Kreissynode Jülich tagt: Sorge vor einem sich ändernden Menschenbild

Kreissynode Jülich tagt : Sorge vor einem sich ändernden Menschenbild

„Haltung finden – Zukunft gestalten“ lautete der Leitgedanke, mit dem Superintendent Jens Sannig seinen Bericht zur ordentlichen Tagung der Kreissynode Jülich überschrieben hatte. Sie fand im Gemeindezentrum der evangelischen Kirchengemeinde in Hückelhoven statt.

Aus einem Blick ins Alte Testament leitete Sannig gleich zu Beginn seiner Rede seine Grundthese zur Haltung der Kirche ab: „Wenn Kirche zu politischen Themen Stellung bezieht, bleibt sie bei ihrem Auftrag als Kirche, indem sie von den Konsequenzen des Glaubens spricht und die Vision Gottes in die Auseinandersetzungen der Zeit einbringt.“ Das will er vor allem bei „der Veränderung des Menschenbildes“ tun, das er aktuell mit Sorge betrachtet. „Es gab in diesem Jahr plötzlich zwei Meinungen darüber, ob man Menschen, die in Lebensgefahr sind, retten oder lieber ertrinken lassen soll“, erklärte er. Hier gelte es, mit einer groß Angelegten „Gegenkampagne für Menschlichkeit“ gegenzusteuern, die in Vorbereitung sei. Kritisch ging er mit der AfD ins Gericht: „Es ist nicht vereinbar mit dem Gebot Gottes, diese Partei zu wählen!“, betonte er.

Auf das von der evangelischen Kirche im Rheinland herausgegebene Friedenswort ging Sannig ebenfalls ein. „Die wiederkehrende und zunehmende Bereitschaft, militärische Mittel als Ultima Ratio anzuerkennen, muss abgelöst werden durch die Prima Ratio gewaltfreier Konfliktlösungen“, betonte er. Im weiteren Verlauf der Synode wurde das Thema in Arbeitsgruppen vertieft mit entsprechenden „Praxisnormen“, die in der United Church of Christ (UCC) in den USA, der Partnerkirche der evangelischen Kirche im Rheinland, entstanden sind.

 Klare Worte fand der Superintendent in puncto Braunkohleabbau: „Die sinnlose weitere Zerstörung von Heimat und Kulturlandschaft muss gestoppt werden“, erklärte er. „Das Überleben der Menschheit steht auf dem Spiel. Klarer kann es nicht mehr gesagt werden“, schickte er seiner Forderung nach einer Transformation hin zu einer klima- und sozialgerechten Weltgesellschaft voraus. „Wir werden hier auch nach der Braunkohle noch gute Arbeit haben können“, erläuterte er diesen Punkt in einer anschließenden Pressekonferenz. Es gebe viel Potenzial für die Entwicklung klimagerechter Technologien, die weltweit gebraucht würden. Dabei sah er das rheinische Revier, weiter in seiner Rede, als „Modellregion für den gesellschaftlichen Wandel“. Seine Vision ist gar ein entsprechender Lehrstuhl an der Hochschule in Aachen.

Um die Kirche selbst weiter zu entwickeln, sei ein Zuhör-Prozess in Gang gesetzt worden, so Sannig weiter. Ein erstes Fazit soll bei der Synode 2019 vorgestellt werden. Problematisch sieht er dabei den zunehmenden Relevanzverlust von Kirche. Seine Gedanken gehen dahin, die Gemeinde Gottes für alle Menschen zu öffnen, unabhängig von ihrer Kirchenmitgliedschaft, und kreative Lösungen zu suchen, wozu sich der Kirchenkreis auch dem „DigitalHub“ in Aachen angeschlossen habe. Werde der Zusammenhang von Menschsein und Nachhaltigkeit nicht aus dem Blick verloren, „haben wir gute Chancen, dass uns die Kunst der Transformation gelingt“, schloss er.

In der Pressekonferenz erläuterte Sannig wie in seiner Rede mit den Gästen von der evangelischen Partnerkirche in Marokko (EEAM) noch einmal das gemeinsame Engagement für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Rund 150 junge Menschen seien im Projekt „Vivre l´Espoir“ (Hoffnung leben) seit September 2017 aufgenommen worden.