Erkelenz: Vorbereitung auf die Pflege von vertrauten Mitmenschen

Erkelenz: Vorbereitung auf die Pflege von vertrauten Mitmenschen

Das Hermann-Josef-Krankenhaus nimmt an einem Modellprojekt der AOK und der Universität Bielefeld teil, das sich an Angehörige Pflegebedürftiger Patienten richtet, die nach einem Krankenhausaufenthalt auf einmal mit der Situation der häuslichen Pflege konfrontiert sind. Deshalb beginnt die Betreuung schon, wenn die Angehörigen noch im Krankenhaus sind.

„Die Verweildauer in den Krankenhäusern wird immer kürzer“, erklärte der Regionaldirektor der AOK, Herbert Löscher, bei der Vorstellung des Projektes im Hermann-Josef. „Viele der Patienten bedürfen danach noch der weiteren Pflege.“ Und dann stürzten sich die Angehörigen oftmals unvermittelt in das Abenteuer Pflege und scheiterten daran. Es ist möglich, so Löscher, die Pflege des Angehörigen zu Hause zu organisieren und so zu gestalten, dass der Pflegende dabei nicht auf der Strecke bleibt: Dabei hilft das Angebot „Familiale Pflege“, mit dem das Hermann-Josef auch neue Wege beschreitet.

Stehen geschlossen hinter dem Projekt: (v.l.) Herbert Löscher, Dorothee Lebeda, Heike Haselmann, Silke Zander Nina Deklerk, Wolfgang Salz und Andreas Vossen. Foto: hewi

Dorothee Lebeda von der Uni Bielefeld beschäftigt sich schon länger mit dem Thema der häuslichen Pflege. Gemeinsam mit der AOK Rheinland/Hamburg hat die Universität das Modellprojekt „Familiale Pflege“ ins Leben gerufen und im Erkelenzer Hermann-Josef einen engagierten Partner mit Praxiserfahrung gefunden. Seit drei Jahren werden Pflegekurse für Angehörige angeboten. In den nächsten Tagen beginnt der 16. Kurs. Neu an dem Modell ist, dass es die Angehörigen schon in der Krankenhaussituation abholt und den Übergang in die familiäre Pflege begleitet.

Lebeda rät zur frühen Netzwerkbildung, damit die Pflege des Angehörigen nicht auf den Schultern eines Einzelnen ruht. „Pflege ist eine Familienaufgabe“, betonte sie bei der Vorstellung des Projektes. Und Familie definiert sich heute nicht mehr allein durch „Vater, Mutter, Kind“. Gerade in der heutigen Zeit hätten sich neue familiäre Strukturen gebildet, die auch genutzt werden sollten, damit der Pflegende an seiner Aufgabe nicht scheitert.

Eine, für die diese guten Ratschläge eigentlich zu spät kommen, ist Heike Haselmann. Sie pflegt ihre kranke Schwiegermutter seit sechs Jahren. „Ich bin in die Rolle hineingewachsen und konnte mir einiges selbst beibringen“, erklärt sie. „Doch anfangs stand ich ziemlich hilflos da und konnte nicht einmal das ärztliche Begleitschreiben verstehen.“ An Urlaub oder ein paar ruhige Stunden für sich war nicht zu denken. Zum Glück lernte sie im Erkelenzer Krankenhaus Silke Zander kennen.

Die Gesundheits- und Krankenpflegerin leitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Nina Deklerk die Pflegekurse, die sich gezielt an die Angehörigen richten, auf die eine Pflegesituation zukommt. „Frau Zander hatte Zeit und hörte erst einmal zu“, erinnert sich Haselmann. Nun bekommt sie nachträglich das Rüstzeug und die Rückenstärkung, die sie für ihren familiären Pflegejob braucht. So wie sie haben seit September schon 40 Angehörige pflegebedürftiger Patienten die Basis des Pflegens erlernt.

Und es können nicht genug sein, denn bei den meisten Patienten besteht der Wunsch nach häuslicher Pflege in der gewohnten Umgebung, wie Verwaltunsgdirektor Wolfgang Salz betont. Und damit stürzen sie ihre Kinder oder Ehepartner oftmals in ein Dilemma: Denn die meisten trauen sich einen korrekten Umgang mit dem Pflegebedürftigen nicht zu. „Dabei habe ich noch nie einen Nicht-Pfleger getroffen“, erklärt Deklerk und meint damit Menschen, die nach einer Analyse der familiären Situation vor Ort nicht zur Pflege geeignet wären. „Pflegen kann jeder“, lautet ihr Credo. „Er muss es nur wollen und gezeigt bekommen, wie es geht.“

Mit dem neuen Angebot im Hermann-Josef-Krankenhaus ist es nun möglich, rechtzeitig die Weichen zu stellen und sich vorzubereiten.

Mehr von Aachener Zeitung