Heinsberg-Dremmen: Schlammlawine macht Haus unbewohnbar

Heinsberg-Dremmen : Schlammlawine macht Haus unbewohnbar

Es gibt Tage oder Nächte, die man im Leben nicht mehr vergessen wird, eine solche Nacht brach für Marlene Lensing und ihre beiden Jungs nur wenige Minuten vor dem mitternächtlichen Glockenschlag zum 30. April an.

„Wir waren schon im Bett. Mein ältester Sohn Thorsten ging gegen 23.30 Uhr noch mal nach unten, um eine Zigarette zu rauchen.“ Doch dazu sollte es nicht mehr kommen, denn plötzlich und unerwartet brach mit einem lauten Knall das Fenster zum Innenhof auf und riesige Mengen Wasser und Schlamm ergossen sich sintflutartig in das Gebäude an der Jülicher Straße.

„Ich habe den Rest der Familie geweckt und die neue Kaffeemaschine gerettet“, erinnert sich Thorsten. Diese sollte allerdings alles sein, was die Familie noch vor den Schlammmassen in Sicherheit bringen konnte. Die untere Etage erinnert heute nur noch an einen Rohbau. Mobiliar, Fernseher, Computer, Tapeten, Böden, Türen — alles wurde in nur einer Nacht vernichtet.

Das Haus von Marlene Lensing ist nur eines von mehreren, die vor Jahrzehnten direkt an einem Hang gebaut wurden, an dessen oberem Ende sich eine landwirtschaftliche Fläche befindet. Durch den Starkregen war der Boden aufgeweicht und mit dem Wasser wie eine Lawine den Hang hinabgelaufen, direkt in die kleinen Innenhöfe mehrerer Häuser, deren Drainagen die Mengen schon in Sekundenbruchteilen nicht mehr bewältigen konnten.

Auch der 72-jährige Franz Bischof, der mit seiner 79 Jahre alten Frau nur drei Häuser weiter wohnt, war betroffen. „Es war das dritte Mal in zwei Jahren, deshalb hatte ich, als es nicht mehr aufhörte zu regnen, schon Möbel hochgestellt. Bischof war aus dem in einem höheren Stockwerk gelegenen Schlafzimmer ins Erdgeschoss gegangen, um die hölzerne Dielentüre aufzuschließen, damit das Wasser, dass die Außentreppe herunterlief, gleich über den Flur und die Haustüre bis auf die Straße durchlaufen sollte.

Weil das Wasser schon von Innen massiv gegen die Dielentüre drückte, ließ sie sich zunächst jedoch gar nicht öffnen. Erst als der Senior sich dagegen presste, klappte es. Allerdings schlug ihm die Tür nun mit solcher Wucht entgegen, dass es ihn im eigenen Hausflur niederstreckte. „Ich war mit meinen Kräften am Ende“, sagt er.

Auch die 82-jährige Schwiegermutter von Natascha Lemke trug in der Horrornacht erhebliche Blessuren davon. Die alte Dame, die mit Natascha Lemkes Familie gleich neben Marlene Lensing wohnt, hatte den Wasseransturm in der Nacht bemerkt. „Meine Schwiegermutter ist ausgerutscht und hat sich alles geprellt, als sie versuchte, die Haustür aufzumachen, um das Wasser durchzulassen. Ein Nachbar hat sie gefunden.“ Noch in der Nacht wurde die alte Dame ins Krankenhaus gebracht.

„Bis morgens um 7 haben wir Wasser geschippt, dann kam der Schlamm dran“, sagt Natascha Lemke. Bei Marlene Lensing war es noch schlimmer: „Wir haben zwei Tage durchgemacht. Wenn jetzt eine Unwetterwarnung kommt, geraten wir alle in Panik.“ Das sieht auch Franz Bischof so: „Man traut sich kaum noch, aus dem Haus zu gehen, wenn es regnet, geschweige denn in Urlaub zu fahren.“

Heinsbergs SPD-Vorsitzender Dr. Hans Josef Voßenkaul kennt das Problem an der Jülicher Straße im Bereich zwischen der Einmündung An der Eiche und der Autobahnbrücke, denn auch Verwandtschaft von ihm ist hier zu Hause. „Es ist ein uraltes Problem. Ich kann mich erinnern, dass es schon vor 50 Jahren so war. Es muss ein Graben gezogen werden, der das Wasser abhält“, glaubt er.

Marlene Lensing ist da skeptisch: „Ich weiß nicht, ob ein Graben reicht. Aus meiner Sicht müsste ein Regenrückhaltebecken hin.“ Franz Bischof will da nicht spekulieren: „Ich weiß nur soviel, dass ich 25 Jahre nichts hatte — bis vor zwei Jahren der Graben oben am Feld verschwunden ist.“

Die SPD bittet nun in einem Antrag an den Bürgermeister, den Punkt „Sicherung der Anwohner an der Jülicher Straße vor Hochwasserschäden“ in die Tagesordnung der nächsten Ratssitzung aufzunehmen. Laut Bürgermeister Wolfgang Dieder stehe die Lösung des Problems allerdings schon fest, denn die landwirtschaftlich genutzten Grundstücke, von denen Wasser und Schlamm hinabrutschten, gehören der Stadt. Zum Fruchtwechsel im Herbst werden nun per neuem Pachtvertrag die Flächen auf Dauergrünland umgestellt und am Rand eine Geländemulde ausgehoben, wodurch das Problem behoben sein sollte.

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