Heinsberg: Spannende Experimente mit Gedanken

Heinsberg: Spannende Experimente mit Gedanken

„Das war ja mal ganz was anderes“, erklärte eine passionierte Besucherin der Lesungen in der Heinsberger Buchhandlung Gollenstede nach gut einer Stunde mit Jürgen Wiebicke. Der Moderator des Philosophischen Radios von WDR 5 hatte zwar sein frisch gedrucktes, erstes Buch mit nach Heinsberg gebracht, aber darum ging es an diesem Abend eher am Rande.

„Dürfen wir so bleiben, wie wir sind? Gegen die Perfektionierung des Menschen — eine philosophische Intervention“ lautet sein Titel. Er wolle nicht monologisieren, begrüßte er zu seiner ersten Lesung überhaupt, vielmehr im Gespräch etwas entwickeln, „die Hörer einschalten“, ihnen das Mikrofon vor die Nase halten.

Und indem er die Gäste des Abends dann mitnahm in spannende Gedankenexperimente, brachte er ihnen sehr praktisch nahe, dass die Philosophie keinesfalls eine angestaubte Wissenschaft ist, wie sie vielfach wahrgenommen wird.

In seinem Buch habe er versucht, für den „Normalsterblichen“ aufzuschreiben, was die Philosophie aktuell ausmacht. Es gebe einen Bedarf, den Werten eine moderne Fassung zu geben, so dass die Menschen „geil darauf werden“ zu erfahren, was denn wertvoll ist, erklärte er.

Da passte dann doch ein kleiner Ausflug ins Vorwort. „Man stelle sich vor, wie ein Zeitgenosse des 22. Jahrhunderts sich über ein Kreuzworträtsel beugt, in dem nach einem veralteten Wort für menschliche Selbstüberschätzung gefragt wird“, las Wiebicke den ersten Satz aus seinem Vorwort. Er findet die Lösung: Würde. „Merkwürdiges Wort, denkt er.

Muss schon immer ein bisschen altertümlich geklungen haben.“ Und dann ging´s ab in die Gedankenexperimente. Da war zunächst die Frau, die am Tag der Hochzeit ihrer Freundin nicht gut drauf ist und ein Antidepressivum einwirft. „Ist das okay?“, fragte Wiebicke seine „Hörer“ und wies gleich darauf hin, dass es in der Philosophie keine Enthaltung gebe.

Er wartete nicht auf die Antwort, sondern forderte sie von seinem jeweiligen Gegenüber. Auch mit der Frage, ob es zulässig sei, sich mit „Hirndoping“ fit zu machen für den Job, entfachte er eine lebhafte Diskussion. Schnell wurde den Teilnehmern klar, dass es immer um eine Güterabwägung geht. „Sie können sich nie davon befreien“, so Wiebicke.

Das galt dann auch beim sogenannten Ultimatumspiel, bei dem ein Zuhörer mit seinem Nachbarn einen Zehn-Euro-Schein teilen sollte. Deutlich wurde hier der Widerstreit zwischen Fairness- und Nutzengedanken. Schließlich ging es in einem komplexeren Experiment darum zu entscheiden, einen Menschen zu opfern, um fünf andere zu retten oder ihn zu verschonen. Gerne hätten sich die Gäste des Abends zusammen mit dem Autor noch mehr Einblicke in die Neurowissenschaften und in die aktuellen Strömungen der Philosophie gewünscht.

„Er hat mich zum Nachdenken gebracht“, resümierte ein Zuhörer und freute sich, nicht nur Konsument von Gehörtem gewesen zu sein.

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