Aktion "Lesestoff - Zündstoff - Brennstoff" in Aldenhoven

Sensibilisierung junger Menschen : Ein Scheiterhaufen brennt in Aldenhoven

Ein Scheiterhaufen brannte im Römerpark nahe des Mahnmals für die jüdischen Mordopfer Aldenhovens. Genauso wie bei der Bücherverbrennung vor 86 Jahren in 26 deutschen Universitätsstätten, doch statt der Bücher brannten Hakenkreuze.

15 Aldenhovener Konfirmanden hatten sie aus Holzlatten und Farbe gefertigt, unter Anleitung von Karl-Heinz Schumacher, Künstler und Initiator des Projekts „Lesestoff – Zündstoff – Brennstoff“.

Das ist ein Konzept zur Sensibilisierung junger Menschen, sich vor den Verführungen von Rechtsradikalen und -populisten zu wappnen. Der evangelische Pfarrer Charles Cervigne hatte sie im Konfirmandenunterricht über die nationalsozialistische Kampagne „Wider den undeutschen Geist“ unterrichtet. Ferner führte er in die Mahn-Aktion im Römerpark ein, veranstaltet vom Bündnis gegen Rechts, in Kooperation mit der Gemeinde Aldenhoven und der Evangelischen Kirchengemeinde Aldenhoven. Zu den interessierten Teilnehmern zählten einige Aldenhovener Bürger aus dem Iran und Eritrea, die „vielleicht besser wissen, was Zerstörung der Meinungsfreiheit bedeutet“, wie Cervigne es ausdrückte.

Der 10. Mai 1933 war im Übrigen „ebenfalls ein Mittwoch und es regnete Bindfäden“, wie Schumacher und Bürgermeister Ralf Claßen unterstrichen. Zu den essenziellen Punkten ihrer Reden zählte die Tatsache, dass „die Bücherverbrennung keine staatliche Maßnahme, keine Aktion der SA oder der NSDAP, sondern von Studenten war. Sie waren damals nicht nur der allgemeinen Nazi-Propanganda erlegen, sondern ihre Dozenten an den Unis haben ihnen den Irrweg gewiesen“. Ein Beispiel daraus ist der Göttinger Literaturprofessor Gerhard Paul Fricke, der in seiner Brandrede unter anderem betonte: „Wir tun, was wir tun müssen. Wir setzen ein Flammenzeichen. Eine neue deutsche Kultur steigt auf“.

Geistiger Brandstifter

Ein weiterer geistiger Brandstifter war Hans Naumann in Bonn, der etwa am lodernden Scheiterhaufen deklamierte: „Fliegt ein Buch heute Nacht zuviel ins Feuer, so schadet das nicht so sehr, wie wenn eines zu wenig in die Flammen flöge“. Flammenzeichen gegen die Scheiterhaufen und damit der Vernichtung der Werke der „jüdischen, liberalen, linken und pazifistischen Intelligenz“ setzte die Aldenhovener Veranstalterkooperative.

Erich Kästner hatte im Übrigen, wie mehrfach betont, sogar selbst am Hass-Ritual Berliner Studenten teilgenommen. „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“. Dieses richtungsweisende Zitat von Heinrich Heine ist bereits 100 Jahre älter als die Bücherverbrennung, wie Cervigne mahnend herausstellte. Der Geistliche verlas auch drei aus den „12 Thesen wider den undeutschen Geist“, die verdeutlichen, „wie krank die Gehirne damals waren“.

Ein Beispiel aus These 7 ist unter anderem: „…. Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung“. Erwähnenswert ist die heldenhafte Reaktion von Oskar Maria Graf, dessen Bücher bis auf sein Hauptwerk auf der erlaubten „weißen Liste“ standen, und der in seinem öffentliche Protest dagegen die Worte „Verbrennt mich“ schrie. „Letztlich sind die Nazis doch grandios gescheitert mit der Bücherverbrennung. Die vernichteten Bücher leben weiter auf, sind wie Phönix aus der Asche aufgestiegen“, wie Schumacher resümierte.

Rechtsgerichtete Demonstration

Natürlich wünschen sich die Veranstalter, dass vor allem Jugendliche gerade diese damals verbrannten Bücher heute lesen und sich die beunruhigende Nähe der Wiederholung solcher Vorkommnisse vor Augen führen. So wurde am 1. Mai bei einer rechtsgerichteten Demonstration in Sachsen öffentlich ein Zitat des von den Nazis verehrten deutschen Schriftstellers Theodor Körner verlesen: „Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten. Vom Feinde bezahlt, und dem Volke zum Spott! Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk, dann gnade euch Gott!“

Im Anschluss an die Redebeiträge übergaben die Konfirmanden ihre Hakenkreuze dem Feuer, jedes stand stellvertretend für einen deutschen Autoren, darunter Bertholt Brecht, Heinrich Heine, Erich Kästner und Kurt Tucholsky. Die Teilnehmer am „faszinierenden Feuerszenario“ sangen abschließend anstelle des Hort-Wessel-Liedes vor 86 Jahren alle Strophen von „Die Gedanken sind frei“.

(ptj)
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