Trotz Handicap: Seit zwei Jahren gehört Sven Böken zum Supermarkt-Team

Arbeitsmarkt : Bestes Beispiel für berufliche Inklusion

Sven Böken ist Mitarbeiter der Werkstätten der Lebenshilfe Heinsberg. Der Wunsch nach einem festen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt treibt den jungen Mann aus Teveren seit Jahren an. In Geilenkirchen erlebt er seit zwei Jahren berufliche Inklusion.

Es ist Montagmorgen. Sven Böken freut sich auf den Start in die Arbeitswoche. Er nimmt den Bus in Teveren um kurz nach sieben, damit er pünktlich um 8 Uhr seinen Dienst im REWE-Markt Geilenkirchen-Bauchem antreten kann. Vor allem am Montagmorgen ist gleich viel zu tun. Neue Ware ist eingetroffen und muss einsortiert werden. Dabei wird auch gleich die Regalware auf das Mindesthaltbarkeitsdatum überprüft. Im Lager stapelt sich das Leergut, Verpackungen müssen sortiert und entsorgt werden. Der rund 1000 Quadratmeter große Supermarkt bietet seinen Kunden ein breites Angebot frischer Lebensmittel. Da ist immer viel zu tun.

Seit zwei Jahren gehört Sven Böken für zwei Tage in der Woche zum REWE-Team. Und darauf ist er sehr stolz. „Ich liebe diesen Job, denn er ist vielfältig!“

Seit seinem Schulabschluss vor zehn Jahren arbeitet Sven Böken in den Werkstätten der Lebenshilfe Heinsberg. Dort hat er vielfältige Arbeiten in der Montage, Konfektionierung und Verpackung kennen gelernt. Die Arbeit und auch die Gemeinschaft in seiner Gruppe schätzt der 26-Jährige. Doch der Wunsch nach beruflicher Weiterentwicklung treibt den jungen Mann seit Jahren an. Für einige Wochen hat er bereits ein Praktikum in einem Altenheim absolviert. Daran erinnert sich Sven Böken gerne zurück. Seine damaligen Erfahrungen außerhalb der Werkstatt bestärkten ihn in seinem Wunsch, sich beruflich weiter zu entwickeln, um vielleicht eines Tages auf eigenen Füßen im allgemeinen Arbeitsmarkt zu stehen.

„Arbeit hat in unserer Gesellschaft einen zentralen Stellenwert“, sagt Sandra Vrijaldenhoven, pädagogische Leiterin der Werkstätten der Lebenshilfe Heinsberg. „Wir definieren uns über unser berufliches Selbstverständnis und erleben Anerkennung und Wertschätzung durch das, was wir tun.“ Deshalb engagiert sich die Lebenshilfe Heinsberg, erwachsenen Menschen mit Behinderung die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen.

„Egal wie groß das Handicap ist und die damit verbundene Unterstützung notwendig wird“, fordert Sandra Vrijaldenhoven, „jeder Mensch soll Chancen beruflicher Förderung erhalten.“ Manche der rund 1200 Mitarbeiter entwickeln in den Werkstätten klare berufliche Vorstellungen und entscheiden sich für ein Praktikum auf dem freien Arbeitsmarkt. „Wir kooperieren mit zahlreichen Unternehmen in der Region und vermitteln durch Praktika vielfältige Einblicke.“ Daraus kann mehr entstehen: Rund 60 Mitarbeiter sind zurzeit langfristig in einem betriebsintegrierten Arbeitsplatz in einem Unternehmen im Kreis Heinsberg beschäftigt.

Bei der Vermittlung setzt die Lebenshilfe Heinsberg als Elternverein aber auch auf das Engagement der Angehörigen. „Inklusion benötigt gerade in der Arbeitswelt immer wieder direkte Vermittler und gute persönliche Kontakte.“

Diesen direkten Kontakt suchte Svens Vater Uwe Böken zum REWE-Filialleiter Thomas Hannen in Geilenkirchen: „Ich möchte meinen Sohn darin bestärken, sich in der Arbeitswelt trotz seiner körperlichen und kognitiven Einschränkung zu behaupten. Er lebt auf, wenn er möglichst selbstständig neue Dinge ausprobieren kann. Also habe ich beim Einkauf den Leiter des Supermarktes auf die Möglichkeit eines Praktikums angesprochen. Das Interesse war da und so kamen wir ins Gespräch. Dabei hat uns der Geilenkirchener Behindertenbeauftragte Heinz Pütz von Beginn an sehr unterstützt!“

Das ist jetzt schon zwei Jahre her. Was mutig klingt, ist für Uwe Böken selbstverständlich. Als Leiter der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule engagiert sich der Pädagoge auch beruflich seit Jahren für die inklusive Förderung von Kindern mit und ohne Behinderung. „Was in der schulischen Förderung heute schon möglich ist, muss sich in der beruflichen Welt weiterentwickeln!“

„Warum nicht?“ fragte sich damals Thomas Hannen und beschloss, einen Praktikumsplatz für Sven einzurichten. Sein stellvertretender Marktleiter Stefan Keller ergänzt, dass nach dem Praktikum schnell klar war, Sven einen Arbeitsplatz für zwei Tage in der Woche anzubieten: „Sven bringt nicht nur gute Laune mit, sondern hat ein Auge für das, was manch ein Angestellter eines Supermarktes nach einiger Zeit aus den Augen verliert. Mit akribischer Gründlichkeit geht Sven die Regale auf das einsortierte Warenangebot durch und übersieht kein abgelaufenes Produkt oder leere Kartons.“ Auch wenn die Arbeit im Markt nicht für eine Vollzeitbeschäftigung reicht, steht für Thomas Hannen fest, dass Sven Böken seinen Arbeitsplatz für zwei Tage in der Woche in Geilenkirchen behalten soll.

Heinz Pütz, Behindertenbeauftragter der Stadt Geilenkirchen, verfolgt die Entwicklung von Sven Böken seit Jahren. Er lobt das Engagement und die offene Haltung der Supermarktleitung: „Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen mit Behinderung in unserer leistungsorientierten Arbeitswelt Fuß fassen können. Dabei ist Svens Entwicklung das beste Beispiel für eine gelungene berufliche Inklusion. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Firmen und Unternehmen in Geilenkirchen für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung öffnen.“

(red)