Jülich: Bürgerdialog über die Sorgekultur in Jülich

Jülich : Bürgerdialog über die Sorgekultur in Jülich

„Im weitesten Sinne“ beschreibt Bürgermeister Axel Fuchs die Kultur des Sorgens als Weiterentwicklung der Hospizbewegung. „Wir haben uns weiterentwickelt zu einer Sorgekultur, die Traditionen annimmt und Neues aufnimmt“.

So beschrieb Palliativ-Care-Trainerin und Vize-Vorsitzende der Hospizbewegung, Gerda Graf, das „Modell Hospiz. Wenn das Modell greift, das stabilisiert und alles für die häusliche Unterstützung überforderter Familien tut, dann brauchen wir eines Tages kein Hospiz mehr“, fasste sie zusammen.

Zuvor hatte sie die vier Säulen im Aufbau der Hospizbewegung dargelegt. Diese stützt sich auf ein „gutes Netz aus Schmerztherapeuten“, palliative Pflege, ehrenamtlichen Hospizbeauftragten und den „spirituellen Aspekt innerhalb der palliativen Pflege“. Hier kam Pfarrer Toni Straeten ins Spiel, Vorsitzender der „Lebens- und Trauerhilfe“. Als Ur-Sehnsüchte des Lebens nannte er „Lieben und geliebt werden, sich um andere sorgen und sich umsorgen lassen“.

Straeten brachte eine weitere Säule der gemeinsamen Arbeit mit der Hospizbewegung zur Sprache: die Trauerbegleitung und -bewältigung. Zu den Angeboten in Jülich zählen etwa der „Trauerspaziergang“ und die „Trauer-Hilfe-Gruppe“. Beispiele dafür, wie „die Sorgekultur den sozialen Kontext umfasst“, sind etwa Sozialbestattungen auf mit Stelen gestalteten Feldern, auf denen die „Namen der Namenlosen“ stehen.

Laut Axel Fuchs läuft diese Initiative auch in Jülich an. Weil man „schwierige Situationen symbolisch umfangen will“, entwickelte man ferner das „Mosekörbchen für Totgeborene, anstelle sie im Krankenhausmüll zu entsorgen“. „Aber warum greift das Bündel von Maßnahmen, die das Umfeld gut auffängt, erst am Lebensende?“ Aus dem Gedankengang heraus entwickelt die „Initiative Sorgekultur“ den „Sorgenkompass, der im Werden begriffen ist“, wie Graf es ausdrückte.

Ausbildung Hospizbegleiter

Die Initiative gestaltete die Orientierung bietende „Ethikcharta“, die Bürgermeister Fuchs mit Rückendeckung des Stadtrates unterzeichnete. Das Mikro im KuBa ergriff ebenfalls Hartmut Prüss aus dem Hospiz-Vorstand, der als „Seiteneinsteiger von der Theorie in die Praxis“ wechselte und sich deshalb zum Hospizbegleiter ausbilden lässt. Mit ihm als „Quotenmann“ wird es Ende November voraussichtlich zwölf weitere ehrenamtliche Hospizbegleiter im Kreis Düren geben. Prüss brachte seine Freude über den Fortbildungskurs zum Ausdruck, der „menschlich, faktisch und spirituell eine Menge gebracht hat“.

Aus dem Publikum meldete sich Otti Boos, deren Mann vor ein paar Jahren „friedlich eingeschlafen ist, weil die Familie da war“. Im Gegenzug will Boos selbst „etwas tun, Sterbende begleiten“. Fuchs, der sich „dankbar für so viel Engagement“ zeigte, empfahl ihr das Jülicher Amt für Familie, Generationen, Integration als Anlaufstelle.

Ulla von Gagern aus dem Hospiz-Vorstand hatte anhand vieler Vorgespräche festgestellt, dass der Bürgermeister „für dieses Thema brennt“ und fragte ihn nach weiteren Gemeinsamkeiten. Fuchs fasste zusammen: „Wir müssen auf jeden Fall dran bleiben und aus diesem scheinbar unangenehmen Thema ein angenehmes machen.“

Demnach sollen weitere Bürgergespräche folgen. „Hätte ich das gewusst, dass die Hospizbewegung nicht nur Sterbende begleitet, dann hätte ich damals Hilfe gesucht“. Mit diesem Satz fasste eine Dame aus dem Publikum ganz nebenbei zusammen, welche Möglichkeiten das breite Netz aus Hilfseinrichtungen im Kreis heute bereits bietet.

(ptj)
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