Straßenfest: Nachbarschaftspflege in Heinsberg im Umbruch

Straßenfest zum Kennenlernen : Nachbarschaftspflege in Heinsberg im Umbruch

Nicht nur zur Sommerzeit ist Feierzeit. Die Bandbreite der Veranstaltungen ist Woche für Woche auch in unserer Region geradezu überwältigend. Und manchmal nicht immer zur Freude aller Beteiligten.

Vor allem an zentralen Plätzen, auf denen sich die Veranstaltungen häufen, gibt es zwei Seiten der Medaille. Angebote der Freizeitgestaltung und Genuss von Kultur und Gaumenfreuden werden in der Regel begeistert wahrgenommen. Weniger erfreulich sind oftmals jedoch die Belastungen der Anwohner durch Lärm und Beschallung. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich jedoch die sogenannten Straßenfeste, die einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum nachbarschaftlichen Zusammenhalt leisten. Wer sind die Macher, was treibt sie um und wieviel Arbeit steckt eigentlich in der Vorbereitung? Diesen und anderen Fragen sind wir einmal nachgegangen am Beispiel des Straßenfestes im Heinsberger „Känguruh“-Viertel.

Seit fast 40 Jahren organisiert der Bürgerverein Känguruh-Viertel e.V. alle drei Jahre sein Straßenfest zur Förderung der Nachbarschaft. In diesem Jahr waren die Anwohner zum 13. Straßen- und Veedelsfest eingeladen. Charly Deklerk, Ralf Dohmen, Helmut Hawinkels, Karl Hülser und Karl-Heinz Minkenberg gehören zu den Gründungsmitgliedern des Vereins. „Wir hatten die Idee, dass es hilfreich sei, einen Verein zu gründen zur Förderung der Gemeinschaft und Nachbarschaft sowie zur Vertretung der Interessen seiner Mitglieder gegenüber den Behörden“, betonen sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Was am Anfang noch privates Handeln war, erfolgte dann formal mit Satzung und Eintragung ins Vereinsregister.

„Zum Zweck des Vereins gehört ebenso, dass der Verein keine wirtschaftlichen, sondern nur gemeinnützige Ziele verfolgt“, ergänzt der Vorsitzende Wolfgang Gruber. Rund 70 Prozent der Anwohner sind aktuell im Verein organisiert. Und dabei geht es nicht nur ums Feiern und Spaß haben. Als Erfolg verzeichnet der Verein, vor Jahren bei der Stadt eine Lösung für vollgelaufene Keller bei Starkregen herbeigeführt zu haben. Durch Einbau stärkerer Pumpen im Pumpwerk an der Fritz-Bauer-Straße würden seitdem die Abwässer schneller und effizienter zur Kläranlage in Kirchhofen befördert, erzählen die Gründungsmitglieder.

Heinz-Josef Jansen und Wolfgang Gruber treffen noch letzte Orga-Absprachen am Vorabend zum Straßenfest. Foto: JWB

Auf den ersten Blick scheint es ausreichend zu sein, ein paar Zelte, einen Getränkewagen und ein paar Biergarten-Elemente zur Verfügung zu stellen, damit das Straßenfest stattfinden kann. Wer hinter die Kulissen schaut, erkennt jedoch schnell, welcher Aufwand tatsächlich notwendig ist. Zur gelingenden Freude am Fest für Groß und Klein gehören Planung und Zeit, Einholung der Genehmigung durch die Behörden und die Mithilfe durch Unterstützer. Die wünscht sich der Verein auch aus dem Kreis der neuen Anwohner. Zur Vermeidung von unverhältnismäßigen Belastungen gehört zum Beispiel die Beachtung der Bedürfnisse der Anwohner am Ort der Veranstaltung – hier an der Wendeplatte der von-Ketteler-Straße.

„Wir befassen uns thematisch rund ein halbes Jahr mit der Vorbereitung und Organisation des Festes. Neben dem Vorstand sind es im Wesentlichen immer die gleichen Personen, die sich einbringen“, beschreibt der Vorsitzende Aufwand und Ablauf.

Nachbarschaftspflege biete der Verein mit einer jährlichen Radtour, mit Busreisen, einer Nikolaustüte für Kinder und alle drei Jahre eben mit dem Straßenfest. Es sei auch in diesem Jahr wieder ein schönes Erlebnis in positiver Atmosphäre gewesen – mit vielen guten Gesprächen, war aus Sicht der teilnehmenden Anwohner zu hören. Einige Gespräche hatten die Veränderung im Viertel zum Gegenstand. Ein Generationenwechsel sei feststellbar. In eine gewachsene Gemeinschaft kämen neue Anwohner mit anderen Lebensentwürfen. „Die neuen Anwohner suchen seltener den Kontakt zu den Alteingesessenen“, ist Bedauern zu hören. Die Verständigung werde schwieriger, die Distanz zum Nachbarn größer und der Kontakt beschränke sich auf ein „Guten Tag oder Hallo“.

Vielleicht stellt sich diese Tatsache als neue Aufgabe für den Verein heraus. Auffallend sei gewesen, dass sechs von acht der direkten Anwohnerfamilien am Wendeplatz nicht teilnahmen. Mit Kurzurlauben entziehe man sich denn wohl auch schon einmal dem Fest, wie der ein oder andere zugab. Beschwerden beim Vorstand seien jedoch nicht erfolgt, lässt der Vorsitzende wissen.

Ein gelungenes Straßenfest ist zweifellos eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. Beim demografischen Wandel, dem auch das Känguruh-Viertel unterworfen ist, bleibt die Frage, ob das inhaltlich auf Dauer für eine nachhaltige Nachbarschaftspflege reicht.

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