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Pier: Auch die Toten werden umgesiedelt: Niemand bleibt im alten Pier zurück

Pier : Auch die Toten werden umgesiedelt: Niemand bleibt im alten Pier zurück

Über allem liegt der Geruch von Mulch. Stechend, schwefelig, säuerlich. Wenn er so riecht, hat er eine gute Qualität, heißt es. Zahlreiche frische Gräber säumen die Wege des Pierer Friedhofs, auf dem der letzte Verstorbene im Herbst 2007 beigesetzt wurde. Die Gräber sind leer.

Ein Leichenwagen fährt über den Hauptweg, hält auf das Tor der Anlage zu. Respektvoll machen die Arbeiter Platz. Sie wissen: Bald biegt der nächste Wagen ein, nimmt einen Sarg auf und verlässt den Friedhof. Bis Freitagnachmittag läuft dort die zweite von vier Umbettungsaktionen. An einer anderen Stelle des Dorfes werden die ersten Häuser abgerissen. Die Braunkohlebagger rücken näher.

In Pier bleibt niemand zurück. Auch nicht auf dem Friedhof. 464 Grabstellen gibt es, 560 Verstorbene wurden dort bestattet. Bis zum Herbst 2010 sollen sie eine neue letzte Ruhestätte gefunden haben. Bereits im November 2008 öffneten Arbeiter die ersten Gräber. 149 waren es, berichtet Renate Xhonneux von der Friedhofsverwaltung der Gemeinde Inden. 70 Verstorbene werden dieses Mal umgebettet. Eine von RWE Power beauftragte Firma ist im Einsatz, Mitarbeiter der Gemeinde sind vor Ort, um die Umbettung zu überwachen. Der Friedhof ist gesperrt.

Eine neue Ehrenanlage

„Die Leute nehmen ihre Toten mit”, sagt Renate Xhonneux. Etwa die Hälfte der exhumierten Verstorbenen werde in Inden-Lucherberg, Inden/Altdorf oder Langerwehe-Pier bestattet. Dort, wo die Bewohner des alten Piers eine neue Heimat fanden. Doch nur etwa die Hälfte der Pierer entschloss sich dazu, einen der Umsiedlungsstandorte zu wählen.

„Die Leute verstreuen sich in alle Himmelsrichtungen”, sagt Renate Xhonneux. Und die Toten folgen ihnen auf die Friedhöfe der neuen Lebensmittelpunkte. Wo sich keine Verwandten melden - oder es keine Angehörigen mehr gibt - werden die sterblichen Überreste in ein Gemeinschaftsgrab überführt. So soll in Langerwehe-Pier auch eine neue Ehrenanlage für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs entstehen. 69 Verstorbene ruhen derzeit noch in Pier.

Dass Umbettungen ein sensibles Thema sind, muss niemand Indens Bürgermeister Ulrich Schuster erklären. „Sie sind jedoch etwas ganz Normales. Bei uns finden sie allerdings im Zeitraffer statt”, sagt er. Entsprechend respektvoll gehen die an den Arbeiten Beteiligten damit um, versichert Schuster.

So werden beispielsweise das alte und das neue Grab gleichzeitig geöffnet und ausgehoben. „Jeder Verstorbene wird ausgebettet, alle sterblichen Überreste in einen neuen Sarg eingebettet und der Sarg überführt”, erklärt Renate Xhonneux. Die Verstorbenen seien „nur die Fahrtstrecke über der Erde”. Dies geschehe Grab für Grab, Schritt für Schritt. Die Einfassungen, Grabsteine und Lampen sind abgebaut - und zunächst eingelagert. Nach etwa drei Monaten werden sie an den Bestimmungsorten aufgebaut. In diesen Tagen liegt auch dort viel Mulch auf frischen Gräbern. Piers Verstorbene haben eine neue Heimat gefunden.