Erkelenz: Vor 50 Jahren in Erkelenz: Als bürgerliche Behaglichkeit den 68ern trotzte

Erkelenz : Vor 50 Jahren in Erkelenz: Als bürgerliche Behaglichkeit den 68ern trotzte

Es waren wilde Zeiten vor 50 Jahren. Die „68er“ standen für Freiheitsdrang, Protest gegen das Establishment und mit Nachdruck eingeforderte Reformen durch die Jugend. Unser ehemaliger Redakteur Norbert Schuldei erinnert sich daran, wie er die Zeit in der Region erlebte.

Dass etwas in der Luft lag, das war sonnenklar, das musste jeder spüren, und keiner konnte es überhören: Schließlich haben die Beatles „Revolution“ auf Platte gepresst, und die Stones „Street fighting men“ skandiert — beide sangen es, haben es aber nicht so gemeint. So ungefähr haben wir das empfunden, damals, als die Welt noch jung war, als wir auf dem Erkelenzer Jungengymnasium das Zeugnis der Reife schon im Blickfeld hatten.

Es war der Beginn der Flower-Power-Zeit: Der Markt mit dem Alten Rathaus (oben rechts) war 1968 noch nicht Fußgängerzone. Aber sonst hat sich nicht viel verändert: Es ist auch heute noch der Mittelpunkt von Erkelenz. Die Bauern aus den umliegenden Ortschaften brachten auch 1968 noch ihre Milch mit dem Pferdefuhrwerk in die Molkerei nach Erkelenz. Dabei musste sie auch die Kölner Straße, die Hauptverkehrsstraße durch die Stadt, überqueren. Foto: Peter Linden (2), imago/stock (1)

Ja, das Lebensgefühl änderte sich — irgendwie: Dem sturen Gehorsam ging seine Wirkkraft abhanden, das Denken wurde irgendwie freier, die Welt deutlich sichtbar bunter, die Kreativität kannte kaum noch Grenzen — diese Hinterlassenschaft eines damals wilden Zaubers wirkt bis heute nach. Autoritätskritik? Ja. Lust zum Aufruhr? Nein.

Norbert Schuldei schildert persönliche Erlebnisse und Empfindungen aus einer Zeit des Umbruchs.

Erkelenz, die Schulstadt

Erkelenz war 1968 nicht nur Kreisstadt, Erkelenz war schon damals die Schulstadt. Es gab zwei Gymnasien — streng nach Geschlechtern getrennt das gerade neu gebaute Jungengymnasium und das Mädchengymnasium; die katholische Kirche saß auch bei der Bildung mit im schwarz dominierten Rat. Wer in Wegberg oder Hückelhoven wohnte und das Abitur machen sollte, kam mit dem Bus nach Erkelenz. Der auch architektonisch Zeichen setzende Neubau des Parade-Gymnasiums in Hückelhoven wurde erst 1969 in Betrieb genommen. Leitgedanke der Schulpolitik in der Zechen-Stadt war bis Mitte der 1960er Jahre „Wat brauchen wir Bildung — wir haben doch Kohle“. Auch die Richtung der Bildungspolitik bestimmten dort die Kohlebarone; deren Schwarz war politisch rot gefärbt.

Die Koedukation nahmen wir in Erkelenz selbst in die Hand: Jeden Samstag nach Schulschluss um 11.30 Uhr trafen sich die jungen Damen und Herren, die sich nicht nur für die gymnasiale „Oberstufe“ hielten, im Lokal von Änne Leclaire zum ausgesprochen zwanglosen, durchaus auch hormonell gesteuerten Austausch. Zehn Jahre später wurden die beiden Gymnasien auch ganz offiziell vermischt. In Hückelhoven war es mit der Macht der Kohlefraktion erst vorbei, als auch Sophia-Jacoba dicht gemacht worden war.

Aus dem Erkelenzer Land also sammelten sich vor 50 Jahren die Schüler in der Kreisstadt, die man heute formal den „Achtundsechzigern“ zurechnen kann.

Nein, von Umbruch war in diesem Jahr 1968 in unserem Städtchen zwischen den Großstädten Düsseldorf, Köln und Aachen kaum ein Hauch zu spüren. Natürlich waren wir informiert; in Erkelenz gab es vier Tageszeitungen mit einem Lokalteil: Die Erkelenzer Volkszeitung, die Erkelenzer Nachrichten, die Westdeutsche Zeitung und die Rheinische Post — das gab‘s in keiner Großstadt in der Bundesrepublik.

Wir wussten also schon, warum es eine Opposition außerhalb des Bonner Bundestages, also die APO, gab; wir hatten eine leise Ahnung von den geplanten Notstandsgesetzen; wir wussten natürlich von Benno Ohnesorge und wer Rudi Dutschke war; wir hatten von den Protesten gegen den Krieg in Vietnam gehört, vom Niederwalzen des Prager Frühlings durch die Panzer der „sozialistischen Bruderstaaten“ — aber während im Fernsehen fast täglich pünktlich um 20 Uhr die schwarz-weißen Bilder von den Randalen und den Bambulen in der Republik und den weltweiten Konfliktherden über die Tagesschau ins kleinbürgerliche Erkelenzer Wohnzimmer flimmerten, quälten wir uns im Unterricht lehrplanmäßig mit der Frage „Ist Brechts Galileo Galilei ein Idealist?“ herum.

Viel zu bequem . . .

Umbruch? Nein, dazu war das Festhalten an der (klein-)bürgerlichen Behaglichkeit mit den abwaschbaren Plastikdeckchen auf dem Küchentisch viel zu bequem und viel zu ausgeprägt. The times, they are a-changing? Nur bedingt: Die Epizentren des politischen Umbruchs lagen von uns im Westzipfel der Republik zu weit entfernt, als dass sie zeitnah für nachhaltige Erschütterungen hätten sorgen können.

Aufbruch? Ja, doch, Aufbruch schon: There was something in the air — rein musikalisch. Flower Power kam über die Piratensender Radio Caroline und Radio Veronica oder auch von Radio Luxemburg aus per Mittelwelle auch nach Erkelenz.

Der Aufbruch, der uns erreichte und umtrieb und der uns tief bewegte, dieser Aufbruch war in Noten verpackt: Weg vom seichten, verschwurbelten Schubidu der Eltern, hin zu den rauhen, den ehrlichen Tönen: Wir standen auf den schwarzen Blues, die Animals, John Mayall‘s Bluesbreakers, Cuby & the Blizzards, solche Sachen, Bob Dylan sowieso, und wir diskutierten leidenschaftlich darüber, wer mit wem eine neue „Superband“ gründen würde. Cream, Traffic, Humble Pie. Die Platten, die LPs von denen besorgten wir uns in Roermond, dem holländischen Städtchen kurz hinter dem real existierenden Grenzübergang bei Rothenbach.

Der kulturelle Bruch, der sich damals vollzog, war nahtlos: Wir stiegen mit ein, wenn sich die Eltern im neuen Audi 70 über die Grenze machten, um Kaffee oder Kekse oder Käse oder Butter zu kaufen, das war dort viel billiger als hier in Erkelenz.

Ohne Wissen der Eltern trampten wir, fuhren also per Anhalter, sonntags in schockfarbenen T-Shirts gekleidet von Erkelenz nach Hückelhoven, wo die Newcomers, die Band der Jungs aus der Oberstufe, bei Darius im Saal das coverten, also nachspielten, was wir hören wollten: Hey Mama, keep your big mouth shut! Van Morrison war musikmäßig unser Mann: „And I will never grow so old again, and I will walk and talk in gardens all wet with rain — sweet thing...“ Das waren neue Töne, die freilich nur für innere, allerdings sehr nachhaltige Umbrüche taugten.

Die Konflikte, die sich für uns damals auftaten, waren ziemlich genau zu bemessen: Es ging um Zentimeter. Der Kampf um die Länge der Haare wurde von den Eltern erzwungen, aber er wurde von uns konsequent und subversiv und sehr antiautoritär unterwandert. Ungehorsam wurde so auch für uns zu einer Tugend.

An Weihnachten flog Apollo 8 um den Mond und schickte das Bild der aufgehenden Erde auch in die Erkelenzer Wohnzimmer. Es hat die Sicht auf unseren Planeten nachhaltig verändert. Damals, 1968, als die Welt für uns noch jung war...