Totes Kitz im Kreis Heinsberg könnte noch teuer werden

Jagdaufseher gegen Landwirt : Totes Kitz könnte noch teuer werden

Seit fünf Jahren ist Markus Mester nun offiziell ein Jäger. Eigentlich, so sagt er aber, habe er die Prüfung „viel zu spät“ abgelegt, denn sein Hobby macht ihm ungeheuren Spaß. „Nicht die Jagd im Speziellen“, meint er, „sondern das ganze drumherum, der Erhalt der Biotope, die Lebensraumverbesserung. Wenn ich natürlich keinen Fasan mehr sehe, aber 20 Füchse, muss ich regulierend eingreifen.“ Auch jetzt sah sich der 41-jährige hauptberufliche Feuerwehrmann genötigt, einzugreifen. Für ein Rehkitz kam die Hilfe allerdings zu spät.

Zwischen 50.000 und 100.000 Rehkitze erleiden laut Aussage der Deutschen Wildtier Stiftung jedes Jahr in Deutschland den sogenannten Mähtod. Zwischen April und Juni im hohen Gras der landwirtschaftlichen Weiden von ihren Müttern abgesetzt, verharren die Tiere meist auf dem Boden kauernd, bis das Muttertier wieder zurückkehrt.

Durch die reglose Haltung und das Fell verschmelzen die Tiere geradezu mit ihrer Umgebung und sind für einen Landwirten, der mit schwerem Gerät anrückt, um die Weide zu mähen, kaum zu entdecken. Auch in seinem Revier, im Hilfarther Kapbusch, sei dies wohl so der Fall gewesen, glaubt Markus Mester. Allerdings, und das brachte nun das Veterinäramt des Kreises Heinsberg ins Spiel, habe er zuvor mit dem zuständigen Landwirt vereinbart, dass dieser ihn vor dem Mähen kontaktiere, damit er mit seinen Hunden das Gelände noch einmal nach abgesetzten Wildtieren hätte untersuchen können. „Selbst eine Drohne mit Wärmebildkamera hätte ich besorgen können.“ Doch der Landwirt meldete sich nicht.

Den Tierkadaver hatte Markus Mester dann nach eigener Auskunft wenig später auf der gemähten Weide entdeckt. Er schaltete das Veterinäramt ein.

„Dass wir von einem solchen Fall Kenntnis erhalten, kommt selten vor“, sagt Dr. Hans-Helmut Ahlborn auf Nachfrage unserer Zeitung. „Ich gehe davon aus, dass die Landwirte in der Region sehr bewusst mit dem Thema umgehen, um solche Mähunfälle zu verhindern.“

Mit aufgerissenem Körper liegt das Rehkitz auf der Ladefläche des Trucks. Mittlerweile wird in Krefeld versucht, die Todesursache zweifelsfrei zu klären. Foto: Markus Mester

Gleichwohl könnte es für den betroffenen Landwirten teuer werden, falls er tatsächlich gegen besseres Wissen den Tod des Tieres in Kauf genommen und verursacht hat. Auf der Basis von Tierschutzgesetz oder Bundesnaturschutzgesetz kam es in der Vergangenheit in ähnlichen Fällen immer wieder zu empfindlichen Geldstrafen bis hin zu Bewährungsstrafen, wenn einem Landwirt besonders rohes Verhalten, ja sogar Vorsatz nachgewiesen werden konnte.

„Wenn sich herausstellen sollte, dass es ein Mähunfall war, wird der Vorgang an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet“, sagt Hans-Helmut Ahlborn.

Innerhalb der Jägerschaft scheinen die Erfahrungen im Hinblick auf eine Kooperation mit den Landwirten zum Schutz der Wildtiere durchaus unterschiedlich zu sein. Während Markus Mester für sich klar feststellt: „Solange ich im Revier tätig bin, hat sich noch nie ein von mir angesprochener Landwirt zurückgemeldet“, erklärt der Vorsitzende der Kreisjägerschaft, Dr. Heiner Breickmann: „Meine Erfahrungen sind da eher positv. Die Landwirte kommen in der Regel auf uns zu oder wir gehen auf die Landwirte zu. Das läuft weitgehend gut. Es besteht Verständnis untereinander.“ Dass der Vorsitzende der Kreisbauernschaft, Bernhard Conzen, ein Jagdfreund ist, sei da nur am Rande erwähnt.

Rehe würden einem Landwirten ja auch keinen Schaden zufügen, meint Heiner Breickmann. Das sehe bei Wildschweinen schon ganz anders aus. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass der Landwirt ja aus der Jägerschaft einen Pachtzins für die Nutzung seines Grund und Bodens erhalte.

Wie viele Rehe jedes Jahr durch die Landwirtschaft in der Region zu Tode kämen, darüber ließe sich nur spekulieren, erklärt Breickmann. Dass es viele seien, glaubt er allerdings nicht. Drei bis sieben Tiere würden jedoch jedes Jahr im Straßenverkehr getötet. Wahrscheinlich, so vermutet er, sei diese Zahl die größere. Auch Markus Mester muss einräumen, dass ihm in den fünf Jahren als Jäger ein solcher Fall wie jetzt noch nie begegnet ist.

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