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Teilhabe im Kreis Heinsberg: Zurück in ein normales und selbstbestimmtes Arbeitsleben

Teilhabe im Kreis Heinsberg : Zurück in ein normales und selbstbestimmtes Arbeitsleben

Die DeinWerk gGmbH bietet seit Januar Teilhabe am Arbeitsleben und berufliche Bildung für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung – eine große Herausforderung in der Corona-Krise. Nun kehrt Stück um Stück der Alltag zurück.

Eigentlich wollte er Elektroniker werden. Doch die Ausbildung musste er abbrechen, als der psychische Druck zu groß wurde. „Es gibt Menschen wie ich, die zerbrechen sich den Kopf darüber, wenn sie von ihrem Umfeld nicht so akzeptiert werden, wie sie sind. Vor allem im Job“, sagt Alejandro Martin de los Rios. Der gebürtige Heinsberger mit spanischen Wurzeln hätte seine Lehre gerne abgeschlossen. Doch seine psychische Belastungsstörung wurde durch das Mobbing seiner Kollegen noch verstärkt und führte schließlich zu seinem seelischen Zusammenbruch. Nur mit psychologischer Hilfe und sozialpädagogischer Betreuung schaffte er vor drei Jahren die Rückkehr ins Arbeitsleben. Damals erhielt er einen Arbeitsplatz bei der Prospex gGmbH, einer Werkstatt für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Und damit eine Chance zurück in ein normales und selbstbestimmtes Arbeitsleben.

Bis 2019 wurde die Prospex gGmbH in gemeinsamer Trägerschaft der ViaNobis und der Lebenshilfe Heinsberg betrieben. Aus der Prospex gingen zum 1. Januar die Werkstatt Profil der ViaNobis und die DeinWerk gGmbH der Lebenshilfe Heinsberg hervor. Mit dem Ziel, sich stärker auf einzelne Arbeitsangebote für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung zu konzentrieren und die rund 200 Arbeitsplätze qualitativ auszubauen, verantworten Thorsten Manguay und Markus Bings die technische beziehungsweise pädagogische Leitung der DeinWerk gGmbH.

Den Start der neuen Werkstatt hatte sich das Team jedoch anders vorgestellt: Nur zwei Monate nach der Eröffnung wurde die DeinWerk mit Ausbruch der Corona-Krise wie alle Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Deutschland geschlossen. „Für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung ist eine möglichst selbstbestimmte und sinnvolle Gestaltung des Alltags eine große Herausforderung. Eine klare Tagesstruktur und regelmäßige, zwischenmenschliche Kontakte sind von zentraler Bedeutung“, sagt Markus Bings. Zwölf Jahren arbeitete der Sozialarbeiter in den Werkstätten der Lebenshilfe. Er kennt die Herausforderungen in der Begleitung und Assistenz von Menschen mit Behinderung und weiß um die Bedeutung einer sinnstiftenden Teilhabe am Arbeitsleben in unserer Gesellschaft. Vor allem, wenn er an die jungen Mitarbeiter mit sozial-emotionaler Entwicklungsstörung denkt, die häufig in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen seien. Eine sinnstiftende und motivierende Arbeit sei oft ein zentraler Anker, um den Weg in ein eigenständiges Leben zu finden.

„Wir wollen alle Mitarbeiter umfangreich beruflich Bilden“: Schreinermeister Daniel Ruch schult Alejandro Martin de los Rios in der Bedienung des neuen CNC-Bearbeitungszentrums in der Schreinerei der DeinWerk gGmbH. Foto: Lebenshilfe Heinsberg

Doch mit der plötzlichen Schließung durch die Corona-Krise wurden die 200 Beschäftigten mit Behinderung aus ihrem gewohnten Alltag gerissen. Es fehlten nun vor allem wichtige Bezugspersonen und die soziale Anbindung. „Durch die Kontaktbeschränkungen sind die Mitarbeiter noch stärker sozial isoliert. Die Auswirkungen auf Menschen mit psychischer Beeinträchtigung vor allem im Kontext von Angststörungen und Depressionen spüren wir deutlich. Uns war klar, dass wir hier schnell umdenken und neue Wege suchen müssen, um den Kontakt zu den Mitarbeitern aufrecht zu erhalten. Krisengespräche werden nun telefonisch angeboten, aber in Notfällen sind wir, unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen, auch für persönliche Gespräche da und vereinbaren Notbetreuungstermine mit intensiver Begleitung bei uns im Haus. Das wird gerne angenommen.“

Damit die berufliche Bildung weiter angeboten werden kann, wurde die bereits bestehende E-Learning-Plattform „Moodle“ umfangreich ausgebaut und allen Mitarbeitern zugänglich gemacht. Doch alle diese Angebote ersetzen nicht die Arbeit vor Ort. Wie wichtig die Arbeit in der DeinWerk ist, wurde Alejandro Martin de los Rios nach 14 Tagen in der häuslichen Isolation klar. „Ich habe meine Wohnung aufgeräumt, den Garten gemacht und viele Dinge erledigt. Aber bald war ich damit fertig. Ich konnte mich nicht mehr ablenken. Dann kreisen die Gedanken. Am schlimmsten ist ein freier Montag, wenn man nach dem Wochenende seine Arbeitskollegen und Freunde nicht wiedersieht. Spätestens dann wird dir klar, dass dir die Arbeit so fehlt!“

In Abstimmung mit den Behörden und unter strengen Hygiene- und Gesundheitsauflagen entschied man sich, die DeinWerk nach vier Wochen – zuerst für rund ein Viertel der Beschäftigten – Stück um Stück wieder zu öffnen. „Das Angebot war freiwillig und richtete sich an jene Menschen, die unbedingt zeitnah zurück in ihren gewohnten Alltag und ihr soziales Umfeld finden müssen“, sagt Thorsten Manguay.

Das Leitungs-Team der DeinWerk gGmbH: Thorsten Manguay (l.) übernimmt die technische Leitung, sein Kollege Markus Bings verantwortet die pädagogische Leitung. Beide haben jahrelange Erfahrung in den Werkstätten der Lebenshilfe Heinsberg gesammelt. Foto: Lebenshilfe Heinsberg

15 Jahre lang arbeitete Thorsten Manguay in den Werkstätten der Lebenshilfe, bevor er nun die technische Leitung der DeinWerk übernahm. Er sieht die Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben nicht nur unter dem sozialen Aspekt. „Wir wollen neben bestehenden Arbeitsangeboten auch neue, qualitativ hochwertige Arbeitsplätze schaffen und die Mitarbeiter stärker beruflich fördern. Daher haben wir mit viel Aufwand unter anderem in eine neue Halle investiert und unseren Maschinenpark umfangreich erweitert.“

An die Bedienung der neuen Maschinen wie etwa das CNC-Bearbeitungszentrum in der Schreinerei werden die Mitarbeiter langsam herangeführt und intensiv geschult: „Anspruchsvolle Arbeiten sind nicht nur sinnstiftend, sie erleichtern dem Mitarbeiter eines Tages auch den möglichen Schritt zurück auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.“ Bereits zwei Mitarbeiter konnte die DeinWerk seit Januar auf einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz in Unternehmen aus der Region vermitteln. Gerne hätte Thorsten Manguay bereits im Frühjahr den Ausbau neuer digitaler Arbeitsplätze im Bereich von grenzüberschreitenden Online-Dienstleistungen vorangetrieben. Doch solange die Krise anhält, bleiben neue Projekte vorerst in der Schublade.

Alejandro Martin de los Rios ist froh, wieder arbeiten zu können. Die Hygienevorschriften stören ihn wenig. „Ich bin glücklich, eine derart vielfältige Arbeit zu haben. Und ich bin froh, in einem so guten Team zu arbeiten. Jeder hier kennt psychische Belastungen und hat sein eigenes Schicksal zu meistern, das wissen wir. Alleine deshalb schon gehen wir ganz anders und mit viel mehr Verständnis und Hilfsbereitschaft miteinander um. Und die Kontakte pflegen wir oft auch nach Feierabend.“ Es sei nicht der erste Arbeitsmarkt, das wisse er. Aber zurzeit sei das auch gut so. „Aber ich verdiene mein eigenes Geld, das ist mir wichtig. Und ich habe auch nicht mehr diesen Arbeitsdruck wie früher. Und am Ende des Tages kann ich sagen, dass ich mein Werk geschafft habe.“

(red)