Jülich: Die besten Gespräche kommen beim Tee

Jülich: Die besten Gespräche kommen beim Tee

„Hier habe ich ein eigenes Haus.” Darüber freuen sich üblicherweise Mieter, wenn sie stolz in Eigenheim umziehen. Tobias Stroms sagt das zwar auch, gehört aber nicht in diese Kategorie.

Sein „Haus” ist das Dietrich-Bonhoeffer-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde Jülich. Hier ist der Sozialarbeiter seit Oktober 2010 Leiter der Offenen Jugend-Einrichtung.

Tobias Storms kam sozusagen von der Straße. Drei Jahre lang war er schwerpunktmäßig zuständig für die Mobile Jugendarbeit in den Linnicher Stadtteilen. Sein Schreibtisch stand im Evangelischen Gemeindehaus. Als Jugendleiterin Stefanie Arndt ihre Stelle im Bonhoeffer-Haus aufgab, bewarb sich Storms, und er wurde genommen.

Seine Arbeit an neuer Wirkungsstätte unterscheidet sich in einem grundsätzlich zu der vorangegangenen. „In Linnich habe ich aufsuchende Arbeit geleistet. Hier kommen die Jugendlichen zu mir.” Überwiegend, denn ein wenig mobil muss Storms wieder sein. Zu seinem Einzugsbereich zählt das Jülicher Nordviertel. Da ist er jeden Montag gemeinsam mit dem Bus des Kreisjugendamtes „Wilde 13”, wenn die Jugendeinrichtung im Bonhoeffer-Haus geschlossen ist. Jetzt, nach vier Monaten, erntet er erste Früchte dieser „Außentermine”. „Einige von den Jugendlichen dort besuchen jetzt unser Haus.”

Die Burschen aus dem Nordviertel bilden im Wesentlichen auch die 15 bis 20 Mann starke Gruppe beim offenen Jugendtreff - fast allesamt mit Migrationshintergrund. Deren Vertrauen musste sich Storms erst verdienen. Sein Hilfsmittel verblüfft. „Es gibt hier immer kostenlos Wasser und Tee”, verrät Storms das Geheimnis des Erfolgs. „Toby macht Tee!” ist schon zum geflügelten Wort im Haus geworden. „Ist schon verrückt: Man sitzt bei einer Tasse Tee, kommt ins Plaudern. Nach vier Monaten vertrauen die Jugendlichen sich mir an.” Dann wird aus dem Jugendleiter mehr als nur der Schlüsselmeister zu Billard- und Kickerraum. Dann wird er Zuhörer, Ratgeber und manchmal auch Helfer bei konkreten Nöten. Das ist es, sagt Storms, was die Jugendarbeit ausmacht. „Man strebt ja auch die Persönlichkeitsstärkung der Jugendlichen an.”

Bei aller Nähe zu den Jugendlichen und Kindern sieht sich Tobias jedoch nicht als dauerfröhlichen Kumpeltyp. Regeln einhalten, Werte vermitteln sind ebenfalls Bestandteile der pädagogischen Einflussnahme. So hat er festgelegt, dass niemand ohne Gruß in die Einrichtung kommt. „Die merken schon, dass in so einem Haus die Jugendlichen Gäste sind. Sie dürfen es nutzen, aber es ist nicht ihres.”

45 bis 50 Jugendliche suchen das Bonhoeffer-Haus regelmäßig im Laufe der Woche auf. Wenig, viel, steigerungsfähig - der Jugendleiter misst dieser Fragestellung eher geringe Bedeutung bei: „Der Gradmesser meiner Leistung sind nicht die Zahlen, wie viele Kinder und Jugendliche ich betreue. Für mich zählt die Intensität, die ich im Gespräch mit den Jugendlichen erreiche.” Tiefe statt Oberflächlichkeit.

Tobias Storms Wirkungsbereich hat sich in Jülich etwas erweitert. „In Linnich habe ich mich hauptsächlich auf Jugendliche konzentriert. Hier ist die Altersstruktur breiter.” Beim Kindertreff bastelt, spielt, kocht und backt der Leiter der Jugendeinrichtung mit Sechs- bis Elfjährigen. Nicht alle Aktivitäten, die Storms für die Älteren im Köcher hat, sind von den ganz jungen Besuchern des Bonhoeffer-Hauses nutzbar. Die Ferienfahrt ins Jugendbildungszentrum Blossin bei Berlin vom 10. bis 16. August ist etwas für Jugendliche ab zwölf Jahre. Diese Fahrt erfolgt im Übrigen in Kooperation mit der Offenen Jugendarbeit der Gemeinde Titz. Neben Tagesausflügen und Ferienprogramm steht die Fahrt zum Kirchentag nach Dresden dick in Storms Terminkalender. Dabei ist er in allen Fällen auf Hilfe angewiesen. Teamer heißen die jungen Leute, die ehrenamtlich Jugendarbeit leisten und zum Teil selbst als Kinder oder Jugendliche das Bonhoeffer-Haus besucht haben. Leonie Latour ist eine von ihnen. Die 18-Jährige gehört zum Orga-Team, das einen Konzertabend mit Bands plant. Termin soll der 11. März sein. „Das soll wieder fester Bestandteil im Bonhoeffer-Haus werden”, sagt Tobias Storms. Kein ganz einfaches Unterfangen, denn auch die Teamer-Truppe ist im Umbruch. Storms ist dankbar für jeden, der zu dem Team stößt. „Einfach mal vorbeikommen”, lädt er ein.

Auch nach vier Monaten sieht sich Tobias Storms immer noch in der Kennenlern-Phase. „Es ist noch so, dass mich einige Jugendliche noch siezen.”

Nach seinen Wünschen gefragt, kommt wie aus der Pistole geschossen: „Eine Vertrauensbasis schaffen, auf der man über Persönliches reden kann.” Und ein wenig Materielles steht ebenfalls auf der Wunschliste: „Ein Lift wäre toll, damit auch Behinderte hier herein kommen können.” An der Umsetzung dieses Wunsches wird zumindest gedanklich schon gearbeitet.

Das Angebot für Kinder und Jugendliche im Bonhoeffer-Haus umfasst:

Dienstag, 15 bis 17 Uhr: Mädchentreff (ab zehn Jahre); 17 bis 21 Uhr, Offener Jugendtreff ab zwölf Jahre.

Mittwoch: 18 bis 20 Uhr, Hip-Hop-Tanzkurs.

Donnerstag: 15 bis 17, Offener Kindertreff (sechs bis elf Jahre); 17 bis 21 Uhr, Offener Jugendtreff (ab zwölf).

Freitag: 15 bis 19 Uhr Offener Jugendtreff (ab zwölf).

Montags ist die Jugendeinrichtung im Bonhoeffer-Haus geschlossen. Dann erfolgt von 15 bis 20 Uhr die Mobile Jugendarbeit im Nordviertel gemeinsam mit dem Jugendbus „Die Wilde 13”.

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