Heinsberg: Sozialarbeiterin in Kita: Eingreifen, bevor es vielleicht zu spät ist

Heinsberg: Sozialarbeiterin in Kita: Eingreifen, bevor es vielleicht zu spät ist

Bernd Kleinjans, der Leiter des Heinsberger Jugendamtes, und sein Stellvertreter Peter Maaßen sind überrascht. Beide hätten nicht geglaubt, dass ihre Idee, eine Sozialarbeiterin für die elf Kindertagesstätten der Stadt Heinsberg einzusetzen, in der Region bis weit über den Kreis Heinsberg hinaus offenbar ein Novum ist.

„Das nächste Jugendamt, das dies praktiziert, liegt unseres Wissens nach in Bochum“, sagt Kleinjans. „Es hat uns sehr gewundert, dass ein solch elementares Projekt noch nie durchgeführt wurde.“

Bernd Kleinjans, der Leiter des Heinsberger Jugendamtes (links), und sein Stellvertreter Peter Maaßen gehen in der Kinderbetreuung neue Wege. Foto: Herwartz

Die 24-jährige Sozialarbeiterin Saskia Schlebusch, die ihren Bachelor in Aachen absolvierte, hat bereits zum 1. August die „Kita-Sozialarbeit“ in der Kreisstadt übernommen, unterstützt vom Land NRW im Rahmen der plusKita-Förderung. „Kein Kind zurück lassen! Kommunen beugen vor“ — hinter diesem Slogan verberge sich die präventive Idee der früheren Landesregierung, Kinder und Familien zu begleiten und zu fördern, erläutert Kleinjans.

Saskia Schlebusch ist die neue Kita-Sozialarbeiterin der Stadt Heinsberg. Foto: Herwartz

„Diesem Motto hat sich auch die Stadt Heinsberg verschrieben und möchte durch die Einrichtung einer vollen Stelle im Bereich Kita-Sozialarbeit für alle kommunalen Kindertagesstätten neue Wege gehen.“ Sogenannte „bildungsbenachteiligte Eltern“ sollen motiviert werden, vorhandene Angebote wie etwa die Erziehungsberatung oder ambulante Erziehungshilfen des Jugendamtes rechtzeitig wahrzunehmen.

Die Kita-Sozialarbeit richte sich speziell an das „prekäre Milieu“, damit Chancengleichheit noch vor der Schule hergestellt werden könne. „Es ist unstrittig schon seit Jahrzehnten, je früher man aktiv wird, desto einfacher ist es, in diese Familienstrukturen einzugreifen, um positive Entwicklungen zu bewirken“, sagt Kleinjans. „Wenn die Struktur einmal festgefahren ist, wird es immer schwieriger.“

Sozialarbeiterin ist Anlauf- und Beratungsstelle

Und das nicht nur im Hinblick auf das Kindeswohl, sondern auch auf die Kasse der Stadt. Etwa sechs Millionen Euro werden in jedem Jahr für Heimerziehung und Familienhilfe fällig. Pflichtaufgaben, denen sich die Kommune nicht entziehen kann. Eine freie Spitze für freiwillige Aufgaben werde dadurch immer kleiner.

„Wir haben derzeit sieben Fälle im Intensivbereich, die uns jeden Monat 7200 Euro pro Kopf kosten.“ Kosten, die erst gar nicht entstehen müssten, wenn nur früh genug eingegriffen werde, glaubt Kleinjans.

Bei der neuen Kita-Sozialarbeiterin handelt es sich um eine Anlauf- und Beratungsstelle für alle am Kita-Leben der Kinder Beteiligten. Sie bietet fachlich kompetente Unterstützung, Beratung, Begleitung und Soforthilfe in Krisensituationen. „Eltern suchen freiwillig meine Hilfe“, erzählt Saskia Schlebusch, die auch gelernte Heil- und Erziehungspflegerin ist. Durch ein halbjähriges Praktikum hatte sie ihren neuen Wirkungsbereich in Heinsberg kennengelernt. Mittlerweile betreut sie schon 25 Familien, Tendenz steigend.

Durch den niederschwelligen und aufsuchenden Charakter sei die Kita-Sozialarbeit Prävention und Intervention zugleich, erläutert Peter Maaßen. „Zielgruppen sind Familien, deren Nachwuchs bis zum schulpflichtigen Alter in den kommunalen Kindertagesstätten oder über eine Tagespflege betreut werden. Ferner alle am Familien- und Kita- oder Tagesmutter-Leben eingebundenen Akteure.“

Viele alleinerziehende Elternteile

Die auftretenden Probleme seien vielschichtiger Natur, beschreibt Saskia Schlebusch die Situation. Das Spektrum reiche von Entwicklungsverzögerungen der Kinder über Grenzüberschreitungen im Verhalten bis zu Kindesmissbrauch oder Verwahrlosung.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Aspekt: „Viele Klienten haben als Muttersprache nicht die deutsche Sprache,“ sagt die Sozialarbeiterin. Von den 25 Fällen, mit denen sie derzeit beschäftigt ist, befänden sich 20 Kinder in der Obhut alleinerziehender Eltern.

„Im Kindergarten sind die Kinder quasi erstmals in der Öffentlichkeit. Wenn es Verhaltensauffälligkeiten gibt, treten sie hier zutage.“ Ihre Aufgabe sei dann, die Probleme zu analysieren und zu vermitteln. Es gehe dabei auch um die Wahrnehmung und Begleitung von Terminen, zum Beispiel beim Jugendamt, im Jobcenter, beim Kinderarzt, dem Logopäden, dem Ergotherapeuten oder der ambulanten Kinder- und Jugendpsychiatrie.

uch die Aufklärung über finanzielle Hilfe gehöre dazu. „Bisher war es so, dass mir die Familien offen begegnet sind“, freut sich Saskia Schlebusch, die derzeit noch eine Fortbildung zur Kinderschutzfachkraft absolviert. Eine Hospitanz bei den Bochumer Kollegen ist auch geplant. Das vom Land mit 90 Prozent der Kosten geförderte Projekt sei zunächst auf zwei Jahre angelegt, doch wenn es sich weiter so gut entwickelt, dürfte Saskia Schlebusch der Stadt durch den Erfolg der Prävention vielleicht am Ende so viel Geld einsparen, dass sich die Stelle auch ohne Förderung bezahlt macht.