Jülich: ADHS: Wenn Kinder Reize nicht richtig filtern können

Jülich: ADHS: Wenn Kinder Reize nicht richtig filtern können

Die Figur des „Zappel-Philipp” aus dem Buch „Struwwelpeter” von Heinrich Hoffmann ist den meisten Menschen seit ihren Kindertagen ein Begriff. Oft wird mit dieser Geschichte die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) assoziiert, die mittlerweile als eine der häufigsten Störungen im Kindes- und Jugendalter gilt.

Da statistisch gesehen in fast jeder Schulklasse ein ADHS-Schüler vertreten ist, werden auch die Lehrer mit dem Thema konfrontiert, dem sie meist hilflos gegenüber stehen.

Die Psychologin Kathrin Hoberg kennt diese Unsicherheiten der Lehrer aus ihrer Praxis. Am Sozialpädiatrischen Zentrum der Universitätsklinik Aachen behandelt sie seit langem ADHS-Kinder und berät Eltern und Lehrer. „Zur Behandlung gehört auch, das Umfeld des Kindes adäquat zu informieren und aufzuklären”, sagte Hoberg in ihrem Vortrag „ADHS in Schule und Unterricht” beim „Alternativen Seminartag” in Jülich.

Als „Kardinalsymptome” lassen sich neben der Aufmerksamkeitsstörung, die motorische Überaktivität und die Impulsivität festhalten. Bei Kindern oder Jugendlichen, die an einer Aufmerksamkeitsstörung leiden, ist keine langfristige Konzentration und damit kein Durchhaltevermögen vorhanden. Auch Kinder, die sich von ihren Gedanken ablenken lassen und die als „Hans-guck-in-die-Luft” tagträumend in einer eigenen Welt leben, leiden an einer Aufmerksamkeitsstörung. Gerade diese Kinder werden oft nicht wahrgenommen und ihre Probleme verkannt.

Unter die motorische Überaktivität fasst man die Hyperaktivität der Kinder, die der Störung ursprünglich ihren Namen gab. Dabei sind nicht alle ADHS Kinder wesentlich auffälliger als ihre Altersgenossen, aber sie können auch dann nicht zur Ruhe kommen, wenn es die Situation erfordert (z.B. in der Schule).

Impulsivität bedeutet eine schlechte Impulskontrolle, d.h. die Betroffenen müssen auf jeden Reiz, der sich ihnen bietet, unmittelbar reagieren. So unterbrechen die Kinder z.B. im Gespräch ständig ihr Gegenüber und reden dabei selbst wie ein Wasserfall.

Die Intensität der Symptome können individuell variieren und wie bei vielen Krankheitsbildern sind die Grenzen von einem „normalen” zu einem auffälligen Verhalten fließend. Um den Kindern und Jugendlichen zu helfen, sollten ihnen klare Strukturen entgegengehalten werden. „Die Kinder müssen wissen, wo sie bleiben”, fasste Hoberg ihre Ausführungen zusammen. Gezielte Aufträge können ebenso sinnvoll sein, wie das Verteilen von Hausaufgabenheften oder eine nonverbale Kommunikation (z.B. dem Kind die Stifte einfach aus der Hand zu nehmen, anstatt endlos zu diskutieren).

Eine medikamentöse Behandlung ist sicher in einigen Fällen angebracht, kann aber nur unterstützend wirken und das „Problem” nicht auf allen Ebenen lösen.

In vielen Fällen gelingt es den Kindern mit der Unterstützung von Therapeuten, die im Austausch mit Eltern und Lehrern stehen, mit ADHS umzugehen.

„Wir erleben immer wieder positive Beispiele, erzählte Herta Bürschgens, die beim Selbsthilfeverband „ADHS Deutschland” ehrenamtlich arbeitet. Der gemeinnützige Selbsthilfeverein bietet über 250 Selbsthilfegruppen bundesweit an und organisiert Veranstaltungen aller Art zum Thema ADHS. So finden auch die Eltern der Kinder in den Selbsthilfegruppen einen geschützten Raum, in dem sie sich austauschen können und angenommen fühlen. Und sie erfahren, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine da stehen.