Jülich: Die Auswirkungen der Wetterkapriolen im Jülicher Land

Jülich: Die Auswirkungen der Wetterkapriolen im Jülicher Land

Auch wenn der November langsam sein dunkles Gesicht zeigt — gestartet ist er mit außergewöhnlichen Temperaturen. Bis zu 20 Grad zeigte das Thermometer im Jülicher Land an. Wie reagiert die Tier- und Pflanzenwelt darauf?

Die Temperatur lag über der Norm. Das bestätigt Dr. Axel Knaps, Leiter der Wetterstation im Forschungszentrum Jülich. „Bliebe es so, entspreche es einem Durchschnittswert von 12,4 Grad.“ Der normale Durchschnittswert im November liegt bei 6,2 Grad, besagt eine Statistik der Jülicher Wetterstation, die bis auf das Jahr 1961 zurückgeht.

Astrid Kiendler-Scharr, Leiterin des Institutsbereichs Troposphäre, vor der Jülicher Klimakammer. Foto: Mengel-Driefert

„Wir wissen nicht, wie das Wetter in den nächsten zwei Wochen wird, aber um den Durchschnittswert zu erreichen, müsste es sofort knackig kalt werden und die Temperatur täglich bei 0,9 Grad liegen.“ Knaps vergleicht auch die Jahresmitteltemperaturen und stellt fest: „Es ist 0,5 bis 0,8 Grad wärmer geworden als in den 60er Jahren.“

Axel Knaps, Leiter der FZJ-Wetterstation: „Es ist wärmer geworden.“ Foto: Mengel-Driefert

„Aktuell ist das vegetative Wachstum ganz stark“, sagt Dr. Lutz Dalbeck von der Biologischen Station im Kreis Düren. Er ist davon überzeugt, „dass sich Mittelmeerarten in unserer Region ansiedeln werden und andere verschwinden“, wenn sich die milden Winter wiederholen und die Vegetationsperioden länger anhalten.

Das geschehe auch schon aktuell und sei deutlich erkennbar bei Libellen und Heuschreckenarten. Dalbeck hat eine Feuerlibelle erstmals in Spanien gesehen, heute ist ihm ein Vorkommen im Kreisgebiet bekannt. Auch Mittelmeerschrecken gibt es inzwischen in der Region. Sie sind in Linnich und Jülich zu finden.

Landschaftswart Karl-Heinz Johnen weist auf eine andere Besonderheit des Jahres hin: eine längere Periode der Trockenheit. Größere Niederschläge stellten sich erst im August und September ein. In Folge der späten Niederschläge und der aktuell milden Temperaturen stehen die Wiesen nun noch in saftigem Grün. Die Blätter konnten sich durch den späten Regen länger an den Bäumen halten und sehr bunt verfärben.

Dr. Alexander Graf vom Institut für Bio- und Geowissenschaften beschäftigt sich im Forschungszentrum mit den Auswirkungen des Klimas auf die Landwirtschaft. Die aktuellen Ergebnisse liegen zwar noch nicht vor, er kann aber Vergleiche zu früheren Jahren mit milden Temperaturen ziehen. Fest steht: In einem warmen Winter kommt es zu einer Nitratauswaschung in den Böden.

Die Mikroorganismen fühlen sich wohl, und es geht viel Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre. Das ist ein Unterschied zu den Abläufen im Sommer. Denn da wird der Stickstoff von den Pflanzen aufgenommen, nur ein kleiner Teil verschwindet als Nitrat in den Böden. Der Atmosphäre wird mehr CO2 entzogen als abgegeben.

Zum Glück hätten sich die Landwirte angepasst, bauen sogenannte Zwischenpflanzen wie Ölrettich-Sorten oder Gelbsenf an. Deren Aufgabe ist es, das Nitrat in der Pflanze zu binden. Die Forscher interessieren die Zwischenpflanzen im Hinblick der CO2-Aufnahme. Sie untersuchen, was passiert, wenn in einer Region viele Flächen angebaut werden.

Ist der warme November ein Zeichen des Klimawandels? Danach haben wir Prof. Astrid Kiendler-Scharr, Leiterin des Institutsbereichs Troposphäre im FZJ, gefragt. „Isoliert ist keine Bewertung vorzunehmen“, sagt die Expertin. Aber es gebe eine Reihe von Hinweisen, dass ein Klimawandel stattfindet. Steigende Temperaturen und ein Rückgang von Niederschlägen sind Indizien.

Und der ebenso warme wie zunächst trockene November reiht sich in die Indizienkette ein, die über eine längeren Zeitraum aufgestellt wird. Typisch für den Klimawandel sei aber auch eine Häufigkeit von Extremereignissen wie Starkregen, Extremkälte oder Trockenheit.

Die November-Wetterkapriolen gehen weiter. Nach Wärme und Trockenheit während des halben Monats folgten Sturm und Regen. Zum Wochenende wird‘s kalt — es könnte sogar schneien. Dann hätte der November gerade noch die Kurve Richtung Winter gekriegt...

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