David Ningelgen, Präsident zwischen Tradition und Moderne

Historische Gesellschaft Lazarus Stohmanus : Ein Präsident zwischen Tradition und Moderne

Er ist authentisch und steht in mehrfacher Hinsicht für eine neue Generation: David Ningelgen ist seit einem Jahr Präsident der Historischen Gesellschaft Lazarus Strohmanus. Den Nachwuchs begeistern und fördern, steht mit auf seinem Programm.

Basecap, Sweatshirt, sportliche Schuhe, Vollbart. Zu dem hippen Outfit dürfte passen, dass David Ningelgen musikalisch zwischen Punk und Metal angesiedelt ist. Mit 18 hat er als Sänger in der Band seines Bruders mitgemacht – einen Auftritt gab es nie.

Mit 41 ist Ningelgen seit über 20 Jahren Sänger und Gitarrist der Jülicher Band „Manticor“. Mit 41 ist er auch seit einem Jahr Präsident der Historischen Gesellschaft Lazarus Strohmanus. „Punkrock passt nicht mit rheinischem Brauchtum zusammen. Muss es aber auch nicht“, sagt Ningelgen auf die entsprechende Frage lapidar und macht deutlich, dass beides sehr wohl zu ihm passt.

Wer in der Jülicher Familie Ningelgen aufwächst, kann vermutlich auch gar nicht anders, als sich von kleinauf dem Brauchtum verbunden zu fühlen. Vater Heinrich Ningelgen war 23 Jahre lang Präsident der Gesellschaft, Großvater Willi Ningelgen gar 25 Jahre. Seine früheste Erinnerung an den Karneval ist Ewigkeiten her. Vier war er damals, saß mit Mama und Papa in einem Festzelt, sprang auf den Tisch und schmetterte beherzt: „Isch will ne Schnäpps’sche, ist dat nit fein?!“

„Natürlich hat man mit 21 Jahren dann auch mal andere Sachen im Kopf, aber ich bin immer kontinuierlich beim Lazarus geblieben“, sagt David Ningelgen, war zuletzt Vize-Präsident, bevor er als Nachfolger seines Vaters zum neuen Präsidenten gewählt wurde. Eine Aufgabe, vor der er mehr als nur Respekt verspürt. Und das gar nicht so sehr, weil er sich Vater oder Großvater verbunden fühlt. „Wir reden hier über eine Gesellschaft mit einer über 300-jährigen Tradition und nicht über einen zehn Jahre alten Tennisclub. Das in den Sand zu setzen, würde in Jülich zu einem Aufschrei führen“, glaubt Ningelgen.

Eine Gefahr, die wohl eher nicht besteht, wie die vergangene Session gezeigt hat. David Ningelgen ist er selbst. „Ich bin kein Showmaster und werde mich auch nicht verstellen oder bei irgendwem etwas abkupfern“, sagt er. Authentisch wäre das passende Modewort, das ihn gut beschreiben könnte. Zumal die vermeintliche Nüchternheit sehr schnell weicht, wenn Ningelgen von den Auftritten spricht.

Lampenfieber macht den Reiz aus

Natürlich, gesteht er, habe er Lampenfieber. Aber das mache gleichzeitig auch den Reiz aus. „Und man wird mehr als belohnt, wenn man es gut hinbekommt.“ Das hat er, nach kleinen Startschwierigkeiten. „Eine Bekannte meiner Mutter hat nach dem ersten Auftritt gesagt: ‚Das muss er aber noch was üben’“, erinnert er sich und hat sich doppelt gefreut, weil es wohlwollend gemeint war und nach weiteren Auftritten vom Üben auch keine Rede mehr war. Dem sehr speziellen Reiz der Gesellschaft kann sich Ningelgen sowieso nicht entziehen: „Es ist eine tolle Gemeinschaft mit sehr engen Kontakten über alle gesellschaftlichen Ebenen hinweg – vom Handwerker bis zum Banker.“

Dabei steht David Ningelgen vielleicht in mehrfacher Hinsicht für eine neue Generation, für den Wandel. Ein Lazarus-Präsident, der nicht durchgängig auf Platt moderiert? Mit ihm kein Problem. „Meiner Generation würde man das vermutlich auch nicht abnehmen“, sagt er. Er ist auch nicht unbedingt der Lazarus-Präsident, der pausenlos durch Jülich rennt und Klinken putzt, etwa um Spenden einzuwerben oder zu repräsentieren. Nicht, weil er es nicht will, sondern weil er sich anders organisieren muss.

Ningelgen lebt mit seiner Familie in Aachen, arbeitet in Köln, engagiert sich in Jülich und erfährt dabei viel Unterstützung. „Man hilft sich in Jülich. Bei der Sessionseröffnung auf dem Markt im vergangenen Jahr konnten wir uns einfach beim Stromkasten der Werbegemeinschaft bedienen. Das ist wirklich schön“, nennt er ein Beispiel. Und man hilft sich auch in schwierigen Zeiten, etwa als kurz vor dem traditionellen Lazarusumzug am Veilchendienstag vollkommen unerwartet Vater Heinrich Ningelgen starb.

Gefeiert wird der Start in die neue Session am Samstag von allen Jülicher Karnevalsvereinen ab 11.11 Uhr auf dem Kirchplatz. Foto: Guido Jansen

Sein Vater war es, der dafür gesorgt hat, dass die Grenzen zwischen historischem Brauchtum, Karneval und alternativem Karneval in Jülich keine Rolle mehr spielten, David Ningelgen ist damit groß geworden. „Mein Vater war ein vermeintlich strikter, rigoroser Mensch – wenn man ihn nicht kannte“, sagt er. Wer ihn kannte, wird bestätigen, dass er nicht unterschieden oder geteilt hat, sondern eher verbindend gewirkt hat. In dieser Tradition sieht sich auch David Ningelgen wenn er sagt: „Abgrenzendes Denken ist nie ein Zeichen von Intelligenz.“

Wenn man von der politischen Bedeutung dieser Aussage einmal absieht und es nur auf den Karneval beziehen will, sagt er nichts anderes, als im rheinischen Grundgesetz fest verankert: Jeder Jeck ist anders (und jeder soll so sein, wie er will). Da steht für Ningelgen auch der kommerzialisierte Karneval nicht außen vor: „Die Leute wollen das. Kann man ihnen das verweigern?“ Natürlich nicht, auch wenn er nicht auf die Idee käme, zum Festkommers, der nur alle elf Jahre gefeiert wird, plötzlich kölsche Schlagerstars einfliegen zu lassen.

Nachwuchs begeistern und fördern

Den Respekt vor der Aufgabe, die Verantwortung, die er spürt, begleitet Ningelgen besonders mit Blick in die Zukunft. Er will langfristig sicherstellen, dass das historische Brauchtum in Jülich Bestand haben soll. „Wir hatten schon mal eine Phase, wo die Frage im Raum stand, wer denn in zehn Jahren noch mit dem Besen am Umzug teilnimmt“, erinnert sich Ningelgen.

Nachwuchs begeistern und fördern, steht deshalb mit auf seinem Programm. Muss sich die Gesellschaft für Frauen öffnen? Es ist nicht die Lieblingsfrage, die Ningelgen in einer Gesprächssituation beantworten soll. „Ich sehe da grundsätzlich kein Problem, aber erkenne auch keine Notwendigkeit“, antwortet er vorsichtig und schiebt hinterher: „Wir haben da keine schlüssige Argumentation.“ Drängender könnte ein ganz anderes Thema werden. In Zeiten, in denen aufgrund der Feinstaubbelastung Feuerwerke selbst an Silvester immer kritischer werden, müssen sich auch die Lazarus-Verantwortlichen Gedanken darüber machen, wie sie auf diese Diskussion reagieren sollen. Ningelgen: „Das Feuerwerk ist Teil unseres Brauchtums, aber auch nicht von Anfang an. Zur Beerdigung des Lazarus kommen aber 2500 Jülicher, die sich auf das Feuerwerk freuen“, sagt Ningelgen.

Verzichten will er darauf nicht: „Aber vielleicht müssen wir irgendwann nach Alternativen suchen.“ Bis dahin werden aber noch einige Lazarus-Strohpuppen ertränkt die Rur hinabfließen.