Jülich: 7. Auflage der Kleinen Nacht der Wissenschaft im Kulturbahnhof

Jülich: 7. Auflage der Kleinen Nacht der Wissenschaft im Kulturbahnhof

Jülich besteht aus zwei Städten. Da ist einmal die Stadt mit ihren Dörfen und insgesamt 33000 Menschen. Und dann gibt es die Stadt neben der Stadt, das Forschungszentrum mit seinen 5500 Mitarbeitern. Für die vier spannenden Gesprächsrunden bei der 7. Auflage der Kleinen Nacht der Wissenschaft im Kulturbahnhof, moderiert von unserem Redakteur Volker Uerlings, gab es eine zentrale Frage.

Wie können die beiden Städte den Weg in die Zukunft gemeinsam gehen? Vier Wissenschaftler des Gastgebers Forschungszentrum und vier Vertreter aus der Stadt sprachen über die Herausforderungen der kommenden Jahre. „Die Jülicher wollen wissen, was sich hinter den Zäunen des Forschungszentrums tut.

Dabei geht es nicht nur um Brennelemente, sondern beispielsweise auch um unsere Hirnforschung“, sagte FZ-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Marquardt. Die Kleine Nacht der Wissenschaft ist eine Möglichkeit, die Forschung hinter den Zäunen hervorzuholen.

Alle acht Interview-Gästen waren sich in einer Sache einig: Wie die Zukunft in ihren jeweiligen Fachbereichen aussieht, können sie nicht absehen. Um so wichtiger sei es, sie zu gestalten. Marquardt sprach über das rasante Wachstum des FZJ in den vergangenen Jahren. „Wir müssen uns immer mehr fragen, wohin das gehen soll“, sagte er.

Aus seiner Sicht könnte eine Weichenstellung so aussehen, dass das FZJ sich auf seine zentralen Stärken besinnt und andere Dinge sein lässt. „Wir können nicht nach jedem Apfel greifen, der so schön rot leuchtend am Baum hängt. Wir brauchen Qualität. Nur wenn wir in bestimmten Bereichen Wirkung erzielen, dann erhalten wir auch Fördermittel, die uns weiter bringen.“

Die Jülicher Dezernentin Katarina Esser stellte den Sachstand des Wettbewerbs „Zukunftsstadt“ dar, an dem Jülich mit 51 weiteren deutschen Städten teilnimmt. Derzeit läuft Phase eins, die unter anderem aus einer allgemeinen Bürgerbefragung besteht. „Das Thema Gesundheit ist derzeit ganz weit oben“, sagte Esser. Demnächst gibt es eine groß angelegte, repräsentative Bürgerbefragung und drei Workshops, an denen alle Bürger teilnehmen können. Die befassen sich mit den Ergebnissen der Befragung. Esser stellte losgelöst vom Wettbewerb auch Fragen vor, auf die Stadt und FZJ gemeinsam eine Antwort suchen können. „Wie stellen wir im ländlichen Raum die Mobilität sicher?“

Wolfgang Marquardt ergänzte den Aspekt, dass beide Seiten beim Thema Ausgründungen aus dem FZJ kooperieren sollten. „Der Trend derzeit ist klar zu beobachten: Die Menschen wollen in Großstädte ziehen. Kleinere Städte wie Jülich haben dann eine Chance, wenn sie vor Ort attraktive Arbeitsplätze anbieten können.“

Hildegard Hoecker von den Stadtwerken Jülich schilderte anschließend, dass sich die Arbeitsfelder für einen Versorger in den vergangenen 15 Jahren stark geändert haben. Früher sei es ausschließlich die Aufgabe des Unternehmens gewesen, die Bürger mit Strom, Gas und Wasser zu versorgen.

„Heute ist der Kunde selbst Produzent und wir müssen ihm viel indiduellere Lösungen anbieten.“ Ob sich der neue Trend nach Smart Home, also der über das Mobiltelefon regulierbaren Heizungen, Kühlschränke und Rolläden, wirklich durchsetzt, bleibe abzuwarten. Bisher sei der Kundenwunsch noch nicht da. „Aber wir müssen schnell reagieren, wenn sich das ändert“, sagte Hoecker.

Der Jülicher Energieforscher Jürgen Hake bestätigte, dass sein Forschungsfeld unvorhersehbar sei. „Es hat schon viele Entwicklungen gegeben, von denen zuerst gesagt wurde: Das wird es nie geben.“ Als Beispiel nannte er die Energiewende hin zu regenerativen Quellen wie Wind und Sonne. Die Pioniere auf diesem Gebiet hätten zunächst auch als Spinner gegolten.

Mit Spannung wartet er ab, ob sich alternative Energieträger in Autos durchsetzen. „Elektromobilität hat im Moment bei uns Startschwierigkeiten. Langfristig werden die Kunden entscheiden, ob sich die E-Mobilität oder Wasserstoff als Antrieb durchsetzt.“ Schließlich sei zu bedenken, dass die gängigen Kraftstoffe hoch-effektive Systeme seien.

Früherkennung ist möglich

Dass man Menschen nur vor den Kopf gucken kann, sagt man so. Juraj Kukolja von der Memory Clinik Jülich-Köln würde dem Spruch heute vermutlich nicht mehr ganz zustimmen. Demenz ist sein Forschungsgebiet und er erklärte, dass es früher nur möglich gewesen sei, die Erkrankung nach dem Tod festzustellen. Heute gebe es eine Methode der Nervenwasser-Untersuchung, mit der ein Nachweis auch für Lebende möglich sei.

„Wir können die Krankheit auch zehn oder 20 Jahre vor dem Ausbruch feststellen“, sagte Kukolja. Von einem anderen Durchbruch konnte er nicht berichten. „Wir können es früh nachweisen, aber es gibt noch keine Behandlungsmöglichkeiten.“ Es gebe Medikamente, die die Symptome lindern und das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen, aber die Ursache kann bisher nicht bekämpft werden.

Von den rund 267 000 Menschen im Kreis Düren seien etwa 5000 von Demenz betroffen, schätzt Beatrix Lenzen von der Stadt Jülich. Ein Mittel gegen die Krankheit hat Jülich natürlich auch nicht. Aber der Umgang mit Demenz verändert sich. Derzeit gebe es fünf ehrenamtlich ausgebildete Demenzlotsen in Jülich, die den Erkrankten und ihren Angehörigen zur Seite stehen können.

„Wir nennen Demenz eine Familienkrankheit“, sagte Lenzen, die pflegenden Angehörigen seien ebenso betroffen. Im vergangenen Jahr hat sich in Jülich eine lokale Allianz zum Thema Demenz gebildet. Das Ziel sei es, das Wissen über die Krankheit zu vermehren und Jülich zur demenzfreundlichen Stadt zu machen. „Es ist schon viel gewonnen, wenn wir wissen, wie die Kommunikation mit dementiell veränderten Menschen funktioniert“, sagte Lenzen.

Das letzte Thema der Kleinen Nacht der Wissenschaft hat die Zuhörer zurückgeholt auf den Boden. „Unsere Böden sind sehr gut“, sagte Erich Gussen, der Vorsitzende der Kreisbauernschaft. Die Niederschlagsmenge sei günstig, das milde Klima und die überwiegend weichen Lössböden ergäben eine gute Mischung. „Solche Böden bringen in Extremsituationen bessere Erträge“, sagte Gussen beispielsweise mit Blick auf längere Trockenperioden.

Denn die Böden im Jülicher Land könnten Wasser gut speichern. Der Jülicher Bodenforscher Thomas Pütz gab Antworten auf eine im Zusammenhang mit der Landwirtschaft häufig gestellte Frage. Die Sorge, dass das in der Massentierhaltung eingesetzte Antibiotika über die Ausscheidungen der Tiere auch Auswirkungen auf den Boden haben könnte und damit in den Nahrungskreislauf gelangen kann, kursiert schon lange. „Die Antibiotika werden im Boden umgesetzt und entschärft“, präsentierte Pütz Forschungsergebnisse, die anhand von radioaktiv markierter Gülle erzielt worden sind.

Gleichzeitig warten noch viele spannende Fragen auf Pütz und seine Kollegen. Die größte dürfte dabei sein, wie es dem Boden gelingen soll, die Menschen angesichts des globalen Bevölkerungswachstums zu ernähren. „Wir werden immer mehr Menschen. Das muss der Boden leisten.“ Deswegen sei es wichtig, zu erfahren, wie sich der Klimawandel auf lange Sicht auf den Boden auswirkt. Die Landschaft entlang der Rur sei eines von vier Observatorien in Deutschland, in denen dieser Frage nachgegangen wird.

Gussen sprach einen lokalen, kleinen Klimawandel an, der mit dem Entstehen der Sophienhöhe zu beobachten sei. Pütz bestätigte, dass die Temperatur lokal um 0,5 Grad angestiegen sei und Gussen fügte hinzu, dass die Aussat der Zuckerrüben generell zu einem früheren Zeitpunkt möglich sei als in der Zeit vor dem aufgeschütteten Berg.

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