Jülich: Buch zeigt Jülicher Wandel in 200 Jahren

Jülich: Buch zeigt Jülicher Wandel in 200 Jahren

„Vielleicht war es ein Glück, dass da so viele Löcher und Gräben waren, sonst hätte man den Schlossplatz bebaut.“ Dr. Peter Nieveler wurde sehr anschaulich bei der Präsentation einer interessanten Buch-Neuerscheinung namens „Jülich gestern — Jülich heute, Lebensräume im Wandel“ des Bürgerbeirates Historische Festungsstadt am Dienstag vor großem Publikum in der Buchhandlung Fischer.

Der Alt-Bürgermeister spielte auf den Zustand des Schlossplatzes um 1860 an, als Stadtmauer und Stadtgraben, das Ravelin vor dem Kölntor und die Reste des Stadtravelins der Zitadelle den gesamten Platz überdeckten. Vier Jahre lange hat das Autorenteam — bestehend aus Nieveler, Wolfgang Gunia, Harald Koch und Horst Zimmermann — an der Schrift nach eigenen Angaben im „beträchtlichen Umfang“ gearbeitet, die auf 254 Seiten mit 400 Bildern, Skizzen und Karten einen Eindruck vom Wandel Jülichs seit dem 19. Jahrhundert am Beispiel ausgewählter „Lebensräume“ vermitteln will.

Verstärkt wurde das Team durch Dr. Hans-Ulrich Eckhardt, der Luftaufnahmen beisteuerte, Albert Brüsselbach, der sich um die Druckaufbereitung kümmerte, Winfried Cremerius und nicht zuletzt durch den Heimatverlag Jos. Fischer.

In seiner Einführung nannte Wolfgang Gunia die drei wichtigen Prinzipien, die sich die Autoren auferlegt hatten: nämlich lokalbezogener Aufbau, Anschaulichkeit und Vielfalt. Zu den 16 Lebensräumen in der Stadt zählen etwa die Anlagen an der Rur, prägende Plätze, kirchliches Leben, Fabriken, Schulen, Stadtteile, Wirtschaft und Erholung.

Römerstraße und Promenade

Mit aufgenommen seien die Römerstraße und die Promenade, die „die alten Festungskonturen nachvollzieht“. Mit den Worten: „Man muss Gegenwart und Vergangenheit kennen, um die Zukunft gestalten zu können“, übergab Gunia ein Exemplar an Bürgermeister Axel Fuchs. Mit einer Ansichtskarte zum Thema „2000 Jahre Rur­übergang“ nach einem kolorierten Stich von Johann Christian Leopold (1699-1755) startete Nieveler seine Veranschaulichungen. Die auf der Karte dargestellte erste Brücke „lag fast auf dem Wasser“, um sie bei Bedrohungen schneller zurückbauen zu können.

Weitere Ansichten zeigten die Schleusenbrücke Napoleons von 1806 bis 1903 oder die steinerne Brücke über drei Bögen von 1903 bis zur ihrer Zerstörung 1944/45, gefolgt von der hölzernen Notbrücke, bis etwa 1950 die heutige Rurbrücke gebaut wurde.

Als interessant erwies sich auch das Eisenbahnnetz rund um Jülich von 1873 bis 1983, von dem nur noch die Strecke Linnich-Düren in Betrieb geblieben ist. „Mal schön“ wäre in der Zukunft laut Nieveler eine „normale Verbindung nach Düsseldorf“.

Der Einfluss des EAW

Mit dem Schienenstreckennetz verbunden war das Jülicher Eisenbahnausbesserungswerk (EAW/RAW) von 1918 bis 1964, von dem heute noch Hallen im Industrie-Jugendstil erhalten sind, die vom Mechatronikzentrum der Bundeswehr genutzt werden. „Die gut gesitteten Jülicher“ seien damals gar nicht einverstanden gewesen, als deswegen Arbeiter nach Jülich kamen, woraus sich im Übrigen die Jülicher SPD formierte.

Das Heckfeld, „mal ein richtiges schönes Wohnviertel mit großen Gärten hinter den Häusern“, entstand als Wohnsiedlung für die EAW-Arbeiter, während die Nord-Stadt um 1960 der damaligen KFA (Kernforschungsanlage) und dem heutigen Forschungszentrum (FZJ) als Wohnviertel mit Kinderspielplatz diente. „Und da war auch noch die Kreisbahn“ — noch vor 50 Jahren gab es einen Zug mit Dampflokomotive nach Puffendorf und damit in Richtung Mönchengladbach!

Nieveler stellte Aufnahmen, etwa aus dem Herzen der Stadt oder um den Neusser Platz, vom selben Ort zeitlich versetzt einander gegenüber und ließ die zahlreichen Zuhörer „in eine andere Welt“ abtauchen. „Heute undenkbar“ waren unter anderem auch Parkplätze auf den Rurwiesen und Pontonbrücken über die Rur für Fußgänger und Autos 1967 bei der „Rheinlandschau“ mit tausenden Besuchern. Begeistert kauften die Gäste die neue Publikation, die das Haus Fischer trotz vieler Voranfragen wie vereinbart bis zur Lesung zurückgehalten hatte. Dort ist das Buch im A4-Format zum Preis von 22 Euro zu haben.

(ptj)
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