Vorschule: Internationale Vorbereitungsklassen in Heinsberg

Internationale Vorbereitungsklassen : Vorschule? Das löst Kopfschütteln aus

Erst vor wenigen Wochen hatte der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Dr. Carsten Linnemann, mit der öffentlich gemachten Aussage „Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“ für heiße Diskussionen bis hin zur unverhohlenen Empörung gesorgt.

Eine einzurichtende Vorschule, so Linnemanns Überlegungen, müsse in solchen Fällen der Grundschule vorgeschaltet werden. An der Sonnenscheinschule in Heinsberg, der größten Grundschule der Stadt, stößt die Idee des Parlamentariers auf schieres Unverständnis. Passend zum Schulbeginn sprachen wir über die Problematik mit Schulleiter Thomas Heinrichs und seiner Kollegin Kathi Eßer.

„Ich glaube, das Thema, wie bringe ich Kindern Deutsch bei, gehört einfach in die Schule“, lässt Kathi Eßer erst gar keine Zweifel an ihrer Einstellung aufkommen. „Es sollte von allen Bildungseinrichtungen der Auftrag sein.“ Auch Thomas Heinrichs teilt diese Ansicht. „In separierten Gruppen würde das Lernen von anderen Kindern, die Deutsch sprechen, komplett wegfallen.“ Zudem sieht er noch eine andere Hürde in diesem Zusammenhang. „Du findest gar keine Lehrer mehr auf dem Markt, die du dafür gewinnen könntest.“ Selbst die Grundschulen, das ist längst kein Geheimnis mehr, haben ja schon beinahe überall im Land seit geraumer Zeit Schwierigkeiten, geeigneten Lehrernachwuchs zu rekrutieren.

Als eine der ersten Schulen im Kreis Heinsberg ging die Sonnenscheinschule denn auch einen anderen Weg. „Als die Flüchtlingswelle einsetzte, haben wir uns entschlossen, die Einrichtung einer Internationalen Vorbereitungsklasse zu beantragen“, sagt Thomas Heinrichs. Gemeinsam mit dem Schulträger, der Stadt Heinsberg, und der beim Kreis angesiedelten Schulaufsicht, sei man sich darin schnell einig geworden. „Wir sind im August 2015 gestartet mit nur drei Kindern im Alter von sechs, acht und zehn Jahren, die aus dem Irak kamen. Bis zu den Herbstferien waren es schon über 20 Kinder“, erinnert sich Kathi Eßer, die sich sofort bereit erklärt hatte, die Leitung der Klasse zu übernehmen.

Leicht sei die Aufgabe trotz einer entsprechenden Fortbildung an der Uni in Essen nicht gewesen. „Es kommen ja zum Teil Kinder, die nicht nur noch nie eine Schule von Innen gesehen haben, sondern auch noch nie einen Stift oder ein Spielzeug in der Hand hatten.“ Viele Kinder hörten zum Beispiel ein R oder ein H gar nicht, weil arabische Worte anders gebildet würden, sagt Kathi Eßer. „Für ganz viele Kinder sind auch die drei Artikel der, die das äußerst schwierig.“ Die Pädagogin selbst spricht neben ihrer deutschen Muttersprache noch Englisch und ein wenig Spanisch, ist also im Arabischen auch nicht gerade zuhause. Gelernt werde letztlich über Sehen, Hören und Fühlen, erklärt sie. „Wir gehen auch mit den Kindern einkaufen und besorgen die Dinge zum gemeinsamen Frühstück.“ Thomas Heinrichs beschreibt das so: „Wir bringen den Kindern ein Stück Lebensfähigkeit in einer fremden Umgebung bei.“

„In kürzester Zeit“, meint Kathi Eßer, „können die Kinder artikulieren, was sie möchten und wie es ihnen geht. In etwa 70 Prozent der Fälle ist es gigantisch gut, wie schnell sie lernen.“ Nach zwei Wochen, erläutert Thomas Heinrichs, würden die Kinder schon in bestimmten Fächern am Regelunterricht teilnehmen.

„Sie lernen ja nicht nur Deutsch in der Vorbereitungsklasse, sondern auch auf dem Schulhof und beim Sport.“ Am Besten funktioniere das Lernen, weiß Kathi Eßer mittlerweile aus Erfahrung, wenn besonders viele Kinder aus unterschiedlichen Ländern in der Vorbereitungsklasse seien, denn dann sei eine gemeinsame Verständigung nur auf Deutsch möglich.

Derzeit nutzten 47 Kinder das Angebot der beiden Internationalen Vorbereitungsklassen an der Sonnenscheinschule. „Jedes Kind hat einen Anspruch auf eine Förderung vom Land über zwei Jahre, die noch um ein Jahr verlängert werden kann“, sagt Heinrichs. „Wir haben dabei mit der Schulaufsicht und den weiterführenden Schulen die Übereinkunft, dass die Kinder nicht mehr als ein Jahr überaltert sein sollen, wenn sie zum Beispiel auf die Gesamtschule, die Realschule oder das Gymnasium wechseln.“

Besonders erfreulich in diesem Zusammenhang: „Von den etwa 60 Kindern, die auf diese Weise bislang die Sonnenscheinschule zu den weiterführenden Schulen verlassen haben, hatten 20 bis 25 Prozent am Ende eine Gymnasialempfehlung.“ Kein Wunder, dass Thomas Heinrichs zu dem Schluss gelangt: „Die Einrichtung der Internationalen Vorbereitungsklassen ist eines der besten Dinge, die es schulpolitisch in den letzten Jahren gegeben hat.“ Einer Vorschule, wie von MdB Carsten Linnemann angeregt, bedarf es da offenbar nicht.