Körrenzig: „Beethoven meets Gypsy“ begeistert in rappelvoller Kirche

Körrenzig : „Beethoven meets Gypsy“ begeistert in rappelvoller Kirche

Schon das erste diesjährige Konzert der Veranstaltungsreihe „Kultur in der Alten Kirche“ war ein musikalischer Volltreffer. Was jedoch den Organisatoren vom Verein „Rettet die Alte Kirche Körrenzig“ mit dem zweiten Event gelungen ist, überstieg selbst ihre kühnsten Erwartungen.

Die Sitzplätze des altehrwürdigen Gebäudes mussten beim Andrang des Publikums mit improvisatorischem Talent erweitert werden und, was dann folgte, war eine wahrhaftige Explosion der musikalischen Virtuosität. „Beethoven meets Gypsy“, hieß der kontrastreiche Konzerttitel und gab damit nicht annährend die Vielfältigkeit des Programms wieder. Lediglich die bekannten Namen der versierten Musiker ließen im Vorfeld auf eine hohe Qualität schließen.

Virtuosen ihrer Instrumente

Joscho Stephan, den das „Acoustic Guitar Magazin“ als „die Zukunft der Gypsy-Jazzgitarre“bezeichnet hatte, ist wohl längst in der Gegenwart angekommen. Die Konzertreisen mit seinem Trio führten quer über die drei Kontinente Australien, Europa und Amerika. Vor seinem musikalischen Können öffneten sogar der legendäre Jazzclub „Birdland“ und das Lincoln Center in New York ihre Türen.

Das „Marcus Schinkel Trio“ ist längst über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und anerkannt. 1999 erfolgte der erste Auftritt des Jazz-Ensembles mit dem begnadeten Pianisten Schinkel, Wim der Vries, einem der besten Schlagzeuger Europas, und dem vielseitigen Bassisten Fritz Roppel. Zur Verabschiedung des Deutschen Bundestags in Bonn gaben die Instrumentalisten ihren Crossover-Musikstil zum Besten und „verjazzten“ die „Mondscheinsonate“ sowie „Für Elise“ nach Ludwig van Beethoven.

Unmittelbar danach folgten weitere internationale Auftritte, unter anderem in Vietnam. Der asiatische Kontinent wird auch das Ziel der nächsten Konzertreise. Das Trio präsentiert in Kürze als Kulturbotschafter des Landes NRW ihre Jazzversion der Werke Beethovens in China.

Zeitlose Improvisationen

In Körrenzig erreichte der Zigeunerjazz gepaart mit den jazzigen Beethoven-Arrangements von Marcus Schinkel eine einzigartige musikalische Größe. „ Es war einmalig, alles um mich herum hat vibriert“, sagte über das Konzert eine begeisterte Zuhörerin. „Man kann so etwas nicht beschreiben, das muss man erlebt haben“, lauteten die meisten Kommentare aus dem Publikum. Mit dem Stück „Die Wuth über den verlorenen Swing“, was eine musikalische Paraphrase des Beethoven-Werks „Die Wut über den verlorenen Groschen“ darstellte, begann das Feuerwerk von Swing, Gypsy-Jazz und Klassik.

Bravouröse Soli des „Piano-Mans“ Schinkel und des Gitarristen Joscho Stephan waren in diesem bekanntesten Rondo des alten Meisters ebenso bezeichnend wie in jeder nachfolgenden Darbietung. Eine virtuose gegenseitige Zuspielung der beiden führenden Instrumente wurde genauso kunstfertig von Schlagzeug und Kontrabass begleitet.

Mit „Joseph, Joseph“, einem jüdischem Traditional, bescherte zunächst die Gitarre mit immer schneller werdendem Tempo dem Publikum eine atemberaubende musikalische Reise, die vom Pianisten übernommen zu einem Feuerwerk der musikalischen Klänge führte. Die „Non So Piu“ Arie aus „Figaros Hochzeit“ von Wolfgang Amadeus Mozart fing mit einer Solopartie am Piano und starker Kontrabasslinie an.

Mit der immer dominanter klingenden Gitarre lieferten sich schon bald die begleitenden Instrumente eine musikalische „Verfolgungsjagd“, welche in einem fulminanten Finale endete. „Four in Four“ hieß die Interpretation des vierten Satzes aus der vierten Symphonie Beethovens und wurde von vier Improvisationsmeistern aufgeführt.

Ein „Swing-Gewitter“ mit „Donner-Akkorden“ von Georg Gershwin am Piano und die in Abwechslung „kühlen Regentropfen“ oder heißen Afrika-Rhythmen im Solopart des Drummers ließen das Publikum Beethoven neu entdecken. Melancholisch und gefühlvoll klang das moderne Instrument Melodica, gespielt von Marcus Schinkel in „Brucia La Terra“ von Giovanni „Nino“ Rota. In diesem bekannten Soundtrack aus dem Film „Der Pate“ brillierte Fritz Roppel mit seinem Kontrabass-Solo, während die Gitarre von Joscho Stephan mit einem Mandolinenklang verzauberte.

Über das mitreißende Konzert gäbe es noch viel mehr zu berichten. Von der originalen Interpretation „Reverie“ nach Cloud Debussy, wobei der 1920 erfundene Synthesizer „Theremin“ sphärische Töne erzeugte. Auch über die furiose Aufführung der 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven, die an diesem Abend „Ode To New Joy“ hieß. Doch wie das stehende und lang applaudierende Publikum schon urteilte: „Man musste es erlebt haben“.

(mavo)
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