Heinsberg: Sonntagsöffnung: Händler würden gerne selbst bestimmen

Heinsberg: Sonntagsöffnung: Händler würden gerne selbst bestimmen

Nicht nur die Fahrgeschäfte werden am kommenden Sonntag in der Heinsberger Innenstadt anlässlich der Kirmes auf dem Marktplatz ihre Runden drehen. Die Einzelhändler werden zwischen 13 und 18 Uhr ebenfalls ihre Türen öffnen.

So ist es derzeit in Nordrhein-Westfalen erlaubt, für maximal fünf Stunden an bis zu vier Sonn- und Feiertagen pro Jahr „aus Anlass von örtlichen Festen, Märkten, Messen oder ähnlichen Veranstaltungen“, so das noch geltende Ladenöffnungsgesetz.

Geht es nach dem druckfrischen Koalitionsvertrag von CDU und FDP in Nordrhein-Westfalen, soll es verkaufsoffene Sonntage künftig sogar an bis zu acht Terminen jährlich geben dürfen. Zudem soll das Ladenöffnungsgesetz rechtssicherer gemacht werden. „Wir wollen den stationären Einzelhandel im zunehmenden Wettbewerb insbesondere mit dem Online-Handel stärken“, heißt es dazu im Koalitionsvertrag.

Peter Heinrichs, Vorsitzender des Heinsberger Gewerbe- und Verkehrsvereins, hätte sich aufgrund der Lage Heinsbergs an der Grenze zu den Niederlanden auch eine Ausdehnung auf zehn Sonntage durchaus vorstellen können, und eine neue Initiative namens „Selbstbestimmter Sonntag“ will die Geschäfte ohne jegliche Einschränkung öffnen dürfen.

In Heinsbergs niederländischer Nachbarstadt Roermond sind die Geschäfte an fast jedem Sonntag geöffnet. Der kommende Sonntag ist dort schon der 25\. verkaufsoffene Termin in diesem Jahr. Eigentlich ist Heinrichs, zugleich Vorsitzender des Handelsausschusses der IHK Aachen und Mitglied im Handelsausschuss des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, sogar dafür, das Ladenöffnungsgesetz ganz abzuschaffen.

Nicht, weil er sein Geschäft in der Heinsberger Innenstadt selbst gern jeden Sonntag öffnen würde. „Eigentlich würde sich dadurch hier in Heinsberg gar nicht viel ändern“, sagt er. „Aber wir würden hier selbst die Koordination übernehmen und es gäbe auch keine rechtlichen Unsicherheiten mehr“, betont er. „Zudem könnten regionale Besonderheiten doch viel besser berücksichtigt werden.“

Offene Geschäfte an jedem Sonntag hält er zudem schlichtweg für „schlecht“. Ein verkaufsoffener Sonntag müsse etwas Besonders bleiben. Da pflichtet ihm sein Nachbar und Buchhändler Marcus Mesche bei: Würde jeder Sonntag verkaufsoffen sein, würde er zum normalen Werktag werden, erklärt er. Und das wollen natürlich auch die beiden Heinsberger Pfarrer nicht, Propst Markus Bruns und sein evangelischer Kollege Sebastian Walde.

„Ein arbeitsfreier Tag pro Woche ist ein hohes kulturelles Gut“, sagt Bruns. „Es tut dem Menschen gut, zur Ruhe kommen zu können, sich zu erholen und Zeit zu haben für die Begegnung mit anderen Menschen: in der Familie, im Freundeskreis, im Verein.“ Auch der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes könne da „wirklich heilsam sein in einer heillos hektischen Zeit“. Für nicht wenig Geld würden derzeit überall Seminare für gestresste und von Burn-out gefährdete Menschen angeboten. „Ich möchte nicht, dass der Sonntag als ein Tag der ‚Entschleunigung‘ zunehmend torpediert und kaputt gemacht wird.“

Nicht nur theologisch und menschlich, sondern auch wirtschaftlich hält Walde den freien Sonntag für „absolut bewahrenswert.“ Der neuen Initiative gehe es doch gar nicht um einen „selbstbestimmten“, sondern um einen vom Internet bestimmten Sonntag. „Der Nachteil des stationären Handels gegenüber dem Internethandel kann aber durch geänderte Öffnungszeiten nicht behoben werden, denn mehr Öffnungszeiten bedeuten auch mehr Personalkosten, die im Internethandel eben nicht anfallen“, sagt er.

Kleine Einzelhändler würden sich gezwungen sehen, nun auch noch am Sonntag selbst im Laden zu stehen, und das sei alles andere als selbstbestimmt. „Wer den Sonntag zum verkaufsoffenen Alltag machen will, der verschleudert ein hohes Gut zu einem fragwürdigen Preis.“

Das sehen übrigens auch Einwohner und damit Kunden so, die voll berufstätig sind und die eigentlich über Einkaufsmöglichkeiten am Sonntag froh sein könnten, wie Architektin Inge Schmitz aus Randerath zum Beispiel. „Gerade in unserer hektischen Zeit ist es doch schwierig, persönliche Kontakte zu pflegen“, sagt sie. Da sollte der Sonntag nicht über das absolut notwendige Maß hinaus ein Arbeitstag sein.

Sogar Margot Forscheln aus Kempen, die derzeit selbst sonntags für zweieinhalb Stunden Blumen verkauft, sieht das so. „Wie es jetzt in Heinsberg ist, ist es doch gut“, sagt sie. Ihre kurze Sonntagsarbeit macht ihr nichts aus. „Wir müssen doch dann sowieso gießen“, erklärt sie. Aber ansonsten solle der Sonntag für die Familie da sein „oder für einen selbst“, so ihre Meinung. Wünschen würde sie sich allerdings für Heinsberg eine einheitliche Ladenöffnung am Samstag. „Ich schaue inzwischen immer schon im Internet nach, ehe ich samstags losfahre, um etwas einzukaufen“, betont sie.

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