Wolfgang Bosbach spricht über Veränderungen des gesellschaftlichen Miteinanders

Sparkassen Gespräche : Wolfgang Bosbach ist ein Mann mit Humor und Faktenwissen

Mit den „Veränderungen des gesellschaftlichen Miteinanders“ befassen sich die Sparkassen-Gespräche in ihrer diesjährigen Reihe. Dazu werde es insgesamt drei Referenten geben, erklärte Thomas Giessing, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heinsberg, beim ersten Termin in Erkelenz vor einer Rekordzahl von Zuhörern.

Rund 400 geladene Gäste waren gekommen, um als ersten Referenten in der Reihe den ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach zu hören.

Er schaffte es auch in Erkelenz, sein Publikum auf seine eigene, von Humor und zugleich großem Faktenwissen geprägte Art durchs Thema zu führen. Dabei fokussierte er sich auf die politische Dimension des Themas und schickte all seinen weiteren Ausführungen voraus, dass es in Deutschland aktuell allenfalls eine Parteien-, aber keine Politikverdrossenheit gebe. Dazu merkte er für seine Person gleich an: „Ich bin ein fröhlicher und friedlicher Rheinländer. Nur ein Talent habe ich nicht: Ich kann nicht blitzschnell meine Meinung ändern.“ Dafür ernetete er viel Beifall, den das Publikum ihm auch im weiteren Verlauf seiner freien Rede immer wieder spenden sollte.

Demokratie und Freiheit seien für uns Deutsche selbstverständlich, fuhr er fort. Es sei schwierig, jungen Menschen heute zu erklären, was die Teilung unseres Landes und dann die Wiedervereinigung bedeutet habe. „Das war ein Wunder in unserer wechselvollen Geschichte!“ Doch feiern würden die Deutschen das am 3. Oktober nicht. „Wir nehmen gerne Querflöte, Streichquartett und Gummibäume als Dekoration“, erklärte Bosbach. Dabei sei so viel geschafft worden in den vergangenen 30 Jahren. „Da da darf man ruhig mal stolz sein auf das eigene Land“, betonte er und bemängelte, dass in Deutschland nicht genug differenziert werde zwischen Nationalismus und Patriotismus. Patriotismus sei Vaterlandsliebe, „und Vaterlandsliebe ist eine gute Sache!“

Auch der deutschen Wirtschaft gehe es gut. In den 70 Jahren des Bestehens der Bundesrepublik habe es 63 Jahre lang Wachstum gegeben. Die Deutschen würden gerade einmal 1,2 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und hätten doch eine enorme Wirtschaftskraft, politisch gepaart mit Kontinuität in der Regierung. Das sehe in Nachbarstaaten ganz anders aus, blicke er auf „eine totale Veränderung der Machtverhältnisse in wenigen Jahren“ in Frankreich. „Wir sehen uns selber sehr kritisch, von außen gesehen sind wir ein Hort der Stabilität“, so Bosbach.

Nach seinem Vortrag nahm Wolfgang Bosbach sich noch Zeit zum persönlichen Austausch mit den Gästen der Kreissparkasse. Foto: Anna Petra Thomas

Wichtig war ihm dann die Beobachtung der „Entsolidarisierung in Europa“, und der bevorstehende Brexit. Europa halte sich für den Mittelpunkt der Erde, sei es jedoch nicht. „Wenn wir wieder in nationalstaatliche Muster zerfallen, werden wir politisch marginalisiert“, warnte er. „Es geht um Frieden und Freiheit!“ Wenn dieser Gedanke an Bedeutung verliere, sei dies für Europa eine Tragödie.

Mit Innenpolitik fuhr er fort und diagnostizierte, dass weder Parteien noch Gewerkschaften oder Kirche heute noch eine „gesellschaftliche Prägewirkung“ hätten. Parteien würden keinen Bevölkerungsquerschnitt mehr abbilden. Nur 1,8 Prozent der Deutschen seien Parteimitglieder mit einem um 20 Jahre höheren Durchschnittsalter als die Gesamtbevölkerung. Zudem sorgte er sich darum, dass der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und sozialer Leistung aus den Augen verloren werden könnte.

Der Sozialstaat werde zwar mit guter Begründung ausgebaut, aber man könne nur ausgeben, was man sich vorher erarbeitet habe. Ein weiteres Problem sei, dass Deutschland zwar in den Disziplinen der klassischen Industrie wie etwa der Automobilindustrie weiterhin führend sei, nicht aber in den sich rasant entwickelnden modernen Technologien. Und dabei befinde man sich derzeit mittendrin im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft.

Da ergebe sich eine Lösung nur durch Investitionen in Bildung und Forschung. Zwar werde man die ganz großen Player nicht mehr einholen, aber die Bedingungen in Deutschland seien doch gut mit einer dichten Hochschullandschaft und einer tollen, jungen Generation. Das Publikum stimmte ihm zu, mit lang anhaltendem Beifall.