. Weil die Auswahl im Internet größer ist als in der Stadt, suchen Sie auch dort. Nach einigen Tagen oder auch Stunden wird Ihnen auffallen, wie viel Werbung sie plötzlich überall von verschiedensten Schuhmarken bekommen.

Was dahinter steckt, sind Algorithmen und damit auch „Big Data“. Im Grunde steht der Begriff „Big Data“ ganz einfach für große Massen an Daten. Die kommen zum Beispiel zum Einsatz, wenn komplexe Zusammenhänge erfasst und analysiert werden sollen. Dabei sind häufig sogenannte Algorithmen wichtig, die beispielsweise das Verhalten von Internetnutzern durchleuchten. Sie strukturieren die gesammelten Daten und werten sie entsprechend ihrer Programmierung aus.

Die Informationen über Ihren Schuhkauf werden dann zum Beispiel dafür genutzt, Ihnen online Schuhe oder andere Artikel anzupreisen, die Ihnen gefallen könnten. Von Grund auf schlecht ist das nicht, schließlich schadet Ihnen Schuhwerbung in diesem Sinne nicht. Die Tendenz zur Überwachung allerdings ist dadurch deutlich zu erkennen.

Oft verwendet man den Begriff des „gläsernen Menschen“. „Das erinnert mich etwas an George Orwell“, sagt Thomas Rachel, Dürener CDU-Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär ab Bundesministerium für Bildung und Forschung. Er war einer der Teilnehmer an der Podiumsdiskussion der Jungen Union und des Evangelischen Arbeitskreises der CDU im Technologiezentrum zum Thema „Big Data“.

Im Laufe des Abends wird auch das Beispiel der „Social Scores“ genannt, die in einigen Städten Chinas schon eingesetzt werden. Dabei wird jeder Bürger überwacht und alle seine Handlungen in Pluspunkte oder Minuspunkte verwandelt. Die ergeben dann zusammen den „Social Score“, der darüber entscheidet, welchen Job er bekommen kann, welche Schule die Kinder besuchen und vieles mehr.

Big Data bietet nicht nur Gefahren, sondern auch Möglichkeiten. Ein Beispiel der positiven Nutzung dieser Möglichkeiten kommt aus dem Forschungszentrum Jülich: Dort arbeitet man daran, Wetterprognosen viel genauer zu machen — anhand der Analysen der Verhältnisse. Auch viele andere Zusammenhänge können dank Big Data ausgewertet und verstanden werden. Dazu gehört auch die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenzen (KI). Denn durch die Masse an Informationen über menschliches Verhalten, die im Internet zu finden sind, ist es den Entwicklern möglich geworden, die KIs dem Menschen immer ähnlicher zu machen.

Die Diskussionsteilnehmer: (v.l.n.r.) Jens Hövelmann, Clea Stille, Jens Sannig, Thomas Rachel, Julia Dinn und Arnd Simon. Foto: Rings

Und damit ist das grundsätzliche Dilemma der Zukunft mit Big Data erklärt: Überwachung und Risiko gegen Erkenntnisse und neue Möglichkeiten.

Arnd Simon arbeitet in seinem Vortrag vor der Podiumsdiskussion einige Vorteile, Nachteile und vorsichtige Zukunftsprognosen heraus. Er ist Senior Director bei Microsoft Digital und erklärt die vier industriellen Revolutionen, die die Menschheit erlebt hat und gerade erlebt. Die erste, die Mechanisierung. Dann die zweite, die Massenproduktion. Die dritte, die Automatisierung, dazu gehört auch die Zugänglichkeit für viele Menschen — davor hatte man es noch für unmöglich gehalten, dass irgendwann fast jeder Haushalt einen Computer besitzen solle. Schließlich die vierte Revolution, die wir in diesem Moment erleben: Interaktive Systeme. Ob Google Ihnen auf Zuruf Fragen beantwortet oder Alexa das Lied abspielt, das Sie möchten, alles sind erste Formen von interaktiven Systemen im Alltag. Man kann dazu stehen wie man möchte: „Es gibt im Grunde keinen Rückweg“, sagt Arnd Simon.

Damit meint er die gesamte Digitalisierung. Denn diese wird auch die Art, wie wir Arbeiten, auf den Kopf stellen. Man redet von Arbeit 4.0, der Arbeit in der Zukunft. Bei Simon ist das schon zu weiten Teilen zur Gegenwart geworden. Da er bei Microsoft am Computer arbeitet, kann er das von jedem Ort der Welt tun und vor allem: zu jeder Zeit. Das spricht besonders junge Leute an, so sagt er. Heutzutage seien Spaß, wenig Hierarchien und eine „Work-Life-Balance“ wichtiger als Statussymbole oder viel Geld. Die Vorteile dieses flexiblen Arbeitens liegen für Arnd Simon auf der Hand: Nur einmal in der Woche fährt er ins Büro und spart dadurch Geld und Zeit und schont die Umwelt.

Außerdem sollen Netzwerke eine wichtige Rolle bei der Jobsuche spielen. Portale wie „LinkedIn“ oder „XING“ würden schon jetzt viel genutzt. Der Vorteil davon sei die Transparenz, da jeder Arbeitgeber die Rezensionen über die Personen sehen könne. Doch damit hätten alle Bewerber, die nicht unter die Bestbewerteten fallen, wohl nicht mehr so einfach die Chance, sich persönlich vorzustellen. Später in der Diskussion wirft Clea Stille vom Deutschen Gewerkschaftsbund dazu Fragen auf: Was ist mit denen, die es nicht unter die Besten schaffen, die keine guten Startchancen hatten, die gewissermaßen nicht zur „Elite“ gehören?

Ein „Megathema“ nennt Julia Dinn, die Kreisvorsitzende der Jungen Union, Big Data, die Digitalisierung und Arbeit 4.0 in ihren eröffnenden Worten. Und sie behält Recht. Über ein derart komplexes Thema lässt sich kaum ausführlich in zwei Stunden diskutieren.

Künstliche Moral?

Die neue Art, zu arbeiten, wie sie Arnd Simon positiv darstellt, sieht ein Zuhörer kritisch. Alleine Zuhause arbeiten? Macht das glücklich? „Mir würde die kollegiale Zusammenarbeit fehlen“. Dazu käme, dass man ständig erreichbar sein müsse und schlecht abschalten könne. „Wir sind immer noch soziale Wesen“ ergänzt Jens Sannig, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Jülich. Clea Stille zeigt sich besorgt über die psychische Belastung, die ihrer Meinung nach steigen könne bei einem rund um die Uhr arbeitenden globalen Team, das ständige Erreichbarkeit verlange.

Ein weiterer Teilbereich, die künstlichen Intelligenzen, wirft ebenfalls Fragen auf. KIs können zum Beispiel für Roboter, autonomes Fahren, Buchhaltung und mehr verwendet werden. Dadurch könnten einige Arbeitskräfte billig ersetzt werden und sich so der Arbeitsmarkt erheblich verschieben.

Das Beispiel der Pflegeroboter wird von einem im medizinischen Bereich tätigen Zuhörer stark kritisiert. Die menschliche Zuwendung sei „Teil der Therapie, Teil der Pflege“ und damit nie durch einen Roboter zu ersetzen. Thomas Rachel spricht sich trotzdem für eine teilweise Integration der Digitalisierung in den medizinischen Bereich aus. In der Berliner Charité sei durch sogenannte „Telemedizin“ (Ärzte arbeiten über das Internet und Live-Beobachtung zusammen, ohne am selben Ort sein zu müssen) vielen Herzinsuffizienzpatienten sehr gut geholfen worden.

Doch inwiefern sind künstliche Intelligenzen im Extremfall dazu in der Lage, aufgrund ethischer Richtlinien zu handeln? „Eine AI (Artificial Intelligence, dt.: Künstliche Intelligenz) ist weder gut noch böse“, erklärt Arnd Simon. Sie tue das, was man ihr beibringe. Ein Zuhörer schildert folgendes Problem: Importierten wir uns eine KI aus China, brächten die ein ganz anderes Wertesystem mit als eine aus Europa oder aus den USA.

Auch andere Bedenken werden laut. Kann eine KI jemals eine Moral entwickeln? Viele dieser Fragen bleiben an diesem Abend unbeantwortet und werden es wohl noch einige Zeit bleiben. Sicher ist nur, dass die Zeit kommt, in der wir uns um die Antworten kümmern müssen. Diese anregende Diskussionsrunde ist daher nicht die erste und wird bei weitem nicht die letzte sein, die sich das „Megathema“ vornehmen muss.