Jülich: 75. Jahrestag der Novemberpogrome: Jülich gedenkt der Judenverfolgung

Jülich: 75. Jahrestag der Novemberpogrome: Jülich gedenkt der Judenverfolgung

Am 75. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 haben Jülicher ein Zeichen gegen Gewalt und Rassismus gesetzt. Am einstigen Standort der Synagoge in Jülich versammelten sie sich wieder, um der vielen Millionen ermordeter Juden und insbesondere der Opfer des Jülicher Landes zu gedenken.

Die Gesellschaft gegen das Vergessen und für Toleranz hatte eine würdevolle und stille Feier vorbereitet, in deren Mittelpunkt das Totengedenken stand. Doch auch der Gegenwart wurde Rechnung getragen, denn die Erinnerung an die Gräuel der Vergangenheit sollte mit dazu beitragen, heute Mut und Zivilcourage zu zeigen, wo man Ungerechtigkeit und Gewalt begegnet. An der Gedenktafel, die vor 30 Jahren auf Anregung der Gesellschaft angebracht wurde, begrüßte Pfarrer Dr. Peter Jöcken die zahlreichen Bürger, darunter auch viele Kinder und Jugendliche, die trotz des strömenden Regens gekommen waren.

Pfarrer i.R. Dr. Thomas Kreßner hielt eine kurze Rückschau. Vor 75 Jahren, so erklärte er, wurden die Vorfälle verharmlost. Kurz darauf kam es auch in Jülich schon zu den ersten Verhaftungen jüdischer Bürger und im März 1941 begann ihre Deportation in die Konzentrationslager. „Es war so ungeheuerlich, dass die Worte fehlen“, erklärte er. Kreßner erinnerte auch an die Zerstörung Jülichs im November 1944, bei der auch die Jülicher Kirchen ein Opfer der Bomben wurden.

„Wer die Betstätte des Bruders zerstört, wird bald keinen Ort mehr zum Beten haben“, mahnte er. Als dann vor 30 Jahren die Gedenktafel enthüllt wurde, so erinnerte er sich, war er erstmals stolz ein Jülicher Bürger zu sein. Seither hat sich viel ereignet, die Menschen der Stadt haben sich der Schuld und der Erinnerung gestellt. Alljährlich finden im Rahmen der jüdischen Woche die Gedenkfeiern statt und das Denkmal am Propst Bechte-Platz wurde vollendet. „Doch die Arbeit der Erinnerung wird noch lange notwendig sein. Sie macht uns wachsam und stark. Antisemitismus und Rassismus sind eine Todsünde“, schloss Kreßner.

„Es bewegt mich, dass heute Nicht-Juden die Erinnerung lebendig halten. Sie lässt uns nicht vergessen, dass wir alle Menschen sind“, erklärte Max Mordechai Bohrer, Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Aachen. Auch er war mit einigen Gemeindemitgliedern nach Jülich gekommen, um hier das Totengebet zu sprechen.

Untermalt wurde die Feierstunde musikalisch von einer Klarinettengruppe der Musikschule Jülich. Mit brennenden Kerzen in den Händen zogen die Teilnehmer der Feierstunde anschließend zum Propst Bechte-Platz. Viele von ihnen hatten Kerzenpatenschaften übernommen. Damit sollten die Namen der Ermordeten lebendig gehalten werden. Mit den Worten: „Meine Kerze brennt für…“ stellten sie am Mahnmal nieder. Sie hatten eine kurze Biografie des Menschen erhalten, dem sie an diesem Tag namentlich gedenken wollten.

Bei koscherem Essen und Wein ließ man anschließend den Tag im Bonhoeffer-Haus ausklingen. Dort hatten die Schüler und Schülerinnen der Schirmer-Schule sowie die Konfirmanden der Evangelischen Kirchengemeinde Jülich noch etwas vorbereitet. Die Schirmerschüler machten deutlich, wie wichtig es ist „Nein“ zu sagen gegen Diskriminierung.

Das Leben einer jüdischen Familie während der NS-Zeit stellten die Konfirmanden vor. Gabriele Spelthahn und Anne Gatzen lasen aus dem Buch „Adressat unbekannt“ der US-Journalistin Katherine Kressmann Taylor.

Der Roman beschreibt die Veränderungen, die der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland brachte. Es zeigt einen fiktiven Briefwechsel zwischen einem jüdischen, in San Francisco lebenden Kunsthändler und seinem nach Deutschland zurückgekehrten Freund und Geschäftspartner, der sich zum Nazi wandelt.

(Kr.)