SV Klinkum: Triumph des Kopfes über die Beine bei Paris-Brest-Paris

Extremsport : Triumph des Kopfes über die Beine bei Langstreckenrennen

„Allez, Michel!“ hat der Vereinskollege von der Radsportabteilung des SV Klinkum noch einen kleinen Motivationsschub aus der Ferne geschickt. Zu dem Zeitpunkt sitzt Michel De Moey (52) seit 13 Stunden ununterbrochen im Sattel, das gleichmäßige Geräusch der Kurbel unter sich und der Wind macht ihn wahnsinnig. Michel ist unterwegs beim ältesten Langstreckenrennen der Welt, dem Klassiker Paris-Brest-Paris.

1200 Kilometer in maximal 90 Stunden (Pausen inklusive), 10.000 Höhenmeter. Mit dem Fahrrad gegen den Wind und den inneren Schweinehund, über 360 Hügel und durch tiefe Motivationslöcher. Von 1891 bis 1951 sind sowohl Profis als auch Amateure die Strecke entlanggejagt, seitdem sind es nur noch „Hobbyradler“, die sich auf die Strecke machen. Hobbyradler, was für ein Wort angesichts der Herausforderungen. „Tortur de France“ winken selbst ambitionierte Radfahrer ab, für Michel ist es „Freiheit, meine Freiheit.“

Bewaffnet mit Ersatzschlauch und Trinkflaschen, mit Energieriegeln und Hautcreme für die empfindlichsten Stellen des Körpers haben sich 6673 Radler aus 66 Nationen in Wellen von 300 Startern im Abstand von 15 Minuten auf die Strecke gemacht. Michel startet am Sonntagabend um 20.02 Uhr. Vergeblich kämpft die Fahrradlampe gegen die Dunkelheit, die sich schon bald über die Strecke senkt. Aber noch ist Michel frisch, nur treten, nichts davor und nichts danach ist wichtig. Nur treten. Dennoch werden nicht seine Beine entscheiden, ob er ankommt. Paris-Brest-Paris bewältigt man mit dem Kopf. Allez Michel!

„Olympiade der Randonneure“ (Langstreckenfahrer) wird Paris-Brest-Paris genannt. Olympiade, das hört sich nach grandiosem Fest an, nach einem unvergesslichen Erlebnis. Und das ist es auch. „Die Bretonen an der Strecke leben Paris-Brest-Paris“, sagt Michel. Sie feiern die Radfahrer wie die Profis der Tour de France. Kinder stehen am Straßenrand, reichen Wasserflaschen oder warten darauf, die „Helden abzuklatschen.“ Wildfremde Menschen bieten Pfannkuchen zur Stärkung an, verlangen dafür nicht einen Cent. Rufen den Fahrern „Bon Courage!“ (Viel Glück!) zu und schreiben Schilder, auf denen steht, dass „du genau hier 1001 Kilometer geschafft“ hast.

Michel De Moey unterwegs beim ältesten Langstreckenrennen der Welt, dem Klassiker Paris-Brest-Paris. Foto: Monika Baltes

Schade, dass die Begegnungen flüchtig bleiben, weil den Fahrern die Zeit im Nacken sitzt. Weiter treten, nur treten. Allez Michel!

Paris-Brest-Paris ist die „Mutter aller Radmarathons“. Eine unbarmherzige Mutter, die ihre Kinder an körperliche und mentale Grenzen führt. Bis zum Wendepunkt in Brest ist Michel ohne Schlafpause durchgefahren, die Schultern schmerzen, die Hände werden taub. Zwei Schlafpausen von je ungefähr vier Stunden hat er sich auf der gesamten Strecke gegönnt. Die Beine sind schwer wie Blei und er hat Randonneure gesehen, die sich zwischen Brust und Kinn einen aufgeblasenen Luftballon befestigt haben, weil die Nackenmuskulatur den Kopf einfach nicht mehr halten will. Sein Po schmerzt höllisch: „Die letzten 30 Kilometer bin ich im Stehen gefahren.“ Nur treten, immer weiter. Allez Michel!

Nach 74:30:02 Stunden fährt er über die Ziellinie. Körperlich erschöpft und doch innerlich jubelnd. Der erste Sieger von Paris Brest-Paris (1891), der französische Radprofi Charles Terront, bewältigte die Strecke in 71:22 Stunden ohne Schlaf und war damals auf einen Schlag der berühmteste Mann Frankreichs. Es wurden 18 Bankette für ihn veranstaltet, und er bekam eine kostenlose Loge in der Pariser Oper.

Ganz so viel der Ehre wird den Teilnehmern heute nicht mehr zuteil. Michel bekommt eine Medaille. Die er übrigens, ohne mit der Wimper zu zucken, gleich dem extrem traurigen indischen Fahrer, der das Zeitlimit überschritten hatte, schenken wollte, wenn er sie denn angenommen hätte.

„Ich hab’s nicht so mit Medaillen“, erklärt Michel. Diese innere Zufriedenheit, die Gewissheit, es geschafft zu haben, der Triumph des Kopfes über die Beine, seine geliebte Freiheit – das alles kann man nun mal nicht in Medaillen gießen.

Ganze anderthalb Stunden ist er schneller gewesen, als bei seiner ersten Teilnahme vor vier Jahren. „Wenn ich exakt so weitermache, werde ich mit über 100 Jahren als Allererster über die Ziellinie huschen“, sagt er und lacht. Die schnellsten Teilnehmer schaffen es unter 50 Stunden, ganz ohne Schlaf.

Ja dann … Allez Michel!

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