Von Heinsberg nach Saeffelen: Mit dem Bus aufs Dorf

Autofreier Tag im Kreis Heinsberg : Mit dem Bus aufs Dorf

Lost in Heinsberg? Unser Reporter macht Mobilitätstest ohne Auto

Wie alltagstauglich ist der ÖPNV im Kreis Heinsberg? Wir haben es ausprobiert. Die Stichprobe: Einmal mit dem Bus von Heinsberg in den Selfkant und wieder zurück. Das Fazit des Praxistests fällt gemischt aus.

Mit guter Planung, gutem Anschluss und direkter Verbindung kommt man auch auf dem Dorf ganz gut mit dem Bus ans Ziel. Stimmt einer dieser Faktoren nicht, wird es kompliziert. Wir haben ausprobiert, wie praktikabel das Verkehrsmittel Bus im Alltag eines Lokalredakteurs ist. Die Stichprobe: einmal Saeffelen und zurück.

Als Lokalredakteur ist man viel unterwegs. Normalerweise mit dem Auto. Weil Landrat Stephan Pusch für den Freitag aber zu einem autofreien Tag mit kostenlosem Busverkehr aufgerufen hat, habe ich mir die Frage gestellt: Mit dem Bus durch den Kreis Heinsberg – wie alltagstauglich ist das? Am Mittwoch dieser Woche steht ein Termin in Saeffelen im Kalender. Ich nehme ihn wahr, Anreise per Bus inklusive.

Los geht es am Busbahnhof in Heinsberg. Linie 436, 26 Minuten Fahrzeit, 3,70 Euro kostet das Ticket. Hört sich gut an.

Mit dem Auto fährt man normalerweise schnurstracks über die L228. Nach 10,6 Kilometern und 13 Minuten Fahrzeit wäre man mit dem Auto am Ziel. Aber der Bus fährt nicht auf direktem Weg. Selsten, Hontem, Bocket, Breberen – dann geht es nach Saeffelen. Die Dörfer sind so, wie man sie sich vorstellt. Ordentlich, gepflegt, mit Geranien und Petunien an den Fenstern. In Hontem streicht ein Maler das Holztor eines Hofes, in Bocket packt ein Bote Pakete aus dem postgelben Streetscooter. Ansonsten ist es dort vormittags ziemlich ruhig und beschaulich. Zwischendurch dominiert die Landwirtschaft. Mais, Zuckerrüben und ein paar Felder mit Kartoffeln. Ob das mal eine gute Ernte wird? Der Mais sieht jedenfalls an einigen Stellen ziemlich mitgenommen aus.

Praxistest: Mit dem Bus nach Saeffelen und zurück. Das Fazit fällt gemischt aus. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Und der Bus? Der fährt zwar durch diese kleinen Orte, aber zusteigen will niemand. Hätte ich diesen Test nicht gemacht, wäre der Bus an diesem Tag komplett ohne Fahrgast geblieben. Den Busfahrer überrascht das übrigens nicht.

Pünktlich erreichen wir die Haltestelle an der Kirche in Saeffelen. Das passt. Bis hier hin zeigt der Daumen klar nach oben.

Bevor es nach meinem Termin zurück geht, heißt es aber erst einmal warten. Der nächste Bus kommt in einer Dreiviertelstunde. In dieser Zeit hätte man die Strecke mit dem Auto dreimal geschafft. Aber macht ja nichts. Heute habe ich Zeit. Oder besser gesagt: Ich habe mir diese Zeit fürs Busfahren genommen.

Und dann ist da noch ein weiteres Problem: Der Bus hat eine andere Nummer als auf der Hinfahrt: 434. Und das heißt, er fährt nicht direkt zurück nach Heinsberg. Eigentlich fährt er gar nicht nach Heinsberg, sondern nach Geilenkirchen. Dort kann ich dann in Bauchem umsteigen und nach Heinsberg fahren. Hört sich umständlich an. Und das ist es auch.

Ein wenig entschädigt dafür der Blick aus dem Fenster. Es geht durch Breberen, Brüxgen, Schümm, Langbroich, Schierwaldenrath, Birgden, Gillrath, Hatterath und Niederheid nach Bauchem. Dieser Weg ist zuweilen idyllisch. Da möchte man an der ein oder anderen Stelle aussteigen, um mal genauer hinzuschauen. Aber das geht nicht. Wer weiß, wann der nächste Bus kommt.

Diesmal sitze ich nicht alleine im Bus. Michelle Prömper, 20 Jahre, aus Höngen, fährt auch mit. „Ich bin ja schon froh, dass überhaupt ein Bus aus Höngen fährt“, sagt sie, als ich sie frage, wie es mit öffentlichen Verkehrsmitteln so läuft. Sie fährt offensichtlich zur Arbeit, sie trägt weiße Kleidung, die auf einen Job im Gesundheitswesen schließen lässt. Sie arbeite in Mönchengladbach. Als Medizinische Fachangestellte. Und ihr Arbeitgeber zahle das Ticket. Also fährt Michelle Prömper jeden Tag von Höngen mit dem Bus nach Geilenkirchen und von dort mit der Bahn nach Mönchengladbach. Ist das nicht eine Tortur? Keinesfalls, findet Michelle Prömper: „Ich habe einen guten Anschluss. Die Bahn fährt sieben Minuten, nachdem ich in Geilenkirchen ankomme. Das passt.“ Zu kritisieren habe sie gar nichts. Also gute Fahrt.

Wegen der komplizierten Rückfahrt werde ich gut zweieinhalb Stunden im Bus und im Wartehäuschen verbracht haben, wenn ich Heinsberg erreiche. Mit dem Auto hätten Hin- und Rückfahrt zusammen eine halbe Stunde gedauert. Das steht in keinem Verhältnis. Also Hinfahrt: Top. Rückfahrt: Flop.

Allein im Bus Richtung Saeffelen: Lokalredakteur Daniel Gerhards testet, wie alltagstauglich das Verkehrsmittel Bus im Kreis Heinsberg ist. Foto: ZVA/Marie Eckert

Wenn man ein wenig recherchiert, wann welche Busse wie oft wohin fahren, dann zeigt sich: Die Verbindungen zwischen den größeren Städten funktionieren wesentlich besser als mancher Abstecher aufs Dorf. Aber für uns gehört das Dorf beim Alltagstest ganz klar dazu.

Auf der letzten Etappe aus Bauchem zurück in Richtung Heinsberg wird es dann zum ersten Mal an diesem Tag so richtig lebhaft. Der Bus ist voller Schüler, die nach Hause wollen. Es geht über Niederheid, Tripsrath, Straeten, Waldenrath, Scheifendahl und Aphoven nach Heinsberg.

Was hängen bleibt: Busfahren entschleunigt, man sieht viel und kommt mal wieder in Dörfer, in denen man lange nicht gewesen ist. Und die Schüler haben sich wirklich sehr gut benommen. Das ist positiv. Negatives verbindet man mit der Fahrt, wenn man unter Zeit- oder Termindruck steht. Dann geht es einfach viel zu langsam voran. Und wer davon noch nicht ins Schwitzen gerät: Auf der Strecke Richtung Heinsberg lief die Heizung im vollbesetzten Fahrzeug trotz 16 Grad Außentemperatur und Sonnenschein am Anschlag.

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