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Gesellschaft gegen das Vergessen: Der Jülicher Verein, der gern längst unnötig wäre

Gesellschaft gegen das Vergessen : Der Jülicher Verein, der gern längst unnötig wäre

„Gut, dass es uns gibt. Schade, dass es uns noch geben muss.“ Mit diesen Worten bewertet Heinz Spelthahn die Arbeit und die Notwendigkeit der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz.

Spelthahn ist Vorsitzender des Vereins, der heute vor 20 Jahren gegründet worden ist.

Die 80 Gründungsmitglieder damals und die 100 Mitglieder heute einen vor allem zwei Überzeugungen: Einerseits der politische Wille, den Spelthahn auf den Punkt bringt: „Demokratie braucht Demokraten. Wir wollen Leute ermutigen, sich zu engagieren.“ Andererseits schildert der Vorsitzende, wie er und seine Mitstreiter sich verletzt fühlten, angesichts der Fremdenfeindlichkeit und des Antisemitismus zur Zeit der Jahrtausendwende. „Dem wollten wir etwas entgegensetzen.“ Zwei Jahrzehnte später hat diese Motivation nichts an Aktualität verloren. „Wir haben leider nicht das Gefühl, dass wir überflüssig sind“, bedauert Spelthahn.

Das erste große, und bis heute wahrscheinlich das prominenteste Projekt der Jülicher Gesellschaft ist das Mahnmal zum Gedenken an die Verfolgung und Ermordung der Juden aus dem Jülicher Land. Die zwei geschwungenen Granitblöcke stehen seit dem 2. Dezember 2001 auf dem Propst-Bechte-Platz. Dort, direkt neben dem Schulhof vom Westgebäude des Gymnasiums Zitadelle, soll es mitten im Leben stehen, bemerkt werden. „Deshalb haben wir auch nichts dagegen, wenn damit Fußball gespielt wird“, erzählt Heinz Spelthahn und lacht. Das Mahnmal soll Denkanstöße geben. Spelthahn: „Im Jülicher Land wurden 120 Menschen ermordet. Es fehlen Nachbarn, es fehlt Geist. Mitten in Europa, im Land der Dicher und Denker, war es möglich, die Juden – stellvertretend für viele andere, die im Nazireich Außenstehende waren – zu töten.“ Seine Frau Gabriele ergänzt: „Mit dem Mahnmal sind die Juden wieder mitten in der Stadt – wenn auch anders, als wir es gehofft hatten.“

Der Verein hat sich auf die Fahnen geschrieben, möglichst viel auf Schüler und Lehrer zuzugehen, um zu vermitteln, was mit den Juden im Jülicher Land geschehen ist. Einige Schulen der Umgebung nutzen dieses Angebot schon intensiv, das sei aber auch stark abhängig vom Engagement einzelner Geschichtslehrer, sagen die Spelthahns.

Das Eherpaar aus Pattern hat in den 90er Jahren damit begonnen, zum jüdischen Leben in Jülich zu forschen. Damit seien sie zwar spät dran gewesen, aber immer noch rechtzeitig, um einige Betroffene kennenzulernen. Noch heute haben Gabriele und Heinz Spelthahn Kontakt zu Juden, die nach Kalifornien, England, Israel, Frankreich oder in die Niederlande geflohen sind, sowie zu deren Kindern. „Uns ist wichtig, mit Juden zu reden und nicht – wie meistens – nur über sie.“

   Heinz und Gabriele Spelthahn engagieren sich für jüdisches Leben in Deutschland.
Heinz und Gabriele Spelthahn engagieren sich für jüdisches Leben in Deutschland. Foto: Anne Schröer

In seinem Engagement ist es dem Vorstand der Jülicher Gesellschaft wichtig, Toleranz nicht passiv zu betrachten, sondern als aktives „Ja zum Anderssein“. Besonders in der aktuellen Zeit. „Das was ist, ist immer gefährdet. Es kann immer umschlagen. Wir haben es selbst in der Hand, Entwicklungen zu erkennen und zu stoppen“, mahnt Heinz Spelthahn.