Wanderausstellung „We, the six Million“ im Alten Rathaus

Wanderausstellung im Alten Rathaus : Holocaust-Schicksale in den Fokus gerückt

„We, the six Million“ lautet der Titel einer Wanderausstellung, die seit Anfang der Woche im Alten Rathaus zu Gast ist. Dabei geht es um die Spurensuche und die individuellen Schicksale der jüdischen Mitbürger, die im Rheinland vor dem Holocaust fliehen mussten.

Exponate aus dem persönlichen Lebensumfeld personalisieren das systematische Verbrechen. Zeitzeugenbefragungen verstärken diese Wirkung. Ziel der Ausstellung ist es, einen empathischen Zugang zu eröffnen und die persönliche Auseinandersetzung zu ermöglichen. Die abstrakte Zahl von sechs Millionen erhält so einen anschaulichen Inhalt und rückt die Menschen und ihre Schicksale in den Fokus. Bei dieser Ausstellung handelt es sich um ein Projekt des Lehr- und Forschungsgebietes Religionspädagogik des Instituts für katholische Religionslehre der RWTH Aachen.

Als interaktive Ausstellung sollten Lehrende zusammen mit den Schülerinnen und Schülern Projekte entwickeln. Deshalb reisen René Porger und Alexander Hermert derzeit durch die Region und besuchen Schulen, die an dem Projekt teilnehmen. Die beiden Politikwissenschaftler sind seit dem Beginn bei dem Projekt dabei. Für die Forschung wurden im Landesarchiv viele Entschädigungsakten aus den 50er und 60er Jahren gewälzt.

In Erkelenz fanden sie mit dem Projekt offene Ohren, wie Jochen Oberle betont. Der Lehrer leitet den Wahlpflichtunterricht (WPU), in dessen Rahmen seit über 20 Jahren auch der jüdische Friedhof an der Neusser Straße gepflegt und die Gedenkveranstaltung im November organisiert wird. Gemeinsam mit Hubert Rütten vom Heimatverein begannen die Schüler über jüdische Mitbürger zu forschen, die vor den Nazis fliehen mussten.

Die Erinnerungskultur ist sehr unterschiedlich. „Erkelenz ist sehr engagiert bei der Erinnerung an die Vertreibung der Juden“, erklärte Porger nun im Alten Rathaus. Er und sein Mitstreiter Hermert hatten viele Schulen im westlichen Rheinland angeschrieben und oftmals nicht einmal eine Antwort erhalten. Gerade an der Gemeinschaftshauptschule ist es ein Thema, das die Schüler durch ihre Schullaufbahn begleitet, betonte der Pädagoge Oberle. Fest eingeplant ist zum Beispiel die Fahrt der achten Klasse zu einem Konzentrationslager. Hubert Rütten vom Heimatverein bietet Stadtführungen auf der Route gegen das Vergessen an, bei denen er an das jüdische Leben in Erkelenz erinnert.

Zwei Roll-Ups, die von Schülern der WPU Jüdischer Friedhof noch im vergangenen Schuljahr auf Grundlage des vom Heimatverein zur Verfügung gestellten Materials entworfen wurden, beschäftigen sich exemplarisch mit zwei jüdischen Mitbürgern aus Erkelenz, unter anderem Alfred Harff, dessen ehemaliges Wohnhaus an der Südpromenade gerade zu einem Kindergarten umgebaut wird. Die Schüler aus den neunten Klassen bereiteten sich im Rahmen des Geschichtsunterrichts auf das Thema vor, bauten die Ausstellung im Alten Rathaus auf und werden im Laufe der Woche Mitschüler aus anderen Klassen und Schulen durch die Ausführung leiten.

Das Ausstellungsprojekt und die Vorbereitung in den Schulen wird didaktisch von Hildegard Rühling begleitet. Sie betonte, dass das biografische Arbeiten mit konkreten Schicksalen die Schüler eher anspreche und nachhaltiger wirke. Nach der Gedenkveranstaltung am Dienstag, 5. November, führen die Schüler eine deutsche Übersetzung und Vertonung eines Gedichtes der englischen Autorin Leah Thorn auf. Thorn ist Nachfahrin der Familie Leyens, die bis zur Vertreibung in Schwanenberg gelebt hat. Die Künstlerin war schon in der Gemeinschaftshauptschule für eine Lesung und anschließende Diskussion zu Gast.

Die Ausstellung „We, the six Million“ ist am Samstag, 2. November, und Sonntag, 3. November, jeweils von 11 Uhr bis 15 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich. Bei besonderem Interesse kann man mit Jochen Oberle einen Besichtigungstermin vereinbaren: oj@ghs-erkelenz.de. Finissage der Ausstellung ist am Dienstag, 5. November, im Anschluss an die Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof (16 Uhr). Am Freitag, 9. November, wird die Ausstellung im Krönungssaal des Aachener Rathauses eröffnet. In diesem Rahmen werden die Erkelenzer Schüler für ihr Engagement ausgezeichnet.

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