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„Volksbegehren“ auf Burg Wassenberg mit Kabarettist Jürgen Becker

„Volksbegehren“ mit Jürgen Becker : Ein Bildungsabend mit Humor und Erkenntnis

Muss man den Mann noch vorstellen? Er, der Kabarettist, interessiert sich für die Menschen, nicht fürs Kabarett, sagt er von sich selber. Was müsste dann auf seiner Visitenkarte stehen? Vielleicht nur sein Name und seine Stadt: Jürgen Becker – Köln. Alles andere wäre schon bekannt. Zumindest im Rheinland. Nun war er auch in Wassenberg und präsentierte im Burgsaal sein Programm „Volksbegehren“.

Der Programmtitel verweist schon auf den doppelsinnigen Humor des Jürgen Becker. „Volksbegehren“ – ein Begriff, der zunächst in die falsche Richtung leiten könnte. Damit ist nichts in Richtung einer Abstimmungsmethode direkter Demokratie gemeint. Sein Thema ist das sexuelle Verhalten der Menschen, die kulturhistorische Entwicklung der Fortpflanzung und ihre soziologische Analyse.

Unnachahmlich sind dabei Beckers vermittelte Synergien. Bei ihm erlebt das Publikum Unterhaltung als Mehrwert: der Auftritt wird fürs Publikum zum Bildungsabend. Becker ist bekannt dafür, das Unerwartete und Zugespitzte als Ergebnis seiner kraftvollen Humorspitzen zu präsentieren. „Am Anfang war die Erde ein öder Ort; kein Platz, wo man existieren konnte. Wer mal in der Eifel war, kennt den Zustand.“ Dass nicht nur eine Region ihr Fett wegbekommt, sondern auch Parteien und ihr nahestehende gesellschaftliche Gruppierungen, bei denen die Toleranz zu kurz kommt, daran lässt Becker keinen Zweifel.

Zu seinem kurzweiligen Programm gehört der Wortwitz, den er genüsslich und gekonnt einsetzt: „Die Blattlaus ist in der Lage, ohne einen Lausbuben sich fortzupflanzen. In kürzester Zeit hat sie unzählige Nachkommen. Unehelich. Das schafft sonst nur Franz Beckenbauer.“ Und schnell ist klar, hier kann er sein Wissen vermitteln und diese Form der Fortpflanzung begrifflich genau definieren: „Das ist die Parthenogenese – die Jungfrauengeburt“. Und in Beckers Kosmos führt dies unweigerlich zum theologischen Seitenblick, denn die Parthenogenese sei eine der Grundlagen des christlichen Abendlandes. Auch Jesus sei der jungfräulichen Geburt entsprungen. Josef habe seine Maria zu sich genommen, sie aber nicht erkannt. „Das hat nichts mit fehlenden Kontaktlinsen zu tun, sondern im Hebräischen sind die Wörter Sex und Erkennen das gleiche“, lässt Becker sein Publikum wissen. Wenn in der Bibel von „Erkennen“ die Sprache sei, dann sei immer auch von Sex die Rede. So sei auch heute noch Vorsicht geboten, wenn jemand sage „Darf ich mich erkenntlich zeigen?“.

Immer wieder sind zu seinen humorigen Erzählungen auch visuelle Verstärker eingebaut, von Rubens bis Picasso verdeutlichen ausgewählte Bilder seine Thesen. Bilder des stierköpfigen Mannes beim Sex zeigen, laut Becker, das tierhafte Element beim menschlichen Sex. Sein Parforceritt durch die Evolution berührt die Genetik ebenso wie die aktuellen Probleme mit den multiresistenten Krankenhauskeimen. Und seine Reise durch die kulturell verschiedenen Sexpraktiken führt von der griechischen Mythologie über das Kamasutra Indiens bis zu den Naturvölkern. Die Hinwendung zum Sex beim Menschen sei unvermeidbar, wie experimentelle Untersuchungen ausweisen würden. Auch Freuds Psychologie darf nicht fehlen, um das Thema Sex zu besprechen. Aber auch das Unappetitliche anzusprechen – dass mehr als ein Drittel der Internetnutzung mit Pornografie zu tun habe – schafft Becker in verträglicher und humoriger Form vorzubringen, ohne den menschenunwürdigen Anteil dabei zu verharmlosen.

Es ist wohl seine persönliche Note, die einen erfolgreichen Abend garantiert. Becker wirkt niemals oberflächlich, wenn er sich seinem Thema nähert und dabei, trotz allen Witzes und Veräppelns, der Toleranz Raum gibt und dennoch kritische Spitzen zu verteilen weiß.