Linnich: „Der Trödeltrupp“: Die Läuterung der Sammel-Süchtigen

Linnich: „Der Trödeltrupp“: Die Läuterung der Sammel-Süchtigen

Das klingt nach Stunden und Tage voller Schmerz in einer Folterkammer. „Wir mussten ihn erst einmal läutern“, sagt Mauro Corradino und hört sich dabei auch noch an wie ein Folterknecht. Vermutlich hat es sich für Lydias Mann auch genau so angefühlt.

Denn all das, was der Mann aus Linnich über viele Jahre gesammelt hat, soll weg. Schrott, Krempel, Trödel und alte Schätzchen — die Familie hatte viel zu viel davon. So viel, dass das Durchqueren des Innenhofs des alten Bauernhofs einem Hindernislauf unter erschwerten Bedingungen geglichen haben muss.

ssxy Foto: Guido Jansen

Und deswegen hat die Familie beim Fernsehsender RTL II angerufen. Dort gibt es ein Format namens „Der Trödeltrupp — Das Geld liegt im Keller“. RTL II rückt dann mit Experten an, die sofort erkennen, was Schrott und ist und was sich noch zu Geld machen lässt.

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Und einem TV-Produktionsteam, das dabei ist, wenn die Trödelexperten die notorischen Sammler läutern, mit Altmetall-Händlern feilschen und einen großen Trödelmarkt organisieren. Dieser Trödelmarkt ist der finale Akt der Läuterung für einen Menschen, der mit dem Sammeln nicht aufhören kann. Denn viele Dinge, die er an sich genommen hat, verschwinden jetzt in den Taschen, Kofferräumen und Anhängern anderer. „Man muss lernen, loszulassen“, sagt Corradino. Das klingt wieder zweideutig, ist aber eindeutig gemeint.

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Ein großer Teil ist schon weg, Corradino und die anderen zwei Folterknechte haben mit einem vier Tage dauernden Großeinsatz dafür gesorgt. Jetzt gerade passiert der finale Akt, die letzte Folter — der Trödelmarkt. Geheimhalten wollen die Fernsehleute das nicht. Man stelle sich vor, es ist Trödelmarkt und keiner geht hin. Nur der Nachname von Lydias Familie soll nicht in der Zeitung stehen.

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Geheimhalten würde auch nicht funktionieren. Denn irgendwie zieht der Trödeltrupp Sammler an wie Popstars ihre kreischenden Fans, die intuitiv zu ahnen scheinen, wo ihre Idole sind. So wie den Mann, der fünf Euro für einen Mercedesstern zahlen will, der so groß ist wie eine Radkappe. „Fünf Euro“, fragt TV-Trödler Sükrü Pehlivan. Der Klang seiner Stimme und das aufgesetzte Entsetzen in seinen Gesichtszügen verraten den Profi.

Pehlivan weiß, dass er den Sammler in der Tasche hat und er weiß, was der Sammler in der Tasche hat. „Gib mir nen Zehner, dann kannste den haben“, sagt er. Aber der Sammler stellt auf stur, sagt, dass er nicht mehr dabei hat. Pehlivan lächelt jetzt süffisant, so wie ein Theaterschauspieler lächelt, wenn er sicherstellen will, dass auch die Zuschauer in der letzten Reihe die Süffisanz erkennen. Die große Mimik hat Erfolg. Der Sammler zieht einen dicken Geldbündel mit großen Scheinen aus der Tasche, nestelt irgendwo den zweiten kleinen Fünfer heraus, dann gehört der Stern ihm.

So geht das fast zwei Stunden lang. Nicht nur die Nachbarschaft ist gekommen, um zu schauen, was los ist und um Lydias Familie gegen ein bisschen Geld zu entrümpeln. Sondern auch Sammler von weiter her, die mit großen Kofferräumen, Anhängern und gerollten Geldscheinbündeln in den Taschen angerückt sind. Sie kommen hauptsächlich wegen der vielen Autoteile, die im Innenhof stehen. Manch einer trödelt so intensiv, dass ihm zuzutrauen ist, bald selbst beim Trödeltrupp anzurufen.

Es sei denn, der eigens engagierte Sicherheitsdienst schließt die Eingangstüre zum Innenhof und die Sammler, die rein wollen, müssen draußen warten. Dann wird gedreht. Dann erzählen die Trödelprofis Lydias Familie, wie es weiter gehen muss, wenn der Trupp weg ist. „Sie müssen lernen, dass man Projekte abschließt, bevor man etwas Neues beginnt“, sagt Corradino.

Sonst werde das Leben zu einer großen Unvollendeten mit viel Schrott. Lydias Familie habe das gelernt. „Sie haben eine Perspektive. Aber sie haben auch noch viel zu tun“, sagt Corradino. Denn ein Großteil des Trödelmarktes ist noch nicht abgeräumt, als das Fernsehteam alles abgedreht hat, was es benötigt und der Markt deswegen nach zwei Stunden geschlossen wird.

Dass der Vergleich des Trödeltrupps mit Popstars nicht hinkt, zeigen die vielen Autogrammjäger, die dem Trödeltrupp nachjagen. „Fünf Euro“, sagt Sükrü Pehlivan. Diesmal wirkt seine Mimik anders, schelmischer. Er grinst. „Nein, Quatsch“, sagt er und rückt die Autogrammkarte raus.

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