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Historie: „Tränen rollen übers raue Kriegergesicht“

Historie : „Tränen rollen übers raue Kriegergesicht“

Im Monat November wird dem Gedenken an die Verstorbenen ein besonderer Stellenwert zuteil. Das war auch schon in früheren Zeiten so, wie ein historischer Rückblick in die Zeit des Ersten Weltkrieges zeigt.

Allgemein gilt der November als der „Trauermonat“. Die kahlen Bäume ohne Blätter, die spürbare Ausprägung der Dunkelheit und nicht zuletzt die Totengedenktage in den beiden großen christlichen Kirchen halten den Menschen die Vergänglichkeit allen irdischen Lebens und auch der Natur vor Augen.

Man gedenkt der Toten, indem man unter anderem die letzten Ruhestätten von Verwandten auch außerhalb des Heimatortes sowie die Gottesdienste und liturgischen Feiern in den hiesigen Kirchen besucht. Dabei hat sich die Tradition der Andacht am Nachmittag des Allerheiligentages mit der anschließenden Prozession zum Friedhof und der Segnung der Gräber trotz des wachsenden Priestermangels und der stark rückläufigen Beteiligung bis in die heutige Zeit behauptet.

Zweifellos ist das Bestattungswesen auch im Kreis Heinsberg einem Wandel unterworfen. Die Veränderung der Sozialstrukturen hat die Ablösung der traditionellen Bestattungsformen zur Folge. Lange Zeit galt eine Erdbestattung entweder in einer Familiengruft oder in einem Reihengrab als einzig denkbare Form der Bestattung, zumal auch wegen der Übernahme der elterlichen Anwesen durch Kinder und Enkel die Grabpflege gesichert war. Immer häufiger wurde die Erdbestattung in den letzten beiden Jahrzehnten durch die seit 1964 auch von der katholischen Kirche anerkannte Urnenbestattung ersetzt.

Eine Kriegsbegeisterung, die nicht lange währte: die Mobilmachung im August 1914 in Deutschland. Der Erste Weltkrieg dauerte bis 1918, er hatte rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene zur Folge.
Eine Kriegsbegeisterung, die nicht lange währte: die Mobilmachung im August 1914 in Deutschland. Der Erste Weltkrieg dauerte bis 1918, er hatte rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene zur Folge. Foto: dpa

Eine andere Variante der Bestattung stellen die Wiesengräber dar, die sich im letzten Jahrzehnt immer stärker auf den hiesigen Friedhöfen durchgesetzt haben. Der Verstorbene wird unter einer freien Rasenfläche zur letzten Ruhe gebettet. Eine individuelle Grabgestaltung gibt es nicht, so dass eine aufwendige Grabpflege nicht erforderlich ist. Eine kleine Grabplatte oder Namenstafel schützt den Verstorbenen vor der Anonymität.

Trotz der unterschiedlichen Formen der Bestattung ehrt man die verstorbenen Verwandten vor allem am Allerheiligentag durch eine besondere Form der Grabpflege. Kränze, Gestecke, liebevoll ausgewählte Blumen und vor allem Lichter schmücken die Grabanlagen. Die Menschen bringen so ihre Verbundenheit mit den Toten zum Ausdruck. Für überzeugte Christen symbolisiert das Grablicht den Glauben an die Auferstehung der Toten, die ihren ewigen Frieden im Lichte Gottes finden. Das Licht besiegt so die Dunkelheit des Todes.

Das ehrende Gedenken und die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod bewegen die Menschen, wenn sie sich den Grabstätten ihrer verstorbenen Verwandten, Bekannten und Freunden nähern. Vor allem die Besuche der Gräber bei den Verstorbenen des letzten Kalenderjahres weckt bei vielen Menschen wehmütige Erinnerungen, so dass sie nicht selten lange und regungslos vor den Ruhestätten verweilen. Trotzdem können die nahen Anverwandten sich glücklich schätzen, die Verstorbenen in der Regel in heimischer Erde bestattet zu wissen. Dieser Trost war den Eltern und Geschwistern von gefallenen Soldaten nicht beschieden. Nicht selten war ihnen der Ort der letzten Ruhestätte nicht mitgeteilt worden.

 Zeit des Todes und der Trauer: Deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg in der nordfranzösischen Stadt Saint-Quentin.
Zeit des Todes und der Trauer: Deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg in der nordfranzösischen Stadt Saint-Quentin. Foto: dpa

Vor allem in den Weiten der Sowjetunion waren deutsche Soldatenfriedhöfe bei der Rückeroberung der Orte durch die Rote Armee dem Erdboden gleichgemacht worden. So begleitete die quälende Ungewissheit über die letzte Ruhestätte des in fremder Erde ruhenden Sohnes manche Eltern bis an ihr Lebensende. Dabei war es nur ein schwacher Trost, wenn öffentliche Kriegergedenkstätten und Erinnerungstafeln, die an den Familiengräbern angebracht wurden, die Gefallenen und Vermissten vor der Anonymität des Vergessens bewahrten.

Nicht gefühllos gingen diese Tage auch nicht bei den Soldaten an den Fronten vorbei. In Gedanken standen sie vor den Gräbern ihrer nahen Verwandten in der Heimat. Zudem hatten sie „den Tod ständig vor Augen“. In der menschlichen Ausnahmesituation konnten sie nicht vorhersehen, ob sie die nächsten Tage überleben würden. Sie trauerten nicht nur um ihre Verwandten und Bekannten in der Heimat, sondern auch um gefallene Kameraden, mit denen sie durch das Schicksal des Weltenbrandes zusammengeführt worden waren und deren Leiden und Sterben sie hilflos und auch tatenlos zusehen mussten.

Welche Gedanken jeden einzelnen Frontsoldaten am Tag des Totengedenkens bewegt haben, kann sicher nicht mehr rekonstruiert werden. Viele haben ihre Gefühle mit ins Grab genommen. Hingegen hat ein aus dem Geilenkirchener Land gebürtiger Weltkriegsteilnehmer seine Gefühle am Festtag Allerheiligen seinen Verwandten mitgeteilt. Er besuchte 1942 einen neu angelegten Soldatenfriedhof an der Ostfront und war dabei in Gedanken bei seinem erst kürzlich gefallenen Bruder.

Während des Ersten Weltkriegs wurden Feldpostbriefe von hiesigen Kriegsteilnehmern in unregelmäßigen Abständen in der Lokalzeitung veröffentlicht. Sie galten als Bindeglied zwischen der Front und der Heimat. Heute sind diese Briefe historische Quellen von unschätzbarem Wert. Am 28. November 1914 veröffentlichte die Heinsberger Volkszeitung unter anderem den Brief eines aus unserer Heimat gebürtigen Soldaten, in dem er seinen Verwandten den Verlauf des kirchlichen Totengedenkens an der Westfront am Allerseelentag schildert. Der Soldat erlebte in der würdigen Gestaltung der liturgischen Feier eine wehmütige Erinnerung an die Prozessionen auf den heimischen Friedhöfen. Ebenso beeindruckend ist die Schilderung der mit viel Aufwand und Mühe hergestellten Kapelle. Der Brief vermittelt auch einen Eindruck in die Gefahren, denen junge Soldaten Tag für Tag ausgesetzt waren. Erstaunlicherweise wird die Detonation von Fliegerbomben fast in einem jugendlichen Leichtsinn geschildert, so dass die Sensation mehr im Vordergrund stand als die tödliche Wirkung dieser Waffen, die vielfaches Leid anrichten konnten.

Die anfängliche Kriegs-Euphorie ist nur schwach vorhanden. Aber die Treue zum Kaiser und die Bereitschaft, seinen Befehlen zu folgen, prägen den Verfasser des Textes und seine Kameraden.

Dem Brief sind unter anderem folgende Gedanken entnommen: „… Ich war gestern am Allerseelentag in der Kirche. Das war eine Freude für mich, nach dreimonatigen Strapazen, Entbehrungen und Schlachten wieder eine Kirche besuchen zu können! Ihr werdet Euch noch wundern, warum ich hier aus einer Waldkirche schreibe. Die müsstet ihr einmal sehen, großartig! Über derselben steht, aus Birkenzweigen gefertigt, des deutschen Kriegers heilige Stätte. Der Altar ist aus Birkenholz,der Sockel aus Moos. Vor dem Altartisch ist ein schönes Kreuz aus Kalksteinchen angefertigt. Vor dem Altar ist ein Kronleuchter angebracht, ebenfalls aus Birkenholz und Moos. Einige Kerzenhalter zur Seite sind aus dem Boden unserer Geschoßkörbe und aus den Zündern unserer französischen Granaten gemacht (….). Während der heiligen Messe rollten die Tränen über manches raue Kriegergesicht. Eben kamen meine Kameraden vom Gottesdienst zurück. Auch sie waren ganz ergriffen. Denn heute fand, wie sie mir erzählten, eine Prozession zu den Gräbern der gefallenen Soldaten statt. Die Gräber sind schön geschmückt mit Kränzen aus Moos, Palmen und Tannenzweigen. Wie schön hat auch das Landwehrregiment seinen Unterstand mit Moos geschmückt. Auf denselben fanden sich Inschriften aus Kalksandsteinchen mit den Worten ,Gott mit uns! Der Kaiser rief – und wir kommen’. Wir haben jetzt das schönste Wetter. Nun kommen wieder die Flieger. Dann haben die Soldaten eine solche Batterie aufgebaut aus Erde und Beton. Kommt der Flieger über diese, so macht er eine Schwenkung über diese, und dann fällt Bombe für Bombe herab. Es ist spaßig zum Ansehen.“

Noch vier Jahre lang sollten deutsche Soldaten an den Fronten kämpfen und sterben. Vor allem der französische Boden barg manche unentdeckten sterblichen Überreste von Soldaten der kaiserlichen Armee. Nicht jeder Gefallene fand ein Grab. Ihre Verwandten in der Heimat fühlten sich ihnen im Gebet und in Gedanken verbunden. Davon zeugte unter anderem das am Allerseelentag 1919 im Selfkantdom zu Heinsberg zelebrierte Requiem der Theologenverbindung „Selfkantia“ für elf gefallene hiesige Bundesbrüder.