Martinuskirche: Mit Fleiß und Kreativität dem Verfall getrotzt

Von: Rainer Herwartz
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Es hat sich schon viel getan in der Martinuskirche in Steinkirchen, doch was sie von außen verspricht, kann sie im Inneren leider nicht halten.
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Es hat sich schon viel getan in der Martinuskirche in Steinkirchen, doch was sie von außen verspricht, kann sie im Inneren leider nicht halten.

Wassenberg-Steinkirchen. Der stolze Backsteinbau bietet dem flüchtigen Blick auch heute noch eine stattliche Kulisse. Dass die St.-Martinus-Kirche in Wassenberg- Steinkirchen schon seit vielen Jahren ihrem eigenen Verfall trotzt, ahnen die Besucher des rund 125- Seelen-Örtchens dabei wohl kaum.

Erst wer das Innere des Gotteshauses betritt erkennt, dass der scheinbar unverwundbare Torso doch im Laufe der Jahre viele Blessuren davon getragen hat. Um sie zu beheben, ist jedoch beim Bistum kein Geld vorhanden. Daher, so sagen Mieke und Fred Küppers, steht die Kirche schon seit langem quasi auf der „roten Liste“. Doch das Ehepaar sieht dem „Sterben“ der Kirche nicht tatenlos zu, sondern stemmt sich dem vor allem mit Kreativität und Fleiß entgegen. Ein außergewöhnliches Beispiel ehrenamtlichen Engagements, das schon in den 1980er Jahren seinen Anfang nahm.

Die erste urkundliche Erwähnung der Kirche datiert bereits aus dem Jahre 1118 und beginnt mit dem Satz: „Die Pfarrkirche in Steinkirchen ist eine sehr alte Kirche.“ Dies bezog sich jedoch nicht auf den Sakralbau, wie er heute zu sehen ist, sondern auf dessen Vorgänger, einer vorromanischen Saalkirche, die wahrscheinlich aus dem frühen 9. Jahrhundert stammte. Dieser frühe steinerne Kirchenbau war das religiöse Zentrum für die umliegenden Gemeinden und gleichzeitig der Namensgeber des Ortes, denn ein Kirchenbau aus Stein war damals außergewöhnlich.

Erst im 16. Jahrhundert wurde der heutige Kirchturm angebaut und Ende des 19. Jahrhunderts musste die alte Saalkirche dem heutigen neugotischen Langschiff weichen. Laut Mieke Küppers war es der Kölner Architekt Heinrich Wiethase, der den neuen Bau im Jahre 1898 fertigstellte. „In alten Heimatkalendern“, so erzählt sie, „wurde die Kirche als eine der schönsten im ganzen Kreis bezeichnet.“

Im Jahre 1945 fügte Artilleriebeschuss der herannahenden Front dem Kirchturm schwere Schäden zu, das Dach des Langhauses und das Gewölbe wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Es sollte bis Ende der 1950er Jahre dauern, ehe der Turm gesichert wurde. Erst 1962 ersetzte eine neue Schieferbedeckung das Notdach des Kirchenschiffes. Und es dauerte bis zum Anfang des neuen Jahrtausends, ehe das Gewölbe des Kirchenschiffes instand gesetzt und im Bestand gesichert werden konnte – zumindest vorübergehend. Bis ins Jahr 1955 hatte es ständig durch das löchrige Dach ins Kircheninnere geregnet. „Die Sanierung des Gewölbes begann etwa im Jahr 2000“, erinnert sich Fred Küppers. „Das Gerüst stand noch bis zum Jahr 2004 in der Kirche.“

Eigentlich waren es gar nicht die Eltern, sondern der älteste Sohn Jonny, der irgendwann in den 1980er Jahren das Interesse für die Martinuskirche in der Familie erwachen ließ. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Andreas und einigen Bewohnern des Ortes hatte der damals 16-Jährige damit begonnen, den alten Friedhof zu sanieren. Schon damals habe der junge Mann an das Bistum und für die Denkmalpflege zuständige Institutionen geschrieben. Denn außer dem Aufbau eines Notdaches hatte sich nach dem Krieg am Gotteshaus in Steinkirchen nicht mehr viel getan. Seit September 1946 waren auch die Gottesdienste in der Kirche nahezu komplett eingestellt worden. Jonnys Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg.

Auch wenn von offizieller Stelle zunächst keine Hilfe zu erwarten war, so wurde das „Projekt“ Martinuskirche für Mieke und Fred Küppers mehr und mehr zu einer Art Lebensaufgabe. Vor allen Mieke war es, bei der eine Fronleichnamsprozession vor etwa 30 Jahren geradezu ihr Leben verändern sollte. „Das vergesse ich nie“, sagt die gebürtige Niederländerin, die seit mittlerweile 48 Jahren in Steinkirchen lebt. Als der Pastor die Segnungszeremonie draußen vor der Kirche vornehmen wollte, sei nicht einmal ein geeigneter Altar hierfür vorhanden gewesen. „Da habe ich gesagt, jetzt kommt der Herrgott zu uns zu Besuch und es ist nicht einmal der Tisch gedeckt. Für mich stand damals fest, dass ich, so lange ich Lebe und es bewerkstelligen kann, dafür Sorge tragen würde, dass das nie mehr geschieht.“ Die Vorbereitung der Zeremonien war aber nur ein kleiner Teil dessen, was für das engagierte Ehepaar noch folgen sollte.

Das Erdbeben im April 1992 sollte die Martinuskirche buchstäblich in ihren Grundfesten erschüttern. „Danach durfte niemand mehr in die Kirche hinein, weil das Gewölbe als einsturzgefährdet bewertet wurde“, sagt Fred Küppers. Für das Bistum sei das Thema Martinuskirche dann später mit der Sanierung des Gewölbes offenbar erledigt gewesen, meint seine Frau. „Für uns fing es damit allerdings erst an.“

Im Jahr 2005 verlegte Fred Küppers, der mittlerweile 72 Jahre alt ist, in einem Großteil des Mittelschiffs auf eigene Kosten neue Steinplatten. Auch Verputzerarbeiten gehen auf sein Konto. Erst vor zwei Jahren folgten komplett neue Holzböden unter den Bänken. Schon im Jahr 2002 hatte er die Seitenaltäre, die einfach achtlos unter dem Baugerüst lagen, eingesammelt und vorübergehend in seinem Keller in Sicherheit gebracht, Ausbesserungsarbeiten inklusive. Durch die„Stromspende“ eines Kirchen-Nachbarn ist es über eine provisorische Leitung auch möglich, in der Kirche bei Veranstaltungen an einigen Stellen im Raum Licht werden zu lassen. Was die Küppers‘ über die Jahre aus eigener Tasche investiert haben? „Wir wollen gar nicht, dass das erwähnt wird“, sagen beide spontan.

Damit die Kirche mit der beeindruckenden Akustik nicht dem Vergessen anheim fällt, hat Mieke Küppers mittlerweile schon 25 Konzerte und sieben Ausstellungen hier organisiert. Am 4. Mai, 17 Uhr, werden die Tegelse Hofzangers zu Gast sein. Der Eintritt ist wie immer frei, nur um eine freiwillige Spende wird gebeten.

Ach ja, einen Wunsch hätten die beiden rührigen Steinkirchener denn doch noch: „Dass die Kirche zumindest so, wie sie jetzt aussieht, erhalten bleibt.“ Ein wenig Beistand könnte da sicher nicht schaden.

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