Kommende Siersdorf : Graf tauscht Länderei gegen Seelenheil

Kommende Siersdorf : Graf tauscht Länderei gegen Seelenheil

Kommende Siersdorf: Die bewegte Geschichte eines Gemäuers

Vor rund 800 Jahren hat die Geschichte des Deutschen Ordens in der Region mit der Schenkung der Kommende Siersdorf begonnen. Mittlerweile ist das Gebäude eine Ruine, die aber so gesichert werden konnte, dass sie unter Aufsicht begangen werden kann.

Warum Wilhelm III., Graf von Jülich, den Deutschen Orden vor 800 Jahren großzügig beschenkt hat, darüber kann man heute nur noch spekulieren. Bekannt ist, dass der Vorfahre des späteren Jülicher Herzogs-Geschlechts damals auf dem Sterbebett lag, in Damietta in Ägypten. Der fünfte Kreuzzug war für ihn und viele andere Ritter in einem Desaster geendet.

Gepflegt wurde er von Mitgliedern des Deutschen Ordens, einer Vereinigung, die sich um 1190 als Hospitalorden gegründet hatte, um die verwundete Kreuzfahrer aus deutschsprachigen Landen zu pflegen. Rasch wurde der Hospitalorden in einen für die Zeit typischen Ritterorden umgewandelt, ähnlich wie die Johanniter oder die Templer.

Fakt ist, dass Wilhelm III. im Frühjahr 1219 eine reiche Länderei bei Aldenhoven an den Orden verschenkte und damit den Grundstein für die Kommende Siersdorf legte. Eine Kommende ist eine Niederlassung eines Ritterordens. Jetzt, 800 Jahre später, ist wieder ein besonderes Jahr für die Kommende, nicht nur aufgrund des runden Jubiläums. Erstmals seit der schweren Zerstörung des Herrenhauses im Zweiten Weltkrieg ist die Ruine eingeschränkt für Besucher geöffnet.

Möglich ist das, weil der Förderverein die Kommende Siersdorf soweit gesichert hat, dass er sporadisch Führungen anbieten kann. Rund eine Millionen Euro Fördergelder und Tausende Stunden Arbeit seitens des Fördervereins waren notwendig, um eines der bedeutendsten Anwesen des Deutschen Ordens in der Region zu retten. „Am Ziel sind wir noch lange nicht“, sagt Guido von Büren, Jülicher Historiker und Vorsitzender des Fördervereins. Irgendwann soll die Ruine so weit sein, dass sie regelmäßig besucht werden kann. „Es darf in einer Region, in der der Tagebau so viele historische Bauten verschluckt hat, nicht sein, dass ein so bedeutsames Anwesen einfach verfällt“, erklärt von Büren die Grundmotivation des Fördervereins.

Zurück zu Wilhelm III. und seinen Schenkungsabsichten. „Hier ist sicher die radikale Glaubensweise damals erkennbar. Er wollte mit reiner Seele sterben“, sagt von Büren. Adelige machten großzügige Schenkungen an einen Orden, um sich das Seelenheil für das Jenseits zu sichern. „Möglicherweise wollte Wilhelm aber auch sein Revier markieren“, mutmaßt von Büren. Der Jülicher hatte im Herzog vom Limburg einen territorialen Konkurrenten, die Besitzverhältnisse waren nicht für jeden Landstrich geklärt. „Indem er verschenkt, zeigt er, dass es vorher ihm gehört hat“, mutmaßt von Büren.

Orden wird immer wichtiger

Wilhelm III. hatte noch mehr verschenkt, und zwar die Kirchen in Nideggen und in Hürtgenwald-Bergstein. Beide nahm der Orden aber nie in Besitz. Im Gegensatz zu Siersdorf, wo damals eine Kirche und ein Gehöft standen. Das Interesse des Ordens an Siersdorf mag in den schon damals ungewöhnlich fruchtbaren Böden der Jülicher Börde begründet liegen, die sich in den Eifelhöhen in Nideggen und Bergstein nicht fanden.

Der Orden, der innerhalb weniger Jahrzehnte aufgrund vieler Schenkungen immer mächtiger wurde, hatte wirtschaftliche Interessen. Die Ländereien wurden verpachtet, meist gegen die Zahlung von Naturalien. So wurden Mittel gewonnen, um andere Standorte zu versorgen wie Köln, Lüttich oder Maastricht, wo der Orden Hospitäler betrieb oder Priester ausbildete. In Aachen befand sich die Deutschorendskommende St. Aegidius ab dem 14. Jahrhundert neben dem Ponttor. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Auf einer Kommende lebten mehrere Ordensritter im Zöllibat, dazu weltliche Helfer.

Heute würde man sagen, dass sich ein paar Jahre Deutscher Orden gut gemacht haben im Lebenslauf eines angehenden Ritters. Im Fall der Kommende Siersdorf hatte vor allem die auf Burg Setterich ansässige Familie Reuschenberg über Generationen Söhne zur nahegelegenen Kommende geschickt. Einer blieb ein Leben lang: Heinrich (1528 – 1603) wurde sogar der Obere der Ballei Biesen, seine Stamm-Kommende Siersdorf baute er erheblich aus. In einer Ballei sind mehrere Kommenden zusammengefasst, das Zentrum der hiesigen Ballei Biesen war in Hasselt.

1578 wurde der von Heinrich beauftragte wuchtige Neubau des Herrenhauses abgeschlossen. „Das Herrenhaus war sicher auch als Zeichen der Macht zu verstehen, ein bisschen so, wie es der Jülicher Herzog Wilhelm V. zeitgleich mit der gewaltigen Zitadelle setzte“, sagt von Büren. Eingefasst von vier Türmen schloss ein imposantes Dach das Herrenhaus ab.

Aachener Familie erhält Zuschlag

Bis zum Oktober 1944, als die Wehrmacht vom Herrenhaus aus das Feuer auf die sich nähernden US-Bodentruppen eröffnete. Die 9. Armee erwiderte das Feuer, das prachtvolle Herrenhaus wurde zur Ruine. 150 Jahre war die Zeit der Deutschritter in Siersdorf da schon abgelaufen, sie waren vor dem französischen Revolutionstruppen geflohen. 1809 löste Napoleon den Deutschen Orden in den Rheinbundstaaten auf. 1820 erhält die Aachener Familie Heusch in einer Versteigerung den Zuschlag. Den Wiederaufbau nach der Zerstörung kann die Familie kaum stemmen. „1960 wurden die Sicherungsarbeiten an der Ruine eingestellt, da keine Nutzung absehbar war“, erklärt von Büren. Bis 2012, als der Förderverein die Kommende von der Familie übernimmt.

Mit Fördermitteln von Bund und Land sowie Zuschüssen der NRW-Stiftung und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und viel Eigenleistung konnte der Verein die Ruine so sichern, dass sie unter Aufsicht begangen werden kann. Baustellen gebe es noch reichlich. Vor zwei Jahren musste der Westturm vom Hauptbau abgetrennt werden, weil er langsam in den Boden sinkt und dem Gebäude geschadet hätte. Die Sanierung der Kontermauer könnte laut von Büren bis zu 400.000 Euro kosten. „Wir wollen perspektivisch eine Infrastruktur für Besucher schaffen“, erklärt der Vorsitzende des Fördervereins, also ein Informationszentrum. Und eine Stelle für jemanden, der sich hauptamtlich um das Bewahren dessen kümmert, was mit einer Schenkung vor 800 Jahren begonnen wurde.

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