Astronomie und Lichtverschmutzung: Wenn Heinsberg längst schläft...

Astronomie und Lichtverschmutzung : Wenn Heinsberg längst schläft...

Wenn Heinsberg schläft, steht Reinhard Lauterbach draußen und schaut in den Himmel. Er ist Hobby-Astronom, und er sagt: Trotz inzwischen hell erleuchteter Stadt gibt es dort oben viel zu sehen.

Wenn die meisten Menschen schlafen, ist Reinhard Lauterbach wach. Er liegt nicht im Bett, meistens ist er nicht mal in seinem Haus. Sein Hobby ist die Astronomie, und die Himmelskörper sieht man nun mal in der Nacht.

Er gehört, das sagt er selbst, zu einer „Gruppe von Enthusiasten“, die sich im Kreis Heinsberg dieser nicht ganz gewöhnlichen Freizeitbeschäftigung widmen. Eine gute Handvoll Leute seien sie, die sich einmal im Monat treffen und austauschen.

Hobbys kosten meistens Zeit und Geld. Das Sternegucken ist da keine Ausnahme, eher im Gegenteil. Lauterbach war schon in Süddeutschland unterwegs, in der Türkei, in den USA, jedes Mal für Naturereignisse wie Sonnen- oder Mondfinsternissen. Dafür hat er sich schon die ein oder andere Nacht um die Ohren geschlagen, manchmal auch bei klirrender Kälte. So wie in La Palma, der Kanareninsel, auf der es einige Sternwarten gibt. Zweimal war er dort, und zwei Nächte, erzählt er, habe er oben auf dem Vulkan bei der Sternwarte verbracht.

Oder so wie bei der Mondfinsternis im vergangenen Januar. Thermostiefel und Skianzug hatte Lauterbach zwar an, aber: „So eine Mondfinsternis dauert lange.“ Bis zum Morgengrauen stand er bei Minusgraden im Freien und guckte und fotografierte. Da müsse man dann durch, sagt er. „Aber es macht ja Spaß.“

Die Faszination dahinter wird sich mit Sicherheit nicht jedem erschließen, wie bei jedem anderen Hobby auch. Bei Lauterbach ist es so, dass ihn die astrophysikalischen Hintergründe hinter den ganzen Sternenbildern und Planeten interessieren. „Das sind solche riesigen Dimensionen im All, da wird man selbst ein bisschen zurechtgestutzt.“ Hinzu kommt, dass er schon immer ein Freund der Naturwissenschaften gewesen sei. Und dass er mit seinen Hilfsmitteln Dinge am Himmel sehen kann, die ihm sonst verborgen blieben.

In seinem Wintergarten steht die Kuppel für eine Sternwarte, selbst gebaut, aus Holz, das mit einer speziellen Kunststofffolie für Dächer überzogen ist, die Teile sind miteinander verleimt. Im Wohnzimmer stehen mehrere Fernrohre, Teleskope und eine Halterung mit einer Digitalkamera. Ein Hobby-Anfänger ist Lauterbach jedenfalls nicht.

Selbstgebaut: Reinhard Lauterbach in seinem Wintergarten vor der Kuppel für eine Sternwarte. Foto: Marie Eckert

Angefangen hat er natürlich aber trotzdem, das war im Jahr 1996. Damals gab es den Kometen Hyakutake, den man mit bloßem Auge beobachten konnte. Das war das erste Mal, dass Lauterbach sich an der Astro-Fotografie probiert hat.

Überhaupt beginne man das Hobby eigentlich mit dem Auge, sagt er. Der nächste Schritt sei ein Fernglas, dann das Fernglas, das auf einem Fotostativ montiert ist, und dann das Fernrohr. „Da sammelt sich dann einiges an in den Jahren“, sagt Lauterbach.

Es gibt, sagt er, im Wesentlichen drei Typen, die seinem Hobby frönen. Der, der mit seinen eigenen Augen die Sterne angucken möchte. Der, der die Objekte, die man mit bloßem Auge durch das Fernrohr nicht sehen kann, mit der Kamera festhält. Und Typ Nummer drei, zu dem Lauterbach sich selbst zählt, der sowohl gucken als auch fotografieren möchte. Das laufe zum Teil parallel ab: Während die Kamera als Objektiv für das eine Teleskop dient und automatisch Aufnahmen macht, schaut Lauterbach durch ein anderes Fernrohr in den Nachthimmel.

Er sieht dann zum Beispiel planetarischen Nebel, also die Materie von sterbenden Sternen, die Andromeda-Galaxie, die bei guten Bedingungen sogar mit bloßem Auge erkennbar ist, Sternenhaufen, Kometen, Planeten und auch schon Asteroiden.

Lichtverschmutzung als Problem

Mit den guten Bedingungen sei das aber mitunter so eine Sache, gerade in der Stadt, sagt Lauterbach, und er meint damit die Lichtverschmutzung. Es geht nicht um schmutziges Licht, sondern um künstliche Beleuchtung, Laternen oder Gebäude, die nachts angestrahlt werden zum Beispiel, die die Sterne von unten aus gesehen verblassen lassen – also die Dunkelheit „verschmutzen“.

Dass die Sterne in der Stadt so viel schlechter sichtbar seien als außerhalb, hält Lauterbach für einen großen Verlust. Das Thema ist inzwischen in der Gesellschaft angekommen. 60 Prozent der Europäer konnten nach Angaben der internationalen Studie „Atlas der Lichtverschmutzung“ im Jahr 2016 die Milchstraße nicht mehr sehen. Die Gebiete um Köln, Dortmund und Düsseldorf werden darin als große Lichtverschmutzer in Deutschland ausgemacht. Schlimmer ist es demnach nur noch westlich davon in Belgien und den Niederlanden.

Inzwischen gibt es die International Dark Sky Association (IDA), eine amerikanische Nichtregierungsorganisation, die sich für mehr Dunkelheit einsetzt. Denn derweil ist klar: Licht in der Nacht hat Einfluss auf Menschen und Tiere. „Für viele nachtaktive Tierarten, vor allen Dingen für Insekten, ist die Dunkelheit wichtig. Künstliches Licht in der Nacht kann für sie eine ernste Bedrohung sein“, sagt NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser. Dunkle Nächte hingegen wirkten positiv auf die menschliche Gesundheit, schonten Ressourcen und dienten damit dem Klimaschutz.

In Deutschland hat die IDA vier Gebiete als Sternenparks ausgewiesen: in Brandenburg, im Dreiländereck Thüringen-Hessen-Bayern, in Nordrhein-Westfalen und Bayern. Das Gebiet in NRW liegt sogar ganz in der Nähe: Der 110 Quadratkilometer große Sternenpark Nationalpark Eifel.

Neben dem gesundheitlichen Aspekt interessiert Lauterbach naturgemäß auch der astrophysikalische. An wenigen Tagen könne man dennoch auch von Heinsberg aus die Milchstraße sehen, sagt Lauterbach, auch ohne technische Hilfsmittel. Und immer dann, wenn die Bedingungen günstig sind und es etwas am Himmel zu sehen gibt, geht er gar nicht erst schlafen, sondern bleibt wach und guckt und fotografiert.