Stimmen aus dem Kreis Heinsberg: 100 Jahre Frauenwahlrecht

Frauenwahlrecht im Kreis Heinsberg: Auch 100 Jahre später immer noch nicht am Ziel

Starke Frauen erkämpften vor mehr als 100 Jahren das, was uns heute völlig selbstverständlich erscheint: das Recht für Frauen, wählen zu gehen. Heute vor einhundert Jahren – am 19. Januar 1919 – durften in Deutschland zum ersten Mal auch Frauen an den Wahlen zum Parlament der ersten deutschen Republik teilnehmen.

Das Frauenwahlrecht war nur der Anfang. Dinge, die Frauen vor einigen Jahrzehnten noch verboten waren, sind für die heutigen Verhältnisse so abstrus, dass man schmunzeln muss. So dürfen Frauen ohne Einwilligung ihres Ehemannes arbeiten gehen. Heute sind Frauen und Männer vor dem Gesetz gleich. „In Sachen Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ist in den letzten Jahren so unglaublich viel erreicht worden“, sagt Anneliese Wellens, Gleichstellungsbeauftragte für den Kreis Heinsberg.

An der Spitze unseres Landes steht seit fast 14 Jahren eine Frau, sechs Bundesministerien werden von Politikerinnen geführt und unter den Studierenden an den Universitäten halten sich Männlein und Weiblein schon lange die Waage.

Noch viele Ungleichheiten

Doch sind wir wirklich schon am Ziel angekommen? Sind Frauen und Männer nicht nur vor dem Gesetz gleich, sondern auch in ihren Chancen und Möglichkeiten? „Nein“, beantwortet Anneliese Wellens, diese Frage ganz deutlich. „Es bestehen noch viele Ungleichheiten – auch, beziehungsweise besonders hier bei uns im Kreis Heinsberg“, betont sie. Zwar seien die Verwaltungen in der Region auf einem sehr guten Weg, was die Gleichstellung anginge.

„Doch bei der Bevölkerung liegt noch vieles im Argen“, sagt Wellens und erklärt: „In den vergangenen 20 Jahren hat sich nicht viel verändert.“ Frauen würden auch bei gleichwertiger Arbeit und Qualifikation in vielen Bereichen noch immer schlechter bezahlt als Männer. „Und das mit fast 20 Prozent nicht nur minimal. Für diese sogenannte Gender Pay Gap gibt es überhaupt keinen rationalen Grund“, führt Wellens aus. Und noch ein weiteres Problem sieht sie bei der Chancengleichheit. „Mädchen haben bei der Schulbildung aufgeholt, doch das setzt sich in der beruflichen Karriere nicht fort“, bemängelt sie. Frauen seien in Führungspositionen auch weiter unterrepräsentiert.

Doch es gibt sie, die Frauen in Führungspositionen. Ingrid Lambertz hat sie genommen, die vielen Sprossen der Karriereleiter und ist nun Leiterin der Justizvollzugsanstalt Heinsberg. Leicht war es mitnichten. Doch sie ist der Überzeugung, dass für Frauen in Deutschland alles möglich ist. Das erfordere allerdings auch ein Umdenken bei den Frauen, ein stärkeres Infragestellen der traditionellen Rollenbilder. Als sie angefangen habe, erinnert sie sich, seien die Berufe im Justizvollzug noch von Männern dominiert gewesen. „Heute ist der Anteil von Frauen und Männern in diesem Bereich fast gleich“, sagt Ingrid Lambertz.

Auch, weil die Frauen bei den Einstellungsverfahren in der Regel besser abschneiden würden als die männlichen Bewerber, hat die JVA-Leiterin festgestellt. „Auch bei den Anstaltsleitungen liegen die Frauen mit den Männern fast gleichauf“, erklärt Lambertz. In ihren Anfangsjahren im Beruf aber musste sie sich durchboxen. „Ich glaube schon, dass ein Mann es damals leichter gehabt hat. Frauen wurden vor 20 Jahren noch große Steine in den Weg gelegt, wenn es darum ging, aufzusteigen“, sagt die JVA-Leiterin.

Damals habe häufiger Geschlecht als Qualifikation und Befähigung über den beruflichen Aufstieg entschieden, betont sie. Da habe die Politik inzwischen schon die richtigen Weichen gestellt, dass es nicht mehr so sei. Dass sie es als Frau schon vor Jahren in eine Führungsposition in der JVA geschafft hat, führt sie – neben ihrer Qualifikation – aber auch darauf zurück, dass sie nicht den typischen Karriereknick in ihrer Vita hat. „Ich bin nach der Geburt meiner Tochter nicht aus dem Job ausgestiegen“, sagt sie. Eine Tagesmutter hat ihre Tochter früh betreut, so habe sie den Spagat zwischen Kind und Karriere, Familie und Berufstätigkeit geschafft.

Den „Karriereknick“ bei Frauen nach der Familiengründung sieht auch Gleichstellungsbeauftragte Anneliese Wellens als einen der Gründe dafür, dass die Männer in Führungspositionen dominieren. „Unternehmen, die flexible Arbeitszeitmodelle bieten, und Kommunen, die die Betreuungsinfrastruktur bieten, müssten ihren Teil dazu beitragen, dass Frauen die Möglichkeit haben, Beruf und Familie zu vereinbaren“, sagt Wellens.

Doch – so räumt sie ehrlich ein – müssten die Frauen auch an sich selbst arbeiten. „Die Menschen im Kreis Heinsberg sind sehr wertkonservativ. Auch die jungen und hochgebildeten Frauen ändern an ihrem Rollenverhalten nur wenig – und das sehr langsam“, sagt sie. Denn noch immer seien es überwiegend Frauen, die nach der Geburt eines Kindes Elternzeit nähmen und danach in der Regel in sehr reduzierter Teilzeit und nicht in vollzeitnaher Teilzeit in den Beruf zurückkehrten. Und das über viele Jahre, auch dann noch, wenn die Kinder längst Flügge seien.

Denn zum einen sei es in vielen Bereichen schwer, wieder die Arbeitszeit aufzustocken. Damit säßen Frauen oft in der „Teilzeitfalle“. Zum anderen aber richteten sich viele, auch hochqualifizierte Frauen, aus Bequemlichkeit in der Teilzeit ein. Doch Wellens mahnt: „Auf den Mann als Versorger sollten sich Frauen heutzutage nicht mehr verlassen. Eine Ehe ist keine Lebensversicherung.“

Teilzeitarbeit schmälere nicht nur das Einkommen in jungen Jahren, sondern selbstverständlich auch die Rentenansprüche. „Für viele Frauen heißt das Armut bis ins hohe Alter. Das muss nicht sein“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Sie wünscht sich auch bei den Männern noch viel stärker eine Bewusstseinsänderung. „Männer müssen sich bei der häuslichen Arbeit noch mehr in der Verantwortung sehen. Frauen müssen das Gefühl haben, dass Karriere möglich ist, und das geht nur, wenn häusliche Arbeit gleich verteilt wird. “

Doch Chancengleichheit heißt in diesem Falle für Wellens auch: Männer sollten ebenfalls gleichberechtigten Zugang zu flexiblen Arbeitsmodellen haben. Und sie fordert die Frauen auf, zumindest den Versuch zu wagen, zügig und vollbeschäftigt in den Beruf zurückzukehren. Denn immerhin sei die Kinderbetreuung im Kreis zwar nicht perfekt, aber doch so gut, dass man es zumindest versuchen könne, findet sie.

Rollenverständnis anerzogen

Den Versuch hat vor vielen Jahren auch Rita Müllejans-Dickmann, Leiterin des Begas Haus, gewagt. Ihre eigene Mutter hatte am Tag ihrer Hochzeit den Job aufgeben müssen, ihrer Rita solle das nicht passieren, beschreibt die Museumsleiterin. Und so war ihr ein modernes Rollenverständnis bereits anerzogen: Müllejans-Dickmann ist bereits wenige Wochen nach der Geburt ihrer Kinder in den Job zurückgekehrt.

„Ich hatte Glück, dass meine Eltern die Kinderbetreuung übernehmen konnten und wollten“, sagt sie. Dass sie eine Führungsposition erreicht hätte, wenn sie lange pausiert hätte, glaubt sie nicht. „Ich muss gestehen, dass ich mich als Frau viele Jahre lang schwer durchkämpfen musste. Aber ich würde alles noch einmal genauso machen“, sagt sie. „Weder meine Kinder, noch meine Ehe haben einen Schaden genommen.“

 „Von dem Gedanken, dass es den Kindern schadet, wenn beide Elternteile arbeiten, muss man sich freimachen“, unterstützt sie auch Anneliese Wellens. „Unsere Nachbarländer wie Frankreich und Schweden machen es vor. Dort sind voll erwerbstätige Mütter keine Besonderheit. Frauen dürfen kein schlechtes Gewissen mehr haben“, sagt sie.

Und sie führt eine Studie der Oxford Universität an. „Die besagt, dass Kinder in Intelligenztests besser abschneiden, wenn ihre Mutter früh an den Arbeitsplatz zurückkehrt und Töchter berufstätiger Mütter eher in Führungspositionen arbeiten. Wenn das mal kein Argument ist...

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