Jackerath: „Der Fall Rautermann“: Der Zuschauer in der Rolle des Richters

Jackerath: „Der Fall Rautermann“: Der Zuschauer in der Rolle des Richters

Emotionen kochten hoch im umgebauten Pferdestall im Hof von Bohne-Klever in Jackerath. Dort brachten sechs erstklassige Akteure aus dem ambitionierten „Volkstheater Viersen“ das Entführungsdrama „Der Fall Rautermann“ von Jürgen Baumgarten auf die Bühne.

„Die Entscheidung liegt nun bei Ihnen“, verkündete der junge Regisseur Jan Viergutz vor der letzten Szene. Nun nahmen die Zuschauer die beiden auf den Plätzen ausgelegten Kuverts zur Hand. In Vertretung der Internetgemeinde in der Handlung wählten sie zwischen der blauen und der orangen Karte und entschieden damit über Leben oder Tod des vermeintlichen Kinderschänders Gerd Rautermann (Michael Eichstädt). Dieser befand sich, an einen Stuhl gefesselt in einem dunklen Kelleraum, in der Hand des „Komitees der gerechten Bürger“.

Nach Auszählung der Stimmzettel verkündete Viergutz das Ergebnis. Drei Zuschauer hatten die orangefarbene Karte in den Korb gelegt und somit für die Tötung des Verbrechers plädiert, 37 entschieden die Übergabe des geständigen Triebtäters an die Polizei.

„Härtere Gesetze“

Warum überhaupt die Entführung? Vier Mädchen werden vermisst. Anstelle von Beweisen gibt es nur Indizien für einen Tatverdächtigen. Zwei Pärchen, die mit Sonja Linde (Anke Bridonneau), der Mutter eines entführten Mädchens befreundet sind, bringen den Verdächtigen in ihre Gewalt. Anfangs fordern sie übers Netz „härtere Gesetze für solche Schweine“, unter anderem Zwangssterilisation und lebenslange Sicherheitsverwahrung.

Auf die Präsentation der „Überraschung“ im Kellerraum reagiert Sonja Linde trotz ihrer Hin- und Hergerissenheit zwischen Hoffnung und Verzweiflung verstört. Sie „weiß einfach nicht, ob das richtig ist“. Die Entführer filmen ihre selbst durchgeführten Verhöre in schwarzen Kutten und Skimasken und stellen sie online. Schnell verändern sich ihre Charaktere. Rautermann „lässt ihre schlechten Seiten hervortreten“.

Im Handlungsverlauf wird die verbrannte Leichte eines der entführten Mädchen gefunden. Jetzt eskalieren Bewachungssituationen, das Quartett verliert zunehmend die Nerven. Wiederholt wird der Satz formuliert: „Es ändert sich mehr, als wir dachten.“

Wirklich schuldig?

Schließlich gesteht Rautermann Sonja Linde gegenüber seine Tat. Doch ist er entgegen seiner bisherigen Unschuldsbeteuerungen wirklich schuldig oder will er sie dazu provozieren, ihn zu erschießen und damit seiner Qual ein Ende zu bereiten?

Nur Silvia Unger (Marion Hormanns), halbherzig unterstützt von ihrem Mann Jens (Frank Leetz) stimmt in der Handlung für die Übergabe Rautermanns an die Polizei. Thorsten Fischer (Stefan Holzapfel) und Tina Sante (Gaby Klonisch) spüren ihr Gewissen nicht mehr und wollen ihn töten.

Eine Antwort zur Schuldfrage gibt ganz zum Schluss Regieassistentin Barbara Sahl-Viergutz. Sie verkündet, das Geständnis entstamme fast vollständig dem Buch „Bekenntnisse eines Kinderschänders“. Ein Exemplar davon hatte die Polizei in Rautermanns Wohnung gefunden.

Stehende Ovationen belohnten die überzeugende Darstellung des Amateurtheaters, das im nächsten Jahr sein 150\. Bestehen feiert und zu den ältesten Theatervereinen in NRW gehört.

Die zugezogene Jackeratherin Ellen Bohne-Klever ist seit vielen Jahren aktives Mitglied der Volksbühne. Ihr gelang es, „die Jackerather so sehr fürs Theater zu interessieren, dass viele von ihnen immer wieder den Weg nach Viersen auf sich nahmen“. Inzwischen gastiert das Volkstheater immer wieder mal in Jackerath, zumindest, wenn das Stück sich dazu eignet.

Ellen Bohne-Klever fungiert als Technikerin im „Fall Rautermann“, der insgesamt siebten Aufführung in Jackerath. Begeistert von der fabelhaften Aufführung, aber auch nachdenklich wegen der Aktualität der Handlung, traten die Zuschauer ihren Heimweg an.

(ptj)
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