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Schüsse in Doveren​: Sieben Jahre Haft für Täter

„Versuchter Mord“ in Doveren : Sieben Jahre Haft nach Schüssen auf fahrendes Auto

Das Urteil im Prozess wegen der Schüsse auf ein fahrendes Auto in Doveren ist gesprochen. Der Prozess entwickelte sich zum Krimi, an dessen Ende sogar ein unbekannter Dritter ins Spiel gebracht wird.

Inhalt des Artikels

Der elfte Verhandlungstag im Fall der Schüsse auf ein fahrendes Auto in Doveren dauerte sechs Stunden und lieferte Stoff für ein ziemlich schräges Drehbuch. Der Anwalt der Nebenklage nennt es einen Krimi, und zwar einen von der Sorte, bei der man lieber nicht in der Haut derjenigen stecken wollte, die über Schuld und Unschuld zu entscheiden haben. Dabei war, wie Oberstaatsanwältin Carola Guddat später in ihrem Plädoyer sagte, zum Glück „nicht viel“ passiert. Doch das sei nicht das Verdienst der Angeklagten, sondern reiner Zufall gewesen. Deshalb lautete die Anklage auch „versuchter Mord“, und bei diesem Vorwurf blieb es, obwohl es zum Ende des Prozesses noch eine überraschende Wendung gab. Ein Drehbuch dieses Krimis wäre recht seitenstark.

Die Tat

Am Abend des 23. Februar, etwa um viertel nach Zehn, einen Tag vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine, fallen drei Schüsse im dörflichen Umfeld der Stadt Hückelhoven. Die Kugeln treffen einen Wagen, der in diesem Moment das Ortseingangsschild Doveren passiert. Eine geht in den Radkasten, eine streift das Schutzblech, eine dritte schlägt in die Tür ein.

Der helle Audi A4 ist neu, gerade ein paar Monate alt. Bei diesem Modell befindet sich in der Mitte der Türverkleidung eine Verstärkung aus Metall, deshalb dringt die Kugel nicht in den Innenraum ein. Der 37-jährige Fahrer des Wagens bleibt unverletzt, trägt aber ein Trauma davon. Er ist neun Monate nach der Tat nur noch eingeschränkt arbeitsfähig und befindet sich in psychologischer Behandlung. Hager und abgekämpft sitzt er hinter dem Tisch der Nebenklage und lässt sich mit angestrengtem Gesicht die zahllosen Beweise, Zeugenaussagen und Ermittlungsergebnisse von der türkischen Dolmetscherin übersetzen.

Die Angeklagten

Zwei Angeklagte sitzen ihm gegenüber. Ein Mann aus Hückelhoven, der seinen 54. Geburtstag im Gefängnis gefeiert hat, und ein 32-Jähriger aus Linnich. Er kennt sie beide. Sie haben lange gemeinsam bei einem großen Unternehmen in Hückelhoven-Baal gearbeitet.

Der 54-Jährige stand in der Hierarchie über den beiden Jüngeren. Er gab als Abteilungsleiter den Ton an, das 37-jährige Opfer war Schichtleiter, der 32-jährige Linnicher arbeitete unter ihnen. Die Begegnungen in der Firma endeten im November 2021, weil das Unternehmen einen Auflösungsvertrag mit dem Abteilungsleiter vereinbarte. Der Grund: Drei Kolleginnen hatten sich beklagt, dass er sie sexuell belästigt habe.

Das Motiv

Der Job war das Leben des 54-jährigen Angeklagten. Die Mitarbeiter waren für ihn wie eine Familie, man hatte miteinander gegessen und gescherzt, aber auch geschuftet. Er hatte sich ohne Schulabschluss hochgearbeitet bis zum Posten des Abteilungsleiters. Die Vorwürfe gegen ihn empfand er als Racheakt, als Verschwörung, als Ablehnung seiner kurdischen Herkunft oder als Griff nach seinem Posten. In einer WhatsApp-Nachricht drohte er, dass dem späteren Opfer etwas passieren würde.

Die Verschwörer

Die beiden Angeklagten kennen sich gut. Der Jüngere hat dem Älteren seinen Job zu verdanken. Für ihn ist er eine Respektsperson, die er mit der türkischen Höflichkeitsformel „Abi“, Bruder, anspricht. Er gibt zu, ihm geholfen zu haben: beim Renovieren, beim Ausspionieren, beim Waffe besorgen. Auch eine Unterschriftenliste hat er rumgehen lassen, um seine Wiedereinstellung zu bewirken.

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Der 32-Jährige lebt seit zwölf Jahren in Linnich. Verheiratet, drei Kinder, aus der Türkei geflohen, weil seine Familie als Kurden ausgegrenzt wurde. Er kann auf Türkisch schreiben und lesen, eine Schulbildung hat er nicht abgeschlossen. Seine Lehrer seien ermordet worden, sagt er. Korrekt frisiert und im weißen Hemd mit Mantel erscheint er zum ersten Verhandlungstag. Zu dem Zeitpunkt ist sein Haftbefehl ausgesetzt. Er erwartet eine Strafe wegen Beihilfe.

Der Prozess

Von vier Verhandlungstagen war das Schwurgericht zu Beginn ausgegangen, es wurden viele mehr, in denen zahlreiche Zeugen angehört, Funkzellenprotokolle ausgelesen und zu viele formal unkorrekte Beweisanträge wortreich abgelehnt wurden. Das Gericht musste sich ein Bild davon machen, ob der Hauptangeklagte nach zwei Schlaganfällen wirklich kaum laufen konnte, ob er der lustige Vorgesetzte war, der mal ein Späßchen machte, oder ob aufbrausend, polternd und anzüglich mit seinen Arbeitskollegen umging, wie diese fast einstimmig aussagten. Zu seinen Raucherpausen schwang der Hückelhovener sich jedenfalls agil und stolperfrei hinter der Anklagebank hervor, und seinen Unmut über die fortgesetzte Haft war noch zwei Stockwerke höher hörbar.

Am schwierigsten war die Aussage des der Beihilfe beschuldigten Linnichers zu bewerten. Sie strotze nur so von Widersprüchen. Er sagte, dass er den Älteren zur Bushaltestelle gefahren zu haben, wo dieser auf das Opfer schoss. Er selbst sei zuvor weggefahren. Die Aussage passte allerdings nicht dazu, dass sich sein Handy in der Funkzelle des Tatorts befunden und sein Schrittzähler eine Bewegung von mindestens hundert Metern in der Zeit zwischen 22 und 22.17 Uhr aufgezeichnet hatte. Und wie hätte der Hückelhovener die Strecke zu Fuß zurück bewältigen können? Die Chance, diese Widersprüche innerhalb der ersten zehn Prozesstage aufzuklären, ergriff er nicht.

Erst am letzten Tag gab er zu, bei der Tat dabei gewesen zu sein. Geschossen habe aber der 54-Jährige. Das war das dritte Mal, dass der 32-Jährige seine Aussage änderte. Bei seiner ersten Vernehmung bei der Polizei, stritt er alles ab, als jedoch Bilder einer Waffe, zu der die am Tatort gefundenen Patronen passten, auf seinem Handy gefunden wurden, machte er eine Aussage, die den Älteren zum Hauptverdächtigen machte. „Wir können ihm nicht mehr glauben“, sagte der Vorsitzende Richter Martin Alberring.

Glauben konnte die Kammer des Schwurgerichts aber auch dem Hauptangeklagten nicht, denn dieser beantwortete einfach keine Fragen. Auch nicht die, warum er alle Nachrichten des Linnichers von seinem Handy gelöscht hat.

Das Handy und die Wende

Aber auch Löschen hilft nicht viel, die Handys der Angeklagten waren das wichtigste Beweismittel dieses Falles. Bilder der Waffe, wiederhergestellte Nachrichten, Bewegungsprofile und Standorte ließen sich von ihnen ablesen, und sie brachten am Ende den entscheidenden Hinweis: Das Handy des 54-Jährigen wurde im Tatzeitraum an seiner Wohnadresse aktiv benutzt. Für das Gericht der Beweis, dass er nicht am Tatort gewesen war. Am zehnten Prozesstag klicken deshalb wieder die Handschellen für den Linnicher. Statt der Beihilfe stand jetzt seine Täterschaft im Raum. Oder doch nicht?

Der unbekannte Dritte

Einigermaßen überraschend tauchte im Plädoyer des Anwalts der Nebenklage plötzlich ein unbekannter Dritter auf. War das die Verzweiflung, bei einem Fall mit wenigen eindeutigen Beweisen eine klare Schuldzuweisung aussprechen zu müssen? Wenn es der 54-Jährige aus Hückelhoven nicht gewesen sein könne und der 32-Jährige aus Linnich beteuerte, nicht geschossen zu haben, könnte es doch ein Dritter gewesen sein, regte der Jurist an. Weil es aber kein Krimi, sondern ein auf Indizien basierter Gerichtsprozess war, folgte die Kammer dieser spontanen Eingebung nicht. Es fehlten schlicht die Beweise.

Das Urteil

Sieben Jahre Haft für beide Angeklagten, so lautete schließlich das Urteil des Schwurgerichts. Nach deutschem Recht erhalten Täter und Anstifter dieselbe Strafe. Zwar räumte der Vorsitzende Richter Alberring in seiner Erklärung ein, dass der Schütze eine härtere Strafe wegen seiner größeren Beteiligung verdient hätte, doch wirke sich für den 32-Jährigen strafmildernd aus, dass er den Prozess mit seiner Aussage überhaupt erst möglich gemacht und Reue („Der größte Fehler meines Lebens“) gezeigt hatte, während der 54-Jährige von Beginn an mauerte („Das müssen Sie mir erst einmal beweisen“). Er beantwortete keine Fragen, erklärte keine Ungereimtheiten, saß nur neben seiner Kölner Strafverteidigerin und grinste.

Das ist das vorläufige Ende dieses Krimis. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, es kann noch Berufung eingelegt werden, so lange bleiben beide Angeklagten in Haft.