Aldenhoven: Auch bei Olympia gilt die Unschuldsvermutung

Aldenhoven: Auch bei Olympia gilt die Unschuldsvermutung

Lothar Ruch (58) war selbst erfolgreicher Ringer im griechisch-römischen Stil. Als langjähriger Bundestrainer gewann er mit seinen Sportlern viele internationale Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie bei drei Olympischen Spielen.

„Ich teile die Meinung des IOC und des Präsidenten Thomas Bach. Im Zweifel für die Athleten“, spricht der Aldenhovener sich im Gespräch, das Helmut Schiffer mit ihm führte, auch klar für die Teilnahme russischer Sportler aus. Aber der jetzt als verantwortlicher Bildungsreferent für die Traineraus- und weiterbildung im Deutschen Ringer-Bund tätige Ruch mahnt auch längst überfällige Reformen bei der Welt Anti-Doping-Agentur (Wada), dem IOC und dem Internationaler Sportgerichtshof CAS an.

Auch nach dem dritten Olympiatag wartet Deutschland noch auf die erste Medaille. Wann gehen denn Ihre ehemaligen Ringerjungs in Rio auf die Matte?

Ruch: Am 14. August gehen die Männer im griechisch-römischen Stil, zwei Tage später die Frauen auf die Matte. Zuletzt ringen die Freistilringer bis zum letzten Tag der Spiele. Aber ich glaube, so lange müssen wir nicht mehr warten.

Der schnellen Antwort merkt man an, dass Sie immer noch den Kontakt zu den Spitzensportlern des Deutschen Ringerbunds (DRB) haben.

Ruch: Auf jeden Fall, schließlich bin ich bei einigen Maßnahmen, die für unsere Ringer getroffen werden, dabei. So bei den Deutschen Meisterschaften, zuletzt bei einem Lehrgang der Frauen und einer Internationalen Meisterschaft in Madrid. Meine Sicht, von der Talentsuche bis zur Entwicklung zum Spitzenringer, zieht sich wie ein roter Faden durch mein Betätigungsfeld als Bildungsreferent im DRB. Zudem bin ich seit 2012 Wissenschaftskoordinator im DRB.

Welche Chancen haben die Ringer in Rio?

Ruch: Durch die sehr schwierige Qualifikation zu den Olympischen Spielen wird das Teilnehmerfeld gegenüber Weltmeisterschaften quantitativ reduziert. Unsere größten Medaillenhoffnungen, Weltmeister Frank Stäbler oder aber Aline Focken als ehemalige Weltmeisterin, müssen damit rechnen, gleich im ersten Kampf auf mögliche Medaillengewinner zu treffen.

Sie erlebten 1988 in Seoul erstmals die Spiele live. Dann ab 1992 drei Spiele als hauptverantwortlicher Disziplintrainer der Männer griechisch-römisch. Rückblickend betrachtend, welche Spiele sind Ihnen besonders in Erinnerung?

Ruch: In Barcelona holte meine Mannschaft eine Goldmedaille, gefolgt von einer Silbermedaille. In Atlanta, 1996, konnten wir eine Silbermedaille holen, die erste Medaille für das deutsche Team damals überhaupt. Es folgte dann noch Bronze. Im Jahre 2000, in Sydney, hatten wir vier gute Athleten mit dabei, sie kämpften nur knapp an den Medaillen vorbei.

Bei allen diesen Spielen wurden Athleten in unterschiedlichen Sportarten des Dopings überführt. Doch jetzt, in Rio, sprengt die Diskussion um Doping jegliche Vorstellung eines Sportinteressierten.

Ruch: Dies ist wirklich eine andere Geschichte. Ich kenne die Entwicklung der Anti-Doping-Maßnahmen sehr genau, kann aus meinem eigenen Sportlerleben davon berichten. 1984 gab es in Deutschland auch schon unangemeldete Kontrollen. Alle unsere Athleten, die heute in den Spitzenpools sind, müssen täglich ein Zeitfenster von einer Stunde angeben, wo sie unangemeldet kontrolliert werden können. Mit dem klaren Ziel, das nach draußen deutlich wird: Wir, die Deutschen, arbeiten ohne unsaubere Mittel. Aber für mich stellt sich nach wie vor die Frage: Ist dies in anderen Ländern auch so? Nennen Sie mir eine Stelle, wo ich nachschauen kann, welcher Athlet in welchem Land auch immer kontrolliert wird und wurde. Bei uns herrscht diesbezüglich eine totale Transparenz. Und diese Transparenz kann ich auch für unsere anderen Sportverbände unterstellen, denn schließlich hängt von den Jahresplänen die Zuteilung der öffentlichen Mittel für die Spitzenförderung ab.

Hätten Sie gedacht, dass in Russland so flächendeckend, wie es nun durch die Wada dokumentiert wird, gedopt wird?

Ruch: Ich gehe davon aus, dass das, was von unseren Athleten gefordert wird, auch bei anderen Nationen gefordert wird. Aber ich kenne die Organisationsstrukturen der Wada nicht, auch nicht die des IOC. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Urinproben direkt noch vor Ort ausgetauscht werden können. Die Proben sind gekennzeichnet, die müssten ja dann schon vor der Kontrolle manipuliert worden sein. Warum überlässt man, wie in Sotchi (Russland) 2014, solche Kontrollen dem Veranstalter? Warum wird die nicht an die Wada übertragen? Und solange keine völlige Transparenz gegeben ist, kann man keinem russischen Ringer, der sich für Olympia qualifiziert hat, vielleicht nur einmal oder gar nicht von der Wada getestet wurde, klar machen, dass er nicht starten darf. Wer trägt denn dafür die Verantwortung? Es heißt im Zweifel für den Angeklagten, und dieses Prinzip muss auch für den Sportler gelten. Hält dieses flächendeckende Doping, von dem berichtet wird, auch vor Gerichten stand? Mit dem Finger jetzt auf einzelne Athleten zu zeigen, halte ich für schwierig. So ist für mich die Entscheidung von IOC-Präsident Thomas Bach richtig, die Entscheidung, ob russische Sportler starten dürfen oder nicht, auf die internationalen Spitzensportverbände zu übertragen.

Weg vom Doping, hin zu den Spielen. Wie erlebt man sie als Sportler oder Trainer?

Ruch: 1984 in Los Angeles, das wären meine Spiele gewesen, auch die in meinem Herzen. Ich war Deutscher Meister geworden, hatte klar die Olympianorm geschafft, wurde aber vom damaligen Trainer Ostermann nicht nominiert. Ich weiß bis heute nicht warum. Diese Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles als Teilnehmer mit einer Medaillenchance fehlen mir einfach. Als Junioren-Trainer war ich dann erstmals in Seoul. Schon die Fahnenzeremonie im Olympischen Dorf ist ein Riesenerlebnis, ist der Lohn für viele harte Trainingsstunden. Ich kenne keinen Athleten, der anschließend nicht von der Eröffnungsfeier ergriffen ist. Erst recht nicht von dem Moment, wenn die olympische Flamme entzündet wird.

Wie hat man sich das Leben im olympischen Dorf vorzustellen?

Ruch: Man muss sich arrangieren. Schon im Vorfeld, denn man nimmt sich auf jeden Fall von zu Hause aus einige Bettlaken mit. Und Farbe, damit man die Erfolge, die man feiert, auf die Laken schreibt, diese dann an den Fenstern heraushängt. Auf einmal wird das ganz Dorf ganz schön bunt. Natürlich gibt es viel Kontakt zu anderen Nationen, obwohl man von deren Sportarten wenig mitbekommt, die heutigen strengen Kontrollen es auch nicht ermöglichen. In Seoul durfte ich noch mit meiner Akkreditierung das Tennismatch von Steffi Graf erleben, habe den 100-Meter-Lauf des leider dann wegen Dopings gesperrten Ben Johnson live miterlebt. Fahrräder und Miniroller hatten wir im Gepäck, damit wir schnell von hier nach da kommen konnten. So ein Dorf ist groß, die Unterkünfte sind spartanisch.

Wie haben Sie als Sportler damals kommuniziert, über Erfolge oder Niederlagen berichtet? In Zeiten ohne WhatsApp, ohne SMS, ohne Handy?

Ruch (lacht): Wir haben immer von einem Sponsor Telefonkarten bekommen, damit sind wir zu einem großen Telefoncenter gerannt, anstehen inklusive.

Müssen Olympische Spiele immer wieder durch den Gigantismus, der betrieben wird, automatisch negative Schlagzeilen bekommen?

Ruch: Es wird Zeit, dass da ein Umdenken stattfindet. Darum haben sich ja auch die Hamburger Bürger oder die Bayern gegen die Spiele entschieden. Ich freue mich, dass es jetzt eine Initiative Olympia Rhein-Ruhr gibt, die sich für die Spiele 2028 interessiert. Welche vorschlägt, die vielen vorhandenen Infrastrukturen in unserem Bundesland zu nutzen. Dies wäre in meinen Augen die große Chance, die Spiele nach Nordrhein-Westfalen zu bekommen. Und ich bin mir sicher, dass dann auch die Bürger den olympischen Gedanken mittragen würden.

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