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Dreist bei Nacht und Nebel eingebrochen: Biber „Justin“ nagt am Forschungszentrum Jülich

Dreist bei Nacht und Nebel eingebrochen : Biber „Justin“ nagt am Forschungszentrum Jülich

Zugangsberechtigungen, Ausweiskontrolle, auf Wegen bleiben? Juckt Justin null. Dreist ist er bei Nacht und Nebel ins Forschungszentrum eingebrochen, hat sein Lager am See aufgeschlagen, und da bringt er jetzt ein um den anderen Baum zu Fall. Warum er trotzdem umjubelt ist, anstatt von Sicherheitskräften abgeführt zu werden? Weil Justin ein Biber ist.

„Wir vermuten, dass er seit etwa anderthalb Jahren bei uns lebt“, sagt Hans-Werner Mertens. Als Teamleiter der Haustechnik ist er nicht nur für kleinere und größere Reparaturen, Prüfung elektrischer Mittel und Schädlingsbekämpfung zuständig — sondern auch für den Einbrecher mit den scharfen Zähnen und dem platten Schwanz, der „Kelle“. „Der steht unter Artenschutz“, weiß er, und als klar war, wer da rund um den See ans Holz geht, musste erst einmal ein Biber-Beauftragter des Kreises Düren her, um über Relevanz und Pflichten aufzuklären — sowie ein Haufen Bücher, Artikel, Internetseiten. „Klar liest man sich dann erst mal in das Thema ein“, schildert Mertens, wie er mit der neuen Situation umgegangen ist, die vor ungefähr einem Jahr aufkam.

Für den Biber-Schrein am Rande des Sees mitten im Forschungszentrum ist die Urheberschaft unbekannt. Er befindet an einer Stelle, an der Justin augenscheinlich besonders gerne aktiv ist. Foto: Maria Pakura

So lang ist es her, dass sich der Nager nicht mehr mit kleinen Stämmchen und Gestrüpp in der Nähe des am Sees gelegenen Casinos zufrieden gab, sondern sich an den ersten großen Baum auf der anderen Seite machte — und erst dadurch auffiel. Der wie ein angespitzter Bleistift geformte Baumstumpf, der stehen blieb, war ein eindeutiges Indiz.

Das Ergebnis einer Nachtschicht: Justin hat wieder zugeschlagen. Mittlerweile musste das Gebäudemanagement 15 große Bäume fällen, um Sturzgefahr zu verhindern. Foto: Maria Pakura

In Person respektive Fellkleid zu Gesicht bekommen hat Justin, wie FZ-Mitarbeiter den neuen Mitbewohner schnell tauften — eine augenzwinkernde Anspielung auf den Teenie-Schwarm Justin Bieber — allerdings noch niemand. Mertens weiß, wo der Bau sich befindet, hütet das Geheimnis indes wie den heiligen Gral. „Wir wollen vermeiden, dass Neugierige die Stelle aufsuchen und das Tier am Ende stören oder gar vertreiben.“

Justin hat Vorfahrt: Das Schild, das zur Rücksicht auf den Biber mahnt, hängt am See zwischen Casino und Bibliothek. Wer es dort angebracht hat, ist unbekannt. Foto: Maria Pakura

Die Strandvilla mit bestem Ausblick und Spielwiese drum herum ist aber wassernah, so viel ist klar. Justin, der übrigens auch eine Justine sein könnte, denn das Nag-, Fress- und Bauverhalten männlicher unterscheidet sich nicht von dem weiblicher Tiere, sorgt derweil frohgemut dafür, dass sich der Baumbestand direkt am See lichtet. „Hier war früher alles genauso dicht wie da drüben“, zeigt Mertens, der seit drei Jahrzehnten für das FZ tätig ist, auf eine lichte Stelle, an der nur zwei Baumstümpfe und Kahlschlag übrig geblieben sind. Die FZ-Mitarbeiter nehmen‘s dem nachtaktiven Nagetier nicht übel. Im Gegenteil: Ein Biber-Schrein mit Stofftier huldigt an der Stelle dem arbeitsamen Genossen, der sich von Kräutern, Sträuchern und eben Laubbäumen, insbesondere deren Ästen, Blättern und Rinde ernährt.

Durch diesen Kanal, der vom künstlichen FZ-See abfließendes Wasser Richtung Südosten zurück zur Rur führt, ist Justin mutmaßlich eingebrochen. Unerkannt, bis er den ersten großen Baum fällte. Foto: Maria Pakura

15 Bäume „umgenagt“

Auch am nahegelegenen Ellbach im angrenzenden Forst lebt mindestens ein Biber. Mehrere Staudämme haben das Gebiet stellenweise in eine Sumpflandschaft verwandelt. Er könnte theoretisch mit Justin verwandt sein, aus dem gleichen Wurf stammen. Ihre Reviere jedenfalls sind benachbart. Foto: Maria Pakura

„Das ist ja letztlich der Grund, warum der Biber Bäume fällt“, weiß Mertens: anders kommen die bodenständigen Tiere nicht an die Leckereien weiter oben, denn sie klettern nicht. Die mittlerweile 15 ausgewachsenen Bäume, darunter mehrere Eichen, die Justin derweil „umgenagt“ hat, sind also keine Randale, sondern seinem Überlebenstrieb geschuldet. Und darauf, dass es „ihrem“ Biber am See auch weiterhin gut geht, legen viele Mitarbeiter wert. Vor dem Betreten des Weges, das vom Casino Richtung Zentralbibliothek durch ein nun stellenweise nicht mehr ganz so dicht begrüntes Stück Natur führt, mahnt ein von Justin-Anhängern angebrachtes Schild, nur ja Rücksicht auf die Belange des unsichtbaren Langzahns zu nehmen.

Wobei „unsichtbar“ nicht ganz zutrifft, weil eine jüngst von Dr. Rüdiger Reichel (Institut für Bio- und Geowissenschaften) aufgestellte Kamera mit Bewegungsmelder und Black-LED-Blitz Justin „in action“ aufgenommen hat. Aufnahmen sind im FZ-Blog „zweikommazwei“ zu sehen, der Biber hingegen hält sich am See bedeckt. „Dass wir ihn vertreiben würden, kommt allein schon aus Artenschutzgründen nicht in Frage, Aussiedeln wäre nur ein Notlösung, wenn akute Gefahr für Menschen bestünde“, betont Mertens.

Bleibt die Frage offen, wie sich Justin überhaupt ungesehen auf das ringsum eingezäunte und Tag wie Nacht scharf bewachte FZ-Gelände schleichen konnte, um sich dort breitzumachen. Mertens verweist auf den Kanal, der überschüssiges Wasser, das aus dem künstlichen See abfließt, in die Rur zurückführt. Unter dem Gitter, das am Rand des FZ-Gebiets verhindert, dass dort unerwünschte Gäste hereinkommen, passt auf keinen Fall ein Mensch durch — ein Biber aber schon. „Das ist das Naheliegendste“, sagt Mertens, „aber genauso gut kann er sich unter dem Zaun durchgegraben haben.“ Wie Frischlinge, die in einer größeren Gruppe vor einiger Zeit mal einen „Schulausflug“ ins Forschungszentrum machten. Und die etwa 15 Rehe, die dauerhaft auf dem Terrain grasen — möglicherweise ursprünglich einfach durch den Eingang spaziert — haben sogar kaum mehr Scheu vor Menschen, wie Mertens erzählt.

Im Vorjahr war er faszinierter Zeuge, wie ein Bienenschwarm an einer Rotbuche Zwischenstation auf der Suche nach einer neuen Bleibe gemacht hat: „Schwankte der Baum, schwankte die Bienentraube mit, es war unglaublich.“ Schade eigentlich, dass Justin bisher keinen so spektakulären Anblick bietet — wohl aber eindrucksvolle Holzkunstwerke rund um den See. Vielleicht baut er ja vor, um einer Justine zu imponieren und sein monogames Biber-Familienleben mit Haus am FZ-See zu beginnen.