Jülicher Land: Bürgermeister strecken die Schlüssel, als die Narrenscharen die Rathäuser stürmen

Jülicher Land: Bürgermeister strecken die Schlüssel, als die Narrenscharen die Rathäuser stürmen

Das war‘s dann für die Politik im Jülicher Land bis Aschermittwoch. Rathausschlüssel aus der Hand gegeben, dreimol Alaaf und Ausmarsch bitte!

„Mir sind Fastelovend, mir sind Ruut-Wieß“, stimmte Kinderprinzessin Lara I vom Lucherberger Carnevals Club LCC Lukkebömmelte Lü an, als sie den Rathausschlüssel Indens Bürgermeister Jörg Langefeld im wahrsten Sinne des Wortes „entrissen“ hatte. In luftiger Höhe, denn ob ihrer kindlichen Gestalt reichte sie am Indener Gemeinde-Übervater nicht heran. So leistete Reinhard Marx als Präsident der KG „Echte Fröngde“ Lamersdorf Schützenhilfe, hievte Lara hoch. Unter dem Applaus aller KG der Gemeinde Inden, die es sich natürlich nicht nehmen ließen, der Rathauserstürmung beizuwohnen. Wobei der „normale Jeck“ Mangelware blieb, denn es waren vorwiegend die „Berufs-Narren“ und die Gemeindebediensteten, die sich nach dem „Sturm“ im Foyer bewirten ließen.

„Rathaus-Katze“ kapituliert reimend und gut gelaunt mit Kindern und Zwergkaninchen. Foto: Jagodzinska

Apropos bewirten: damit dies auch schunkelnder Weise und mit bekannten kölschen Liedern geschah, hatte das Lamersdorfer Prinzenpaar Gabriela I. und Peter I. die erzwungene Herausgabe des Rathausschlüssels gesangsweise eingeleitet und festgestellt: „Herr Bürgermeister, jetzt haben Sie nichts mehr zu sagen“, „aber das sind Sie ja gewohnt“, kam die prompte Antwort von den Jecken.

Peter Leufen (links) erhält von Bürgermeisterin Marion Schunk-Zenker (rechts) den Schlüssel für das Rathaus, überwacht vom Tanzmariechen Kathleen Sprenger. Foto: Krings

Weil Karneval auf jeden Fall auch politisch ist, durfte der eine oder andere Seitenhieb nicht fehlen. Zum Beispiel in Jülich beim närrischen Empfang, als die Jecken das Rathaus schon deutlich vor 11.11 Uhr stürmten. Jürgen Hennes vom Personalrat verlas das Weiberdonnerstagsmotto im Rathaus: „Keen Färv fürs Klo, ävver a Bürjerbüro“ lautet es. Überspitzt dargestellt wird damit, dass der Stadt auf der einen Seite das Geld für kleine Schönheitsreparaturen fehlt, sie aber auf der anderen Seite ein Bürgerbüro betreibt.

Die Farben Ruut und Wieß dominierten das Indener Rathaus bei der Erstürmung am Altweiber-Donnerstag. Foto: hfs.

Bürgermeister Fuchs hatte eine humorig-spitze Antwort parat. „Der Personalrat wird das Klo streichen“, rief er den Narren im Rathausfoyer zu, um weiter zu berichten, dass der Jülicher Karneval mittlerweile eine so große Nummer sei, dass die ersten Narren am Weiberdonnerstag schon gegen acht Uhr angerückt seien. „Sie waren als Bürger verkleidet“, berichtete der Bürgermeister, der danach nichts mehr zu sagen hatte. Den Rathausschlüssel übergab er Prinzessin Margot von der KG Ulk Selgersdorf, die mit ihrem Hofstaat aus dem Jülicher Süden zwecks Machtübernahme zur Stadtmitte vorgerückt war.

Altweiber-Treff im Aldenhovener Rathaus, wo Bürgermeister Ralf Claßen bei der närrischen Übermacht, die Waffen strecken musste, den Rathausschlüssel rausrückte und reichlich Freibier fließen ließ. Foto: Wolters

Reimender Bürgermeister

„Ab 11.11 Uhr an diesem Morgen geh‘n sie flöten, meine Sorgen! Ich begrüße alle Herren, alle Weiber, seh‘ nur noch geschmückte Leiber!“ Das sagte der Titzer Bürgermeister Jürgen Frantzen in seiner traditionellen Weiberfastnachtsansprache, zum dritten Mal im gut gefüllten Zelt der IG „Titzer Karneval“. „Weil es aber der „Wunsch von einigen Jecken ist, zu feiern unter festen Decken“, geht es „nächstes Jahr, ohne Bambule, nebenan in unsere Primus-Schule“. Frantzen, der froh gelaunt mit seinem Team im Einheitslook als „Rathaus Maus“ angetreten war, hatte 25 Schlüssel im Gepäck, mit denen er symbolisch die Macht übergab, an „Weiber, Dreigestirne und Prinzenpaare“. Gemeint sind die ausrichtenden Titzer Möhnen, das Ophertener Dreigestirn als „junge Partykenner“, Prinz Michael I. (Paar), Bauer Christoph I. (Brendgen) und Jungfrau „Dustina“ (Dustin Jansen), sowie das Rödingern Prinzenpaar Micky und Fred (Schüller). Letzterer „führt sie an die Titzer Genossen, die mal dies beschließen und mal anders beschlossen...“

Dieser Satz war indes der einzige augenzwinkernde Seitenhieb auf die aktuelle politische Situation. Eine Schar kostümierter Kinder aus dem Publikum verfolgte auf den Treppenstufen und auf der Bühne das weitere Programm. Hier nahmen unter anderem die Titzer Möhnen eine angebliche Alkoholfahrt Frantzens auf die Schippe, es tanzten die Ophertener „Zwergkaninchen“ oder das erst ein Jahr junge Hasselsweiler Männerballett „Däppstreetboys“, das mit goldenen Schuhen seine schwungvolle Tanznummer als „Pimp up the 90‘s“ präsentierte.

Vorwärts in die Vergangenheit, hätte das Motto im Aldenhovener Rathaus-Foyer lauten können, wo nach mehrjähriger Pause wieder mit den Naren der Merzbachgemeinde gefeiert wurde, nachdem zuletzt gemeinsam der Weg ins nahe Festzelt angetreten worden war. Bürgermeister Ralf Claßen spielte eine Doppelrolle: Als Verwaltungsleiter, der den Schlüssel strecken musste, und als Mitglied im Hofstaat des gemischten Dreigestirns aus Prinz Dennis I. (Stötzer), Jungfrau Gudrun (Pieper) und Bäuerin Claudia (Hüllenkremer) der IG Rosenmontagszug Siersdorf, die besagten Schlüssel bei herrlichem Sonnenschein und unter dem Jubel der Jeckenschar entgegennahm.

Der Bürgermeister bedauerte in seiner kurzen Ansprache, dass die Grippewelle zu einzelnen Ausfällen geführt hat. Ein weiteres Problem war eher den nächtlichen Frösten geschuldet: Der Abfluss des vor dem Rathaus geparkten Toilettenwagens war schlichtweg eingefroren.

Neu gegründetes Herrenballett

Pünktlich um 11.11 Uhr überreichte Linnichs Bürgermeisterin Marion Schunk-Zenker AKV-Präsident Peter Leufen den Rathausschlüssel. In ihrer anschließenden Rede lobte sie das Engagement der Karnevalsvereine. Bei deren Vorstellung machte die KG „Alle Mann“ Boslar den Anfang. Gleich zweifachen Grund zu feiern hatte Sandra Veith aus Boslar, die noch ihren 45. Geburtstag beging. Die Linnicher Jecken feierten in ausgelassener Atmosphäre. Der Auftritt des erst vor zwölf Tagen gegründeten Herrenballetts aus Gereonsweiler erntete besonders viel Beifall und wurde noch um eine Zugabe verlängert.

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