Broich: Broicher Abiturientin will ein Jahr in Kolumbien helfen

Broich: Broicher Abiturientin will ein Jahr in Kolumbien helfen

„Fischen lehren statt Fische schenken“ lautet das Motto von „Schule fürs Leben“, dem gemeinnützigen Verein, der es sich zum Ziel gemacht hat, Kindern und Jugendlichen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung in Schwellenländern zu ermöglichen. Gefördert durch das Programm „Weltwärts“ wird Cornelia Tölle (18) aus Broich mit dem Verein Ende September für ein Jahr nach Kolumbien gehen.

„Ich wollte schon immer mal nach Lateinamerika und liebe die Sprache Spanisch“, sagt Tölle, die dieses Jahr ihr Abitur am Gymnasium Haus Overbach gemacht hat, über ihre Entscheidung, jetzt für ein Jahr auf einem anderen Kontinent zu leben und zu arbeiten. Auf der Suche nach einem Verein stieß sie auf „Schule fürs Leben“.

„Von den Werten her erschien mir der Verein am besten. Die Nachhaltigkeit zum Beispiel oder die Tatsache, dass man bescheiden und nicht missionarisch an die Sache herangeht. Als ich dann auf verschiedene Musikprojekte des Vereins gestoßen bin, war meine Entscheidung gefällt.“

Cornelia Tölle wird mit der „Fundación ACJ-YMCA“, einem Projektpartner von „Schule fürs Leben“, vor allem an der Freizeitgestaltung der Kinder teilhaben. Eine Gastfamilie in Cali bietet ihr Unterkunft. „Langeweile ist oft der Grund dafür, dass Kinder und Jugendliche kriminell werden. Mit Freizeitangeboten wird ihnen eine sinnvolle Beschäftigung, die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Talente und ein festes, soziales Umfeld gegeben“, sagt Tölle.

Sie selbst macht Musik schon seit sie denken kann. Seit zwölf Jahren spielt sie Querflöte, seit zehn Jahren Klavier, singt im Chor, spielt im Orchester und lernt Musiktheorie und Dirigieren im Unterricht ihres Chorleiters. Mittlerweile hat sie sogar angefangen, sich Gitarre selbst beizubringen.

Ihr Wunsch für die Zukunft nach dem Auslandsjahr: Musik studieren. „Musik war immer ein fester Bestandteil meines Lebens. Sie fördert Empathie, Verantwortungsbewusstsein und Selbstvertrauen. Wertvolle Erfahrungen, die ich damit machen durfte, möchte ich auch an andere weitergeben“, so Tölle. In Kolumbien gibt sie Nachhilfe in Deutsch und Englisch und will vor allem versuchen, in den Kindern und Jugendlichen die Begeisterung für Musik zu wecken, musikalische Talente zu fördern und Spaß an dem gemeinsamen Musizieren zu vermitteln.

Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem rund 50 Jahre ein bewaffneter Konflikt stattfand und erst in diesen Tagen ein Friedensabkommen zwischen dem Staat und den Guerillagruppen unterzeichnet wurde. Die Auseinandersetzungen führten auch zu vielen zivilen Opfern.

„Es gibt sehr viele Flüchtlingskinder in Kolumbien. Von den 47 Millionen Einwohnern sind über 6 Millionen Menschen auf der Flucht. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Binnenflüchtlinge, also Flüchtlinge, die innerhalb ihres eigenen Landes ihren Aufenthaltsort wechseln, in der Hoffnung, in einer anderen Region auf weniger Gewalt zu treffen. Viele davon landen in Montebello“, berichtet Tölle. Aber trotzdem hört die Kriminalität nicht auf — nicht zuletzt wegen der Drogenmafia, die mit selbst angebautem Kokain vor allem in Europa immer wieder Abnehmer findet.

„Weltwärts“ ist 2008 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen worden und soll entwicklungspolitische Freiwilligendienste fördern. Dazu werden junge Erwachsene zwischen 18 und 28 Jahren in Entwicklungs- und Schwellenländer entsandt. Dazu übernimmt das Ministerium 75 Prozent der Kosten. Der Rest kommt von Projektpartnern in Kolumbien, „Schule fürs Leben“ selbst und von den Teilnehmern, die sich bemühen, mit Spenden die Kosten, die sie verursachen, auszugleichen.

Cornelia Tölle hat Optik Inglsperger, Aixtra Sport, Kurtz Bauen und Leben und Bürotechnik Backhausen gefunden, die mit Spenden ihren Teil dazu beigetragen haben. Während des einjährigen Freiwilligendienstes können die jungen Menschen nicht nur dabei helfen, Projekte in Bereichen wie Bildung oder Menschenrechte umzusetzen, sondern Auslandserfahrungen sammeln und in ihrer Persönlichkeit wachsen.

Warum Kolumbien? Weil „Schule fürs Leben“ von Andrés Bäppler gegründet wurde, einem Deutsch-Kolumbianer, dem es von seinem deutschen Vater ermöglicht wurde, hier in Deutschland zur Schule zu gehen, wo er studierte und Architekt wurde. Doch was war aus den vielen anderen kolumbianischen Kindern geworden? Die, die nicht die gleichen Möglichkeiten gehabt hatten wie er? Mit dem Bedürfnis, etwas zurückgeben zu wollen, stand der Entschluss fest: Er würde eine Schule in Kolumbien bauen!

Gesagt, getan: Mit seinem neu gegründeten Verein, vielen Spenden und der kolumbianischen Partnerorganisation „Escuela para la Vida“ entstand das „Colegio de las Aguas“, eine Grund- und weiterführende Schule für rund 250 Schüler in Montebello, einem Flüchtlingsort in der Nähe von Cali, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. Der erste Grundstein war gelegt.

Viele Projekte schlossen sich an: Die „Talleres de las Aguas“ — Lehrwerkstätten mit insgesamt 95 Ausbildungsplätzen für eine zweijährige Berufsausbildung — in Montebello, oder ein Lesesaal für eine Bibliothek. In zehn Jahren sollen sich die Projekte alle selbst tragen können.

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