Tobias Storms: Ganz nah dran an der großen Politik

Bürgerdialog in Aachen : Tobias Storms ist ganz nah dran an der großen Politik

Tobias Storms, Streetworker in Oberbruch, diskutiert bei Bürgerdialog in Aachen mit Angela Merkel und Emmanuel Macron. Es geht ihm um die jungen Leute, die aus sozial eher schwierigen Verhältnissen stammen.

Als Tobias Storms am Dienstagnachmittag wieder im Jugendtreff Oase angekommen war, klopften ihm viele auf die Schulter. Gut habe er das gemacht. Die richtige Frage gestellt. Alle hatten ihn zuvor gesehen. Im Programm der ARD. Oder auf Facebook, wo die Bilder gleich kursierten. Die Jugendlichen, die Arbeitskollegen, die Freunde sahen, wie Storms Bundeskanzlerin Angela Merkel und den französischen Präsidenten Emmanuel Macron danach fragte, wie man junge Leute für Europa begeistern kann.

Tobias Storms, 39 Jahre, lebt in Geilenkirchen und ist Streetworker in Oberbruch, wo er für die evangelische Kirchengemeinde arbeitet. Storms ist viel in Oberbruch unterwegs, meistens mit seinem Hund Sky. Er weiß, was die jungen Leute auf der Straße denken. Am Dienstag war er als Leser unserer Zeitung ausgewählt worden, am Bürgerdialog im Rahmen der Unterzeichnung des Aachener Vertrages dabei zu sein. „Ich bin politisch interessiert. Und mir liegt es am Herzen, Themen, die Jugendliche betreffen, in die Politik einzubringen“, sagt Storms.

Als Merkel und Macron die Aula Carolina an der Aachener Pontstraße betraten, hatten die beiden Spitzenpolitiker gerade Geschichte geschrieben. Sie hatten einen Vertrag unterzeichnet, der die Freunde noch enger verbindet. Sie ergänzen damit ein Papier, das Konrad Adenauer und Charles de Gaulles einst im Élysée-Palast unterzeichneten. In Aachen wurde also die ganz große politische Bühne bereitet. 

Merkel und Macron unterzeichnen den „Vertrag von Aachen“

Der Bürgerdialog, bei dem sich Merkel und Macron den Fragen von rund 70 Bürgern stellten, wirkte da wie ein Kontrastprogramm zum Pathos der Vertragsunterzeichnung. „Die Atmosphäre war relativ gelöst. Angela Merkel und Emmanuel Macron haben sich volksnah gegeben“, sagt Storms. Er hatte die freie Platzwahl genutzt, um sich gleich in die erste Reihe zu setzen. neben ihm blieb ein Platz frei. Und als Angela Merkel hereinkam, setzte sie sich gleich neben ihn. „Das war Zufall. Sie hat wohl gedacht, der Platz sei für sie reserviert gewesen“, sagt Storms. So entstanden viele Bilder vom Streetworker Storms und Bundeskanzlerin Merkel, die am Dienstag über die Nachrichtenagenturen in alle Welt verbreitet wurden.

Nachdem die Moderatorin und die beiden Politiker ein paar Worte gewechselt hatten, hatte Tobias Storms auch gleich das Wort. Er durfte die erste Frage des etwa einstündigen Forums stellen. Auf diesen Moment war Storms gut vorbereitet. Er hatte die Jugendlichen in Oberbruch gefragt, wie sie zu Europa stehen, was Europa für sie bedeutet, was sie über Europa wissen. Und es kam fast nichts zurück. „Die Jugendlichen haben nur ganz geringe Kenntnisse über Europa“, sagt er. Storms arbeitet oft mit Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen und bildungsfernen Familien. „Für sie ist Europa weit weg“, sagt Storms. Also fragte er in Aachen: Wie können wir die jungen Leute für Europa begeistern – jene aus sozial prekären Verhältnissen?

Der nachgeschobene Satzteil war dabei wichtig. Denn die gut Gebildeten, die Studenten, die hochqualifizierten Mitarbeiter international agierender Unternehmen erkennen den Wert Europas oft von ganz allein. Sie melden sich für das Austausch-Programm Erasmus an und verbringen Teile ihres Studiums im europäischen Ausland. Sie lernen oft die Sprache unserer Nachbarn und können so beim Reisen auch hinter die touristischen Kulissen blicken. Um genau diese Menschen geht es Storms nicht. Jugendliche mit niedrigerem Bildungsniveau, aus Familien, die ob ihrer persönlichen Situation frustriert sind, sollte man ebenso für Europa begeistern. 

Merkel sprach darüber, dass das studentische Erasmus-Programm nun auch auf Auszubildende ausgeweitet worden sei. Sie sagte aber auch, dass man sich auch um die kümmern müsse, die sich nicht als erste auf solche Programme bewerben. Macron warb dafür, die alltäglichen Vorteile der EU in den Vordergrund zu rücken. Man könne einfach in ein anderes EU-Land reisen, man könne dort arbeiten oder eine Ausbildung machen.  Das sähen heute viele als selbstverständlich an. Es sei aber ein Wert, den es zu würdigen gelte.

Storms hätte gerne noch weiter über das Thema diskutiert. Aber das sah das Format nicht vor. Bei 60 Minuten Zeit und 70 Teilnehmern sei ihm gleich klar gewesen, dass er maximal eine Frage würde stellen können. Aber er hat sich vorgenommen, das Thema in seiner täglichen Arbeit mit den Jugendlichen aufzugreifen.

„Unsere Arbeit läuft oft im Hintergrund. Aber wir haben einen guten Zugang zu den Jugendlichen. Das ist eine Chance, mit ihnen an solchen Themen zu arbeiten“, sagt Storms. Zwar sei seine Arbeit sehr niedrigschwellig. Will heißen, er kann kein Europaseminar anbieten, das würden die Jugendlichen wohl kaum annehmen. Möglichkeiten sieht er aber bei Kooperationspartnern, wie zum Beispiel Fußballvereinen. Da gebe es Projekte, bei denen ein Stadionbesuch mit einem Demokratieseminar verbunden ist. So etwas kann Storms sich vorstellen.

Mit Merkel und Macron diskutiert: Tobias Storms. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Am Ende waren Merkel und Macron so schnell wieder weg, wie sie gekommen waren. Und mit ihnen die Polizei, die Bodyguards, Fernsehleute und der Glanz der großen Politik. Aber für Tobias Storms bleibt die Hoffnung, dass die Kanzlerin und der Präsident künftig noch eher an die Anliegen der jungen Europäer denken.