Historetten: Der Fundus reicht für ein eigenes Museum

Historetten : Der Fundus reicht für ein eigenes Museum

„Gegenstände erzählen ihre Geschichte“ lautet der Untertitel der neuen Veranstaltungsreihe „Erzählcafé“ in der Alten Schule Rödingen. „Wir wollten mal ein neues Format testen“, erklärte Franz-Felix Schüller, Redaktionsmitglied der Rödinger Historetten, die Idee.

Sogleich fanden die Vereinsmitglieder Unterstützung beim „Bürgerverein Alte Schule“, der das Café des Altgebäudes zur Verfügung stellte. „Angedacht ist, dass Leute mit Gegenständen kommen und ihre Geschichte erzählen, als eine Art Selbstläufer“, ergänzt Schüller. Bei der recht gut besuchten Erstauflage hatten die Historetten, die über „den Grundstock für ein Museum“ verfügen, aus ihrem Fundus Gegenstände platziert. In der Raterunde vor der eigentlich Objektvorstellung zeigten die durchweg älteren Teilnehmer ihren Erfahrungsschatz. So kannte Dietrich Hermes bereits aus dem elterlichen Haushalt das größte präsentierte Objekt, eine Wäschepresse der Firma „Frauenlob“.

Nach Worten von Michaela Schuh kam sie Mitte der 1920er Jahre auf den Markt und wurde bis etwa 1965 gebaut. Sie wurde mit nasser Wäsche gefüllt, vornehmlich einem oder zwei Bettlaken, die ansonsten nur äußerst mühsam auszuwringen sind. Die Presse funktionierte nur „mit ausreichend Wasserdruck von unten“, oben floss überschüssiges Wasser ab. Mit der Objektvorstellung verbunden waren etliche Hintergrundinformationen wie die Tatsache, dass bis etwa 1910 in den einfachen Haushalten „zwischen Ostern und Oktober gar nicht gewaschen wurde“ und „die Hygienestandards sich erst mit den Maschinen veränderten“.

Beim zweiten Objekt handelte es sich um einen antiken Speckkranz. „In alten Zeiten wurde ab November bis März in der Heizperiode geschlachtet“, wie Schüller erläuterte. Daher wird der November im Volksmund noch „Bloodsmont“ genannt. Speck und Würste wurden am Speckkranz in eine Vorrichtung im Kamin gehängt, der zur besseren Aromatisierung mit Buchenholz geheizt wurde. In diesem Zusammenhang erläuterte Hermes die Redewendung „Einen Zahn zulegen“. Der Speckkranz wurde an einer sogenannten Zahnleiste höher oder tiefer gehängt, je tiefer, umso schneller gestaltete sich der Räucherprozess. Nach Bekunden der Historiker war der Spreckkranz Vorläufer des Räucherschranks.

Brandeisen kennzeichnete Ziegen

Als interessant erwiesen sich ferner Bleikugeln, die als Munition für eine Kartätsche dienten. Das ist ein dünnwandiges Hohlgeschoss, das auf kürzestes Entfernung auf Menschen und Tiere gefeuert wurde. „Napoleon hatte die Royalisten in Paris (1795) niederkartätschen lassen“, führte Schüller in historische Hintergründe ein. „Eindeutig örtlichen Bezug“ hatte ein Brandeisen für Ziegen, die damit ein bis zweimal jährlich gebrandmarkt wurden. „Die Gemeinde hatte kilometerweise Feldraine verpachtet“, die vornehmlich zur Beweidung beziehungsweise zur Tierfutterherstellung genutzt wurden. Büchsten Ziegen aus, waren sie durch das Brandmal schnell wiederzufinden.

Eine der vorgestellten Gegenstände war „zu 99 Prozent ein Beerenpflücker“. „In den Bürgewäldern gab es eine Menge Waldbeeren“, erklärte Schuh. Die Pflanze wurde zwar durch das Abmähen mit dem kammähnlichen Gerät aus Metall arg geschädigt, aber „daran hat man früher noch nicht gedacht“. Da es zudem noch so viel Wald gab, „war es wohl auch nicht so tragisch“, sagte Schuh. Durch die eine oder andere Anekdote – etwa über den Lebensabend des rheinischen Kaltblüters Max – entwickelte sich die Objektvorstellung im Laufe des Abends in ein echtes Erzählcafé.