Baugruppe Schlun: Vom Aufbau nach dem Krieg zum GPS im Bagger

Baugruppe Schlun : Vom Aufbau nach dem Krieg zum GPS im Bagger

Björn Schlun spricht über die Entwicklungen seines Gangelter Unternehmens und über Digitalisierung am Bau. Die Baugruppe Schlun kann Erfolge vorweisen, spürt aber auch Corona-Folgen.

Wohnungen, Firmenzentrale und Hotel – die Baugruppe Schlun hat viele Vorzeigeprojekte. Björn Schlun, der Geschäftsführer des Gangelter Familienunternehmens, zählt eine ganze Reihe davon auf: Das Hauptverwaltungsgebäude des Aachener Kosmetikherstellers Babor zum Beispiel. Oder den Umbau einer denkmalgeschützten Kirche in Essen zu Wohnraum. Oder 61 Mikro-Appartements in der Aachener Innenstadt, 62 Wohnungen in Aachen-Brand und 93 Wohnungen in Hamburg.

Schlun ist sicher einer der renommiertesten Akteure in der Baubranche in unserer Region, aber das Unternehmen ist auch weit über die Grenzen des Kreises Heinsberg hinaus aktiv und offensichtlich erfolgreich.

Schlun befindet sich heute – wie so viele Unternehmen – im digitalen Wandel. Auch wenn der Laie beim Thema Bau immer noch eher an Steine und Mörtel als an digitale Planung mit 3D-Modellen und GPS-Technik im Bagger denkt, hat der Wandel zum Digitalen längst auch die Baubranche erfasst. „Die Firmen, die sich jetzt nicht digital aufstellen, werden irgendwann Probleme bekommen“, sagt Björn Schlun, 44 Jahre.

Die Geschichte des Unternehmens beginnt 1945, nur fünf Wochen nach Kriegsende. Lambert Schlun meldete am 10. Juni sein Gewerbe an. Zunächst war das Unternehmen mit Aufräum- und Aufbauarbeiten beschäftigt, dabei entwickelte sich ein Schwerpunkt im Kirchengewölbebau heraus. „Wir waren eine der wenigen Firmen in NRW, die das konnten. Denn wir hatten einige Facharbeiter, die noch Gewölbe mauern konnten“, sagt Björn Schlun über die frühen Jahre des Unternehmens.

 Björn Schlun sieht Stärken am Standort Gangelt: „Wir fühlen uns hier gut aufgehoben.“
Björn Schlun sieht Stärken am Standort Gangelt: „Wir fühlen uns hier gut aufgehoben.“ Foto: MHA/Daniel Gerhards

Bis 1962 wuchs die Zahl der Mitarbeiter auf 170 an. 1962 war das Jahr eines harten Einschnitts für das Unternehmen. Nach einem Unfall auf einer Baustelle starb Firmenchef Lambert Schlun. Sein Sohn Hubert Schlun war da gerade 23 Jahre alt und mitten in seinem Studium an der Technischen Hochschule in Aachen. Hubert Schlun setzte jedoch gleich am Tag nach dem Tod seines Vaters ein Zeichen für den Fortbestand des Unternehmens. „Ich stand morgens um 6 Uhr am Tor und habe aufgeschlossen. Durch diesen Akt wollte ich zeigen, dass es weitergeht“, sagt Hubert Schlun, der damals schon eine Maurerlehre und die Ingenieurschule in Aachen absolviert hatte.

Hubert Schlun baute das Unternehmen in den folgenden Jahrzehnten aus. Zweimal, in den 70er und 90er Jahren, hatte es rund 350 Mitarbeiter. Und in den 90er Jahren gründete er Tochterunternehmen für den Spezialtiefbau und den Bereich Umwelt, etwa für den Betrieb von Kiesgruben. Das ist sozusagen das Fundament für die heutige Baugruppe Schlun mit ihren 255 Mitarbeitern. Das Unternehmen zeichne sich seit je her dadurch aus, breit aufgestellt zu sein, sagt Björn Schlun. Als er 2003 ins Unternehmen kam, waren der Kanal- und Straßenbau sowie Rohbauten Kern des Geschäfts. Björn Schlun trieb zudem die Felder Erdbau, zum Beispiel für große Baugruben, den Schlüsselfertigbau und die Projektentwicklung voran. Mit diesem breiten Spektrum erzielte Schlun im vergangenen Jahr insgesamt einen Umsatz von 110 Millionen Euro.

 Großprojekt: der Umbau der denkmalgeschützten Marienkirche in Essen zu Wohnraum .
Großprojekt: der Umbau der denkmalgeschützten Marienkirche in Essen zu Wohnraum . Foto: Schlun

Für die Zukunft der Baubranche sieht Schlun drei Punkte, die zentral sein werden: Die noch weitergehende Digitalisierung von Arbeitsabläufen von der Planung bis zur Abrechnung auf der Baustelle. Zweitens: Einen Trend hin zum modularen Bauen, bei dem etwa ganze Wandelemente, zum Beispiel mit Fenstern und Heizung, auf die Baustelle geliefert und dort installiert werden. Und die Vernetzung der Baumaschinen auf der Baustelle. Schlun kann sich vorstellen, dass Bagger bei großräumigen Erdarbeiten schon in fünf Jahren autonom und völlig ohne Baggerführer arbeiten.

Beim Thema Personal setzt Schlun weiter stark auf Ausbildung. Das gilt einerseits für die klassischen Bauberufe, das Unternehmen versucht aber auch, über duale Studiengänge oder Abschlussarbeiten an Hochschulen an geeigneten Nachwuchs zu kommen. Mit neuen Niederlassungen in Mönchengladbach und Essen ging Schlun auch auf Mitarbeiter und Märkte zu. „Das war wichtig, um im Bereich Schlüsselfertigbau zu wachsen“, sagt Björn Schlun.

Es gab aber auch eine Zeit, da wurde das Personal zum Problem: Anfang der 90er Jahre drängten osteuropäische Subunternehmen auf den deutschen Markt. Mit deutlich niedrigeren Lohnkosten als bei der heimischen Konkurrenz. Hubert Schlun hielt lange an seinen Mitarbeitern fest. „Irgendwann ging das nicht mehr“, sagt Björn Schlun. „Lieber mit 200 Mitarbeitern überleben, als mit 350 pleitegehen“, sagt er. Also musste Schlun sich von vielen Mitarbeitern trennen.

Mit seinem Stammsitz ist Schlun Gangelt immer treu geblieben. Und das soll auch so bleiben. „Wir fühlen uns hier gut aufgehoben“, sagt Björn Schlun. Neben dem Zwischenmenschlichen spielen dabei auch harte Faktoren eine Rolle. Über den niederländischen Buitenring erreiche man Aachen in 25 Minuten, über die A46 braucht man nur ein paar Minuten mehr nach Mönchengladbach und Düsseldorf. Zudem habe das Unternehmen bei der Erschließung neuer Baugebiete im Kreis auch immer wieder Aufträge im Tiefbau bekommen können.

 Das Concierge Hotel in Essen-Rüttenscheid gehört zu den Projekten des Unternehmens.
Das Concierge Hotel in Essen-Rüttenscheid gehört zu den Projekten des Unternehmens. Foto: Schlun

Vielleicht ist es die Verbundenheit zur Heimat, die dafür sorgt, dass das Thema Nachhaltigkeit für Björn Schlun wichtig ist. Einerseits investiere man bereits seit 15 Jahren in Windparks. Andererseits will das Unternehmen in Breberen einen Wald anpflanzen – eine Maßnahme, die weit über die Rekultivierungsverpflichtungen aus dem Kiesabbau hinaus gehe. Angrenzend an einen bestehenden Wald hat Schlun bereits 4000 Bäume gepflanzt. Weitere Bäume und auch Blühwiesen sollen folgen. Mithilfe einiger Hobbyimker aus der Belegschaft will Schlun in Breberen dann auch eigenen Honig produzieren.

Auch wenn die Baubranche bislang verhältnismäßig glimpflich durch die Coronavirus-Krise gekommen ist, hat Schlun die Auswirkungen doch zu spüren bekommen. In Essen, gleich gegenüber der Messe, hat Schlun im vergangenen Jahr ein Hotel fertiggestellt und es an die Essener Hotelier-Familie Mintrop verpachtet. Das ist eigentlich eines der eingangs erwähnten Vorzeigeprojekte. „Einen Tag nach der Eröffnung des Hotels wurde aber der erste Corona-Fall in Essen bekannt“, sagt Björn Schlun. Jetzt hat Schlun zwar das Hotel und im Grunde auch einen Pächter, die Pacht ist aber erst einmal ausgesetzt.