„Starkverschmutzer“ in Wegberg zahlen künftig höhere Abwassergebühren

Abwassergebühren : „Starkverschmutzer“ zahlen künftig mehr

Eine lange Geschichte beendete Wegberger Rat in jüngster Sitzung mit der Einführung eines „verschmutzungsabhängigen Gebührenmaßstabes für die Abwassergebühren“. Ein Starkverschmutzerzuschlag soll ab dem 1. Januar 2020 die Wegberger Bürger bei den Abwassergebühren entlasten.

Bisher erfolgte die Ermittlung der Abwassergebühren in Wegberg auf Basis des Frischwasserverbrauchs. Das neue Gebührenmodell bewertet den Verschmutzungsgrad und die damit einhergehenden unterschiedlichen Kosten bei der Abwasserreinigung.

Das Ergebnis fällt für die Normalverbraucher magerer aus als erwartet. Eine wissenschaftliche Studie des Forschungsinstituts für Wasser- und Abfallwirtschaft an der RWTH Aachen kommt zu dem Schluss, dass der Anteil der auf Schmutzfrachten entfallenden Kosten im Jahr 2017 nur bei 21,3 Prozent lag und der überwiegende Anteil (78,7 Prozent) schmutzfrachtunabhängig war. Was in der fiktiven Berechnung für 2017 bedeutet, dass 650 000 Euro Kosten vorab an Starkverschmutzer verteilt worden wären, die Abwassergebühren wären dadurch lediglich um 24 Cent von damals 4,42 Euro auf 4,18 Euro je Kubikmeter gesunken.

Seit Jahren wird in Wegberg über die Einführung eines Starkverschmutzerzuschlages diskutiert. Die Kläranlage werde durch gewerbliche Nutzer (etwa eine Gerberei im Stadtgebiet) stark belastet, die Kosten für die verstärkte Zugabe von chemischen Zusätzen und eine gesteigerte Belüftung des Abwassers würden auf alle Nutzer der Kläranlage umgelegt. Das sei ungerecht, sagen die Kritiker.

4,29 Euro zahlten die Wegberger 2018 für einen Kubikmeter Abwasser. Zum Vergleich: In Erkelenz waren es nur 1,75 Euro. Die Verwaltung erklärte, dass die hohen Abwassergebühren auch darin begründet seien, dass in Wegberg zwei Kläranlagen (in Wegberg und im Ortsteil Dalheim) betrieben werden. Für beide fallen Personal, Unterhalts- und Bewirtschaftungskosten an, für beide müssen fixe Kosten umgelegt werden. Nur eine Kläranlage zu betreiben, sei zwar grundsätzlich technisch möglich, würde aber aufgrund der dann erforderlichen hohen Investitionskosten keine Entlastung für den Gebührenzahler bringen, hieß es 2015.

Für die Lederfabrik Heinen, eine Gerberei, die seit 1891 in der Wegberger Innenstadt ansässig ist, ist der verschmutzungsabhängige Gebührenmaßstab ein „tiefer Einschnitt“, wie Geschäftsführer Thomas Heinen betont. „Es kann dazu führen, dass die Firma in Wegberg schließen muss.“ Etwa 300 000 Euro zahle die Firma derzeit an Abwassergebühren, die neue Gebührenordnung würde diesen Betrag auf eine Million Euro erhöhen. „Wir werden deshalb zum Jahresende den ersten Teilschritt unserer Produktion nach Polen verlegen.“

Die Entscheidung des Rates findet er „schrecklich“: Existenzbedrohend für die Lederfabrik, ihre 100 Mitarbeiter und Familien. Da der Löwenanteil der Kosten auf schmutzfrachtunabhängiges Abwasser entfalle, werde der Gebührenzahler zudem jeden Euro, den die Firma Heinen künftig aufgrund der Produktionsverlagerung nicht zahlen müsse, auffangen müssen, was zwangsläufig wieder zu einer Gebührenerhöhung führen werde.

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