Jülich: Als Jülich in tiefer Finsternis versank

Jülich: Als Jülich in tiefer Finsternis versank

Am 16. November, genau vor 68 Jahren, um die Mittagszeit: Plötzlich nähert sich das Brummen vieler Flugzeugmotoren. Dann immer wieder Explosionen. Dunkelheit. Unvergessen für die Menschen, die dabei oder in der Nähe waren. Unvergessen auch für eine damals 17-jährige Lazarettschwester (der Name ist der Redaktion bekannt). Sie hat die vergangenen Nächte schlecht geschlafen, wie jedes Jahr, wenn es auf den 16. November zugeht.

Erinnerungen in schriftlicher Form stellt sie gerne zur Verfügung, möchte aber nicht mehr auf die Ereignisse von damals angesprochen werden - zu tief sitzen heute noch die Wunden.

Zusammen mit Soldaten läuft die junge Frau in den Militärschutzraum der zweiten Kompanie an der Zitadelle. „Hier herrschte tiefste Finsternis”, heißt es in ihren Erinnerungen, und „der Raum schwankte wie ein Schiff”. Um sie herum fingen Menschen an, den Rosenkranz zu beten. Die Krankenschwester betete mit.

Bereits vor dem 16. November kommt es zu schweren Angriffen. Die strategisch wichtige Rurbrücke und das Reichsbahnausbesserungswerk sind für die Allierten bedeutende Ziele. Peter Nieveler denkt an den 6. Oktober zurück. „Es war ein Freitagmittag”, erinnert sich Peter Nieveler, der zu dieser Zeit mit Mutter und Schwester in der heutigen Großen Rurstraße gewohnt hat. Er hat sich „an einer Kartoffelkiste festgehalten”, als die Bomben gefallen sind. Die Post ist zerstört worden ? viele Telefonistinnen gestorben.

Totes Pferd auf der Kreuzung

Auch der 8. Oktober ist dem ehemaligen Jülicher Bürgermeister in trauriger Erinnerung geblieben. „Da gab es einen Großangriff auf das Lazarett, da, wo heute das Mädchengymnasium ist.” Der damals Neunjährige besuchte am 29. Oktober, einem Sonntag, die Brückenkopfmesse. Mittags gibt es einen schweren Angriff. Auf dem Heimweg registriert der Junge „ein großes gelbes totes Pferd mitten auf der Kreuzung”. Dieses Bild hat sich bis heute eingeprägt. Wenige Tage später wurde Peter Nieveler mit Mutter und Schwester evakuiert. Zu dieser Zeit planten die Allierten einen verheerenden Luftschlag gegen die deutsche Front. Die Verteidigungsstellungen westlich der Rur sollten aufgebrochen werden und den Vormarsch zum Rhein ermöglichen. Dieses Unternehmen nannte sich „Operation Queen”. Am 16. November 1944 zerstörten mehrere hundert britische und amerikanische strategische Bomber die Städte Jülich, Düren und Heinsberg.

Die meisten Menschen aus dem „Rurgebiet” hatten ihre Heimat zu diesem Zeitpunkt schon verlassen. Dennoch gab es erschreckend hohe Verluste.

Während in Jülich die Bomben fallen, die junge Krankenschwester im Schutzraum betet und Peter Nieveler mit Mutter und Schwester auf der beschwerlichen Reise nach Bitterfeld ist, schreit sich die kleine Gerta Großmann (heute Mojert) in Bonn die Seele aus dem Leib. Tante und Onkel sitzen in der Wohnküche, die Köpfe ganz nah am Radio. Geknatter ist zu hören. Fluglärm. Und dann fällt das Wort Jülich.

„Meine Mutter war mit meiner Schwester und den Großeltern noch einmal nach Jülich zurückgegangen, um ein paar Sachen zu holen und sich Evakuierungspapiere ausstellen zu lassen”, erinnert sich Gerta Mojert an den 16. November und die schreckliche Sorge um ihre Familie.

Die Mutter Gerta Mojerts bekam am Morgen in der Verwaltungsstelle in der Zitadelle die gewünschten Papiere, ging zurück in die Schützenstraße und kochte Kartoffeln, als plötzlich das „unheimliche Brummen von vielen Flugzeugmotoren” in die Ohren drang. Prompt schnappte sie sich den Kessel und rannte zum Keller der Lederfabrik. Dort traf sie auch ihre Verwandten an. Die ersten Bomben fielen, und es wurden immer mehr. Sie kamen immer näher. „Die Erde bebte unter der Detonation”, heißt es in Frau Großmanns Erinnerungen. „Plötzlich sprangen die schweren Eisentüren auf. Jetzt musste das Ende kommen.” Sie tröstete ihr Kind, das Angst hatte zu sterben. Auf einmal wurde es draußen wieder ruhig. Durch den Notausgang verließen die Menschen den Keller, rannten wie gehetzt, den zahllosen Brandbomben ausweichend, zu den Rurwiesen und trafen dort auf Soldaten, die Hilfe für ihre verschütteten Kameraden suchten.

Zurück zu der jungen Krankenschwester von damals, die noch heute unter Albträumen leidet: In den Schutzräumen der zweiten Kompanie hatte es Tote gegeben. Die junge Frau half mit, die Leichen hinaus zu tragen. Mit einem Stabsarzt machte sie sich auf die Suche nach weiteren Verletzten. Im öffentlichen Schutzraum fanden sie weiter Tote und Verletzte, alles Zivilisten. Die 17-Jährige arbeitete weiter und weiter. Um zwei Uhr in der Nacht bot ihr der Stadtkommandant einen Ruheplatz an und eingemachte Stachelbeeren. Am nächsten Morgen riskierte sie einen Blick auf ihre Stadt. Da, wo noch vor kurzem ihr Elternhaus gestanden hat, ist jetzt ein Haufen Schutt.

Genau vor 68 Jahren wurde Jülich dem Erdboden gleich gemacht.