Mönchengladbach/Erkelenz: Vergewaltiger bricht nach Urteil schluchzend zusammen

Mönchengladbach/Erkelenz: Vergewaltiger bricht nach Urteil schluchzend zusammen

Said C. ist vor dem Amtsgericht Mönchengladbach schuldig gesprochen worden, Claudia S. — der Name ist von der Redaktion geändert — am frühen Morgen des 21. Novembers vergewaltigt zu haben. Das Urteil beinhaltet eine Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten.

Als die Staatsanwaltschaft das geforderte Strafmaß verliest — es entspricht dem späteren Urteil — bricht der Asylbewerber aus Marokko in Tränen aus. Dann folgt ein lautes Schluchzen. Der Angeklagte, der im gesamten Strafprozess geduckt im Gerichtssaal saß und mit seiner schmächtigen Statur in seinem Parka zu versinken schien, ist sichtlich erschüttert von dem, was er simultan übersetzt von der Dolmetscherin zu hören bekommt.

Vier Verhandlungstage benötigte das Gericht bis zur Urteilsfindung. Der Fall schien zunächst klar, Zeugen sahen das Sexualgeschehen, der Angeklagte wurde von dem Opfer und Zeugen eindeutig identifiziert. Dennoch: Said C. bestreitet die Tat, ging von einvernehmlichen Handlungen aus, wie er erklärte. Das Gegenteil musste bewiesen werden.

Said C. gab an, er habe Claudia S. in der Diskothek Auditorium kennengelernt, sie habe ihn eingeladen, sie nach Hause zu begleiten, am Ausgang habe man sich geküsst. Claudia S. kann dies weder bestätigen noch dementieren. Sie war zwar im Auditorium, was dort passiert sei, weiß sie nicht mehr. Die Erinnerungslücke führt die Staatsanwältin auf eine ärztlich diagnostizierte Posttraumatische Belastungsstörung nach der Tat zurück. Um zu belegen, dass der Angeklagte die Unwahrheit spricht, führt sie die Aussagen zweier Zeugen an. Das Sicherheitspersonal des Auditoriums habe gesehen, wie Claudia S. in und vor der Diskothek von dem Angeklagten bedrängt worden sei.

Zeugen bestätigen

Ab dem Tatzeitpunkt kann sich Claudia S. wieder erinnern, das eigentliche Vergehen schildert sie konstant. Sie beschreibt einen Übergriff von hinten, der linke Arm des Täters fixierte sie, mit der rechten verübte er sexuelle Handlungen. Die Zwangssituation bestätigten zwei Zeugen, die auf den ersten Blick von einvernehmlichem Sex ausgingen, dann unsicher wurden, da der Gesichtsausdruck von Claudia S. gequält wirkte. Claudia S. lief auf sie zu und bat um Hilfe.

Eine Vergewaltigung liegt vor, da ein Eindringen in den Körper über mehrere Sekunden stattgefunden hat. Es sei eine besonders schäbige Tat, sagt die Staatsanwältin, da eine junge Frau, die alleine ausging, praktisch dafür bestraft wurde, jetzt völlig traumatisiert sei.

Die Anwältin der Nebenklägerin verdeutlichte die Folgen der Tat für das Opfer. Eine einst lebensbejahende junge Frau leidet nun unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung und großen Ängsten, kann kaum noch ihren Alltag meistern. Zu dem Vorwurf der Vergewaltigung kommen Diebstahl hinzu — Geldbörse und Handy wurden entwendet —, ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, da bei dem Angeklagten Marihuana sichergestellt wurde, sowie Widerstand gegen die Staatsgewalt.

„Was bleibt übrig, wenn wir sauber rechtlich prüfen und die Moral weglassen?“ Mit dieser Fragen leitet die Verteidigerin ihr Plädoyer ein. „Was wäre, wenn die Staatsanwaltschaft und Ermittlungsbehörde auch in Richtung der Darstellungen des Angeklagten ermittelt hätten?“ Said C. hatte angegeben, ein weiterer Bewohner der Flüchtlingsnotunterkunft sei in der Diskothek gewesen, habe gesehen, wie er und Claudia S. Zärtlichkeiten ausgetauscht hätten. In diese Richtung sei aber nicht ermittelt worden.

Auch bat der Angeklagte um die Auswertung von Videoaufzeichnungen im Auditorium, die seine Aussagen belegen würden. Diese Videoaufzeichnungen liegen jedoch nicht vor. Sie sind fehlerhaft, lediglich in Bruchstücken, auf eine externe Festplatte übertragen und routinemäßig gelöscht worden.

Auch die Aussagen des Sicherheitspersonals stellt die Verteidigerin in Frage, da einer der Zeugen seine Einstellung zu Flüchtlingen mit folgenden Worten ausdrückte: „Die haben hier nichts zu suchen.“ Der Diebstahl sei ebenfalls nicht bewiesen, es gebe keinen Beweis einer Wegnahme, lediglich einen Fundort. Eine Vergewaltigung scheide aus subjektiven Gründen aus.

Das Gericht entschied anders, war überzeugt, dass der Tatvorwurf zu Recht besteht. Die Zeugin habe von Anfang bis Ende das Kerngeschehen gleich geschildert. Geldbörse und Handy haben sich auf einem Hang befunden, etwas entfernt vom Tatort, an dem die Geschädigte nicht gewesen sei. Stimme die Aussage des Beschuldigten, dass die Angeklagte die Sachen selber auf den Boden warf, hätten sie am Tatort gelegen.

Anders als dargestellt habe Said C. den Übergriff benutzt, um das Opfer zusätzlich zu bestehlen. Es gebe keinerlei Anzeichen, dass die Aussagen der Geschädigten nicht der Wahrheit entsprächen. Auch wenn keine Videoaufzeichnungen vorliegen, liegen die Aussagen der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes vor, die — auch wenn eine gewisse Ausländerfeindlichkeit zu erkennen sei — schlüssig ausgesagt hätten.

Das Gericht sieht keinen minderschweren Fall, auch die Gewaltanwendung sei nicht im unteren Bereich angesiedelt.

(dmd)
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