Kreis Heinsberg: Weihnachtliche Spurensuche: Woher stammt der Name Windeln?

Kreis Heinsberg: Weihnachtliche Spurensuche: Woher stammt der Name Windeln?

Kennen Sie jemanden, der Windeln heißt? Vermutlich, denn Sie wohnen ja im Kreis Heinsberg. Und im Kreis Heinsberg gibt es jede Menge Familien, die diesen Namen tragen. Oder den Namen Windelen. In Deutschlands Rest kommt er extrem selten vor.

Bekannt ist Heinrich Windelen, der von 1983 bis 1987 Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen war. In Region bekannter ist Walter Windeln, der 20 Jahre als Stadtdirektor die Geschicke von Wassenberg lenkte. Aber auch wer im Telefonbuch der Region nach Immobilienmaklern, Versicherungen, Elektroinstallateuren oder Pilzzüchtern sucht, stößt auf den Namen.

Zwei Generationen Windelen: Hans und Thorsten führen die Gaststätte gleichen Namens, die bereits seit 1909 in Hilfarth existiert und heute Treffpunkt für viele Vereine ist. Früher hieß die Familie laut einem alten Stammbaum Wendelen. Foto: mib

Aber woher stammt er? Was bedeutet er? Eine weihnachtliche Spurensuche. Eine weihnachtliche? Was Weihnachten mit Windeln zu tun hat, fragen Sie? Oh, sehr viel! Denn schließlich kam Jesus nackt zur Welt. „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.“ Diese Zeilen aus der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas werden am heiligen Abend an unzähligen Orten vorgelesen, nachgespielt, angehört. Zeilen, die so etwas Banales wie das Wickeln erwähnen, und darauf hinweisen, wie verletzlich, hilfsbedürftig, diesseitig das Kind war, dessen Geburtstag noch 2015 Jahre später gefeiert wird.

Der Wassenberger Probst Thomas Wieners hat recherchiert: Windeln tauchen im griechischen Originaltext des Lukas Evangeliums gar nicht auf. Dort steht nur: Sie wickelte ihn. Foto: anna

„Das Wickeln drückt explizit die Menschwerdung Gottes aus“, sagt auch der Heinsberger Propst Markus Bruns. Das Stück Stoff stehe gar wie eine Klammer um das Dasein Christi. Am Beginn werde er in die Windel gewickelt und am Ende bleiben nur die Leinenbinden in der Grotte zurück.

In diesem Schrein im Aachener Dom bleibt sieben Jahre lang die Windel Jesu verborgen, bis sie zur Aachener Heiligtumsfahrt den Pilgern gezeigt wird. Foto: imago/imagebroker

Die Windeln sind wichtig. Auch wenn es für sie kein Wort in der griechischen Originalschrift des Lukas Evangeliums gibt, merkt Wassenbergs Propst Thomas Wieners an. „Sie wickelte ihn“ stehe da nur. Aber dass sie ihn in Butterbrotpapier gewickelt hätte, sei nicht anzunehmen, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Der bekannteste Träger des Namens Windelen: Heinrich Windelen, 1983 bis 87 Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen. Foto: imago/Dieter Bauer

Die Windeln sind so wichtig, dass seit Jahrhunderten ein Stück Leinen sorgsam aufgewickelt im Schrein im Aachener Dom aufbewahrt wird und alle sieben Jahre Pilger bei der Heiligtumsfahrt kommen, um es zu sehen und zu berühren. Ob es sich dabei tatsächlich um die Windeln Jesu handelt, zählt selbst der katholischen Kirche nicht mehr so viel. Das hat nämlich ein textiles Gutachten bereits widerlegt. Es geht schlicht um das Symbol. Das Symbol der allzu menschlichen Bedürfnisse, der Wirklichkeit eines verehrten Menschen.

Maria mit dem Windelkind Jesu, so wie Albrecht Dürer sie malte. Foto: stock/leemage

Dass der Name Windeln etwas mit Wickeltüchern, gar den biblischen zu tun hat, bezweifelt Sybille Cremer stark. Sie beschäftigt sich in Hilfarth schon lange mit der Familien- und Ahnenforschung. Kennt den Umgang mit Kirchenbüchern und Stammbäumen und den Wunsch, mehr über die Herkunft eines Namens zu erfahren und damit ein Stück der eigenen Geschichte zu erforschen. Wo hat der Urahn gewohnt? Was war sein Beruf? Wie sah er aus? War er dick oder dünn, bärtig oder kahl, lustig oder miesepetrig? Das alles und mehr konnte der Nachname verraten. Im ländlichen Raum sind diese Namensanhängsel erst seit dem 16. Jahrhundert verbreitet. „Früher war es einfach der Heinrich von Wegberg, damit hatte es sich“, sagt Sybille Cremer. Erst 1875 wurden im Deutschen Reich die Standesämter eingeführt und damit die Familiennamen festgeschrieben.

„Nachnamen entstanden aus väterliche Vornamen, so genannten Patronymika, eher selten aus dem Vornamen der Mutter, aus Berufe, Wohnstätten, Herkunftsorte, Haus- und Hofnamen, Amtsnamen, Spitznamen, Charaktereigenschaften und Körpermerkmale, Jahres- und Wochentage“, zählt Sybille Cremer auf.

Windelns im Raum Heinsberg hat sie viele gefunden, vor allem in Heinsberg, Hückelhoven, Wassenberg. „Der Name ist weit verbreitet. Besonders in der Hilfahrter Ecke. Da gibt es auch noch eine Kneipe mit dem Namen. Die gibt es schon lange.“

Sehr lange sogar. „Früher, als das Haus noch verputzt war, stand draußen 1909 dran“, erzählt Hans Windelen und zeigt ungefähr dorthin, wo die Zahlen über der Tür zu lesen waren. Daran haben sie sich orientiert und vor sechs Jahren ihr Hundertjähriges gefeiert. Aber dann, etwas später, hat er herausgefunden, dass auch schon sein Urgroßvater eine Kneipe in dem Haus an der Marienstraße hatte, dort wo die Straße in einem Bogen auf die Breite Straße führt. Also arbeitet jetzt mindestens die vierte Generation Windelen hinter dem Tresen. Denn auch Hans Sohn Thorsten Windelen führt die Tradition weiter.

Früher hieß die Familie aber auch mal Wendelen, erzählt der Gastronom. Das hat er in einem alten Stammbaum entdeckt. Warum aus dem e ein i wurde, kann er sich nicht erklären. „Ein Schreibfehler“, meint er und zuckt mit den Achseln. Was der Name Windelen oder Wendelen allerdings bedeutet, das weiß er nicht.

Das ist ein Fall für Professor Dr. Jürgen Udolph, darin ist er Spezialist. Er hat nach seiner Emeritierung ein Zentrum für Namenforschung in Leipzig gegründet. Sein neuer Auftrag: die Herkunft des Namens Windeln klären.

„Im Allgemeinen wird Windel(e)n als Variante von einem Familiennamen Windel betrachtet“, schreibt er. Und der wiederum beziehe sich auf die Kurzform eines weiblichen Personennamens wie Windelheid oder Windelmodis oder auf einen Ort namens Windeln. Aber im Rheinland gibt es weder den Ort Windeln, noch den Familiennamen Windel. „Also kann der dort häufig vorkommende Name Windel(e)n kaum von einem Vor- oder Familiennamen Windel abgeleitet werden.“ Auch die Fährte in die Niederlande ist kalt.

Einzig der Hinweis in dem „Woordenboek“ seines niederländischen Kollegen Dr. Frans Debrabandere auf einen „Martinus Windel ante portam“, also auf ein Findelkind, das in Windeln gefunden wurde, scheint ihm sachdienlich. „Ich sehe momentan keine andere Möglichkeit, als den häufigen Familiennamen Windel(e)n im Kreis Heinsberg auf eine einzige Person zurückzuführen, die als Findelkind den Namen ‚mit Windeln‘ trug.“ Aha! Zufrieden ist Udolph mit dieser Erklärung allerdings nicht. „Ein sehr schwieriger Name...“

Eine neue Spur

Jürgen Udolph wohnt in Leipzig, Helmut Windeck wohnt in Waldfeucht. Das ist viel näher dran an all den Windelns der Region. Als Vorsitzender des Historischen Vereins Waldfeucht hat er seine sieben Namensforschungsbücher schnell parat. Allerdings: „Ich habe nichts gefunden“, sagt er zur Begrüßung und tippt auf eine alte vergilbtes Werk, noch in Frakturschrift gedruckt. „Kein Windeln, nirgends.“ Aber Windeck hat gute Kontakte in die lokale Ahnenforscherszene, und einer davon bringt St. Wendelin ins Spiel, den Schutzpatron der Bauern, Hirten, Tagelöhner und Landarbeiter.

Keine schlechte Idee. Allerdings ist es mit der Wendelin-Verehrung in der Region nicht weit her. Wer eine Kapelle oder Kirche besuchen will, die ihm geweiht ist, müsste bis nach Eschweiler oder in die Eifel fahren.

Aber Wendelin ist ein hübscher Name. Ob heilig oder nicht. Ein väterlicher Vorname, der zum Nachnamen geworden sein könnte. Auch Sybille Cremer würde auf Wendelin als Namensursprung tippen.

Sie hat im römisch-katholischen Taufbuch von Hilfarth nachgesehen. Da hat im Jahr 1803 ein Peter Wendeln seine Tochter Catharina Wendeln eintragen lassen. Schreiben konnten die Menschen in den vorigen Jahrhunderten nur selten, also hat ein Pfarrer oder Standesbeamter die Aufgabe übernommen. Da konnte sich der Nachname von Fall zu Fall ändern, sagt Cremer, da hieß ein und dieselbe Person mal Wendelen, Windeln oder Windelen. Kam ganz darauf an, ob der Sprecher nuschelte. Wenn heute ein Mensch namens Windeln gefragt wird, wie man das den schreibt, hat er es leichter, verrät ein Träger dieses Namens, er sagt einfach: „Pampers mit n.“

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