Bundesfinanzminister Scholz zu Gast im Forschungszentrum Jülich

Besuch aus Berlin : Scholz hört Botschaften aus der Zukunft

Wenn es darum geht, wie ein Ausstieg aus der Braunkohle gelingen, wie man die notwendige Energiewende umsetzen und beschleunigen kann, ohne den Verlust von Arbeitsplätzen in Kauf zu nehmen, dann ist Olaf Scholz (SPD) kein ganz unwichtiger Mann.

Er ist Vizekanzler, aber vor allem Bundesfinanzminister. Also genau der Mann, der das Geld bereitstellen muss, damit der Strukturwandel in den Kohleregionen bis zum Jahr 2038 Realität wird. Im Idealfall sogar deutlich früher.

Scholz nimmt sich auf Einladung seines Parteifreundes und Dürener Bundestagsabgeordneten Dietmar Nietan am Donnerstag einen Tag Zeit, besucht das Forschungszentrum, um sich über das Thema Bioökonomie zu informieren, macht einen Abstecher zum Hersteller von Elektroautos und besucht das eGo-Werk in Aachen, diskutiert am Abend im Technologiezentrum mit Bürgern über das Thema „Die Chancen eines gelingenden Strukturwandels“. Im Technologiezentrum startet auch der Minister-Tag. In 90 Minuten werden die Projekte und Institutionen für einen Strukturwandel vorgestellt, die vorrangig am Standort des Brainergy-Parks realisiert werden sollen. Aber wie vermittelt man einem Mann der Zahlen, wie die Jülicher „Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft marktfähige Lösungen zur Verbesserung der Energieeffizienz“, wie es Projektberater Professor Dr. Michael Gramm formuliert, funktionieren kann?

„Jülich ist wie Itzehoe“, wählt Gramm einen Blickwinkel, der dem früheren Bürgermeister von Hamburg vertraut sein dürfte. Immerhin wird mit diesem Beispiel sehr schnell deutlich, um wie vieles Jülich besser aufgestellt ist. In der gleich großen Stadt in Schleswig-Holstein sitzen ein kleines Fraunhofer-Institut, eine Gesellschaft zur Technologieförderung und mehrere High-Tech-Firmen. Jülich hat allein 6000 Beschäftigte im Forschungszentrum, eine Fachhochschule mit 4000 Studenten, mehrere Institute des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). „Auf diese Strukturen wollen wir aufsatteln“, sagt Gramm und kann auf den entscheidenden Vorteil Jülichs verweisen: die Entwicklung aller geplanten Projekte der letzten fünf Jahre bis hin zur Reife des Bebauungsplan.

Das Signal: Wir sind im Gegensatz zu vielen anderen Strukturwandelprojekten schon startklar und können die Technologien der Zukunft am Standort Jülich testen. „Wir können bis 2021 erste Arbeitsplatzerfolge vorweisen“, verspricht Gramm, der das Jülicher Gewerbegebiet als „Blaupause für Gewerbegebiete der Zukunft“ versteht. Konkreter wird das, wenn Professor Dr. Bernd Hoffmann vom DLR-Institut für Solarforschung darüber spricht, wie im Brainergy-Park Hochtemperatur Wärmepumpen-Speicher entstehen, wie Braunkohlekraftwerke zu Wärmespeicher-Kraftwerken umgebaut werden sollen.

Dietmar Nietan (li.) und Bürgermeister Hermann Heuser begrüßen den Minister in Jülich. Foto: Burkhard Giesen

Für letzteres Projekt könnten Standorte wie Weisweiler oder Niederaußem in Frage kommen. Mit dem großen Vorteil, dass die Arbeitsplätze erhalten blieben. „Wir wollen das im Reallabor testen und in die Welt tragen“, sagt Hoffmann und geht davon aus, dass der Wärmepumpenspeicher ab Mitte 2020 im Brainergy-Park gebaut und 2023 in Betrieb gehen kann. Scholz hört aufmerksam zu, fragt nach. Insbesondere beim Flächenverbrauch für die Speicher.

Um kleinere Flächen geht es bei einem weiteren Projekt, das vom Solarinstitut Jülich im Brainergy-Park realisiert werden soll: Entwicklung, Bau und Test eines thermischen Stromspeichers, der sowohl Wärme als auch Strom erzeugen kann und dezentral einsetzbar wäre. Und zuletzt ist es dann Ralph Sterck, Geschäftsführer der Zukunftsregion Rheinisches Revier, der den Bundesfinanzminister daran erinnert, dass all das nur gelingen kann, wenn auch in die Infrastruktur, also die Straßen- und Schienenanbindung investiert wird.

Natürlich bleiben in der Kürze der Zeit viele Probleme unausgesprochen. Wo kommt all die regenerative Energie her, die benötigt wird? Kann man sich als Tourismus-Region mit künftigen Tagebauseen vermarkten, wenn man diese Flächen vielleicht zur Energiegewinnung benötigt? Wandelt man Kohlekraftwerke in Speicherkraftwerke um, wenn diese Flächen in Kommunen schon als neue Gewerbegebiete auserkoren sind, weil man an diesen Stellen nicht mehr in eine langwierige Bauleitplanung einsteigen muss?

Olaf Scholz hat keine Zweifel an dem gelingenden Strukturwandel. Die Chancen sind ja auch sein Thema am Abend dieses Tages. Für ihn hat die Bundesregierung rechtzeitig die Voraussetzungen dafür geschaffen, damit der Kohleausstieg auch planungsrechtlich in den Kommunen vorbereitet werden könne. Und das Itzehoe des Westens? „Botschaften aus der Zukunft“ habe er vernommen, sagt Scholz zu den in Jülich geplanten Projekten. Die haben ihn vor allem deshalb beeindruckt, weil die Energiewende „meiner Überzeugung nach ohne eine moderne Speichertechnologie nicht zu etablieren“ sei.

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